„Die gebotene Loyalität wird verletzt“

Ein Gespräch mit dem Münchner Kirchenrechtler Stephan Haering OSB über das Memorandum von Erzbischof Carlo Maria Vigano. Von Regina Einig
Kirchenrechtler Stephan Haering OSB

Herr Professor Haering, stellt die Erklärung Erzbischof Viganos einen Bruch der dienstlichen Diskretionsverpflichtungen des vormaligen Nuntius dar? Oder kann er sich auf höheres Recht berufen?

In jedem Unternehmen und jeder Behörde besteht für alle Mitarbeiter eine Verpflichtung, interne Dinge nicht nach außen zu tragen. Beamte verpflichten sich ausdrücklich, über dienstliche Angelegenheiten gegenüber Außenstehenden das Stillschweigen zu bewahren. Ähnlich ist es in der katholischen Kirche. Für die Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats etwa sieht das kirchliche Gesetzbuch ausdrücklich die Pflicht zur Wahrung des Amtsgeheimnisses vor (c. 471 CIC).

Der Fall von Erzbischof Carlo Maria Vigano ist noch einmal besonders gelagert. Hier besteht sogar noch eine spezielle Verpflichtung zur Verschwiegenheit, denn die in seinem Papier zur Sprache gebrachten Vorgänge fallen als Angelegenheiten des Staatssekretariats unter das sogenannte „Päpstliche Geheimnis“ (secretum pontificium). Insoweit macht sich der Apostolische Nuntius formal gesehen sogar strafbar. Er beruft sich aber seinerseits gewissermaßen auf ein höheres Recht aus seinem Bischofsamt. Als katholischer Bischof und Mitglied des Bischofskollegiums sieht er sich im Gewissen verpflichtet, durch die Bekanntmachung seiner Kenntnisse endlich eine wirkliche Klärung der Verhältnisse herbeizuführen und so das Wohl der Kirche zu fördern.

Ist in diesem Sinne die öffentlich geäußerte Aufforderung eines Erzbischofs, der Papst solle zurücktreten, eine Loyalitätsverletzung?

Es ist ein unerhörter Vorgang, dass ein katholischer Bischof öffentlich den Rücktritt des rechtmäßig amtierenden Papstes fordert beziehungsweise als erwünschte Option formuliert. Zweifellos wird damit die gebotene Loyalität gegenüber der Person des Papstes verletzt. Doch, wie gesagt, auch in diesem Punkt beruft sich Erzbischof Vigano auf sein Gewissen und auf seine Loyalität zur Kirche insgesamt.

Der Darstellung Viganos nach hat bereits Benedikt XVI. Kardinal McCarrick mit Sanktionen belegt, an die sich McCarrick aber offenbar nie gehalten hat. In welcher Form müssten diese verhängt worden sein, um wirksam zu werden? Bedarf es der Schriftform? Oder genügt der mündlich geäußerte Wunsch des Papstes?

Über Bischöfe und Kardinäle richtet allein der Papst. In welcher Form von ihm erforderlich gehaltene Sanktionen erlassen werden, ist ganz dem Papst überlassen. Auch eine mündliche päpstliche Weisung wäre ohne weiteres rechtswirksam. Dem Papst steht es auch frei, darüber zu entscheiden, ob die von ihm verhängten Sanktionen allgemein bekannt gemacht oder nur einem begrenzten Personenkreis mitgeteilt werden.

Ist das von Erzbischof Vigano kritisierte Verschweigen/ Wegsehen etlicher Bischöfe im Fall McCarrick aus kirchenrechtlicher Sicht strafbar?

Jeder katholische Bischof trägt hohe Verantwortung nicht nur für seinen engeren Amtsbereich, beispielsweise seine Diözese, sondern er ist als Mitglied des Bischofskollegiums auch für die ganze Kirche verantwortlich. Wie diese Verantwortung jeweils konkret wahrgenommen wird, hängt von vielen verschiedenen Umständen und Faktoren ab. Jedenfalls kann dazu auch gehören, den Papst beziehungsweise dessen enge Mitarbeiter, wie den Staatssekretär oder den Präfekten der Kongregation für die Bischöfe, auf sittliche Probleme in der Lebensführung eines Bischofs aufmerksam zu machen, wie sie bei McCarrick offensichtlich vielen bekannt gewesen sind. Man kann hier durchaus an den kanonischen Straftatbestand der Amtspflichtverletzung und eine Bestrafung auf der Grundlage von c. 1389 § 2 CIC denken, wenn entsprechende Meldungen unterlassen worden sind.

Welche juristischen Möglichkeiten hat ein Nuntius, um gegen Bischöfe vorzugehen, die ihre Pflichten schwerwiegend vernachlässigen? Kann er ihre Absetzung beantragen?

Ein Nuntius ist nicht der Obere oder Vorgesetzte der Bischöfe des Landes, in das er gesandt ist. Keinesfalls kann er direkt gegen einen Bischof rechtlich vorgehen. Wenn er Probleme wahrnimmt, muss er darüber nach Rom an das Staatssekretariat berichten. Dabei kann er durchaus auch vorschlagen, welche Maßnahmen aus seiner Sicht ergriffen werden sollen, bis hin zur Absetzung des betreffenden Bischofs. Die Entscheidungen aber werden in Rom getroffen.

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