Proteste im Iran

Das hat das Regime noch nie erlebt

Die Protestwelle, die den Iran nach dem Tod von Mahsa Amini erfasst hat, ist einzigartig. Getragen wird sie von den jungen Menschen, die in den 90er und 2000er Jahren geboren sind. Und von den Frauen
Proteste nach Tod von Mahsa Amini im Iran
Foto: Uncredited (AP) | Brennende Mülleimer in Teheran: Die jungen Leute, die die Proteste prägen, wollen sich ihren Lebensstil nicht mehr vom Regime vorschreiben lassen.

Der durch die iranische „Moralpolizei“ verschuldete gewaltsame Tod der 22-jährigen iranischen Kurdin Mahsa Amini war der Funke, der den schwelenden tiefen Zorn der Iraner entzündet hat. Mahsa war mit ihrem Bruder und Verwandten aus Saqqez (Provinz Kurdistan) zu Besuch in Teheran gewesen. Sie wurde nach dem Verlassen der U-Bahn von der Moralpolizei verhaftet und zusammen mit einigen anderen „schlecht verschleierten“ Frauen in einen Polizei-Van gebracht. Etwa zwei Stunden später wurde sie im Koma liegend ins Krankenhaus eingeliefert und drei Tage später war sie tot. Die Regierung weist mit dem Hinweis auf einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall jede Schuld von sich und der Moralpolizei und tischt Lügen über den Vorfall auf. Diese Lügengeschichten sind genauso alt wie das Mullah-Regime selbst. Frauen, die mit Mahsa im Van waren, berichten von Schlägen und ihr Bruder fand Verletzungen am Kopf seiner Schwester.

Seitdem reißt die Protestwelle, die in der Provinz Kurdistan ihren Ausgang nahm und sich über das ganze Land in mehr als hundert iranische Städte ausbreitete, nicht ab. Laut iranischen Menschenrechtsorganisationen sind bisher mehr als siebzig Demonstranten getötet worden.

Frauen schon immer treibende Kraft

Wenn auch alle gesellschaftlichen Schichten und fast alle Altersgruppen  unter den Demonstranten vertreten sind, ragen zwei Gruppen heraus: Die Generation derer, die in den 90ern und 2000ern geboren sind und die  Frauen. Das unterstreicht auch die Hauptparole der Demonstranten, in der sich der Wille zum Kampf gegen das System ausdrückt:  „Frau, Leben, Freiheit". Besonders eindrücklich sind die symbolischen Handlungen: Frauen reißen ihr Kopftuch herunter und werfen es ins Feuer. Oder sie schneiden sich die Haare ab – eine in einigen Gebieten Irans verbreitete traditionelle Geste der Trauer um eine verstorbene Person. Sie ist hier aber nicht nur als Zeichen der Trauer um  Mahsa Amini zu verstehen ist, in ihr drücken sich auch der Zorn und die  Solidarität aus.

Blickt man auf Proteste in den vergangenen Jahrzehnten zurück, wird noch deutlicher, wodurch sich die neue Protestwelle abhebt. Iranische Frauen waren schon immer ein treibende Kraft bei politischen Veränderungen. Das war so beim Sturz des Schahs im Jahr 1979. Sie waren  dann die ersten Opfer der Revolution, aber eben auch die erste gesellschaftliche Gruppe, die sich nach den ersten Anzeichen einer sich anbahnenden streng-religiösen Diktatur, gegen den Verschleierungszwang zu Wehr setzten. Am internationalen Frauentag im März 1978, also bereits einen Monat nach dem Sieg der Revolution, zogen Hunderttausende von Frauen durch die Straßen Teherans. Sie wurden aber von den Männern, für die die Frauenrechte  nicht zu den Prioritäten der Revolution zählten, alleingelassen. Kopftücher und Schleier wurden mit Gewalt durchgesetzt, doch die Frauen gaben nicht auf.

Exorbitant skrupellose Misshandlung von Frauen

Auch zur Symbolfigur einer der wichtigen Protestgruppe in den 2000er Jahren, der sogenannten „Grünen Bewegung“, wurde eine junge Frau: Neda Agha-Soltan, die bei Demonstrationen im Jahr 2009 getötet worden ist. Diese „Grüne Bewegung“ hatte ihren Ursprung in Protesten gegen Fälschungen bei den Präsidentschaftswahlen und wurde weitgehend von der Mittelschicht getragen. Das Regime an sich wurde damals aber nicht infrage gestellt.

Ein nächste Stufe des Protestes gegen das Regime bildeten dann die landesweiten Demonstrationen von 2017 und 2019, bei denen erstmals die Abschaffung der Islamischen Republik gefordert wurde. Sie wurzelten vor allem in dramatischen sozio-ökonomischen Missständen. Die Mittelschicht blieb diesen Protesten hingegen aber überwiegend fern.

Zurück zum gewaltsamen Tod von Mahsa Amini: Diese Tat reiht sich ein in eine landesweite Kette exorbitanter skrupelloser Misshandlung von Frauen. Doch gibt es diesmal einen Unterschied: Amini war eine junge Kurdin, die sich zu Besuch in Teheran aufhielt. Todesfälle als Folge von Misshandlungen von Frauen durch die Moralpolizei gab es bereits früher, aber so einen Massenprotest wie jetzt konnten sie in der Vergangenheit nicht auslösen. Die gesellschaftliche Stimmungslage hat sich geändert. Das wissen auch die Mullahs. Ihnen ist bewusst, dass ihre Steinzeit-Narrative besonders bei der jungen Generation keinen Widerhall finden. In der Vergangenheit konnte das Regime die Forderungen gesellschaftlicher Gruppen mit barbarischer Gewalt unterdrücken. Aber die jüngsten Proteste markieren eine Wendepunkt, sie sind die mit Abstand größte Herausforderung für die Islamische Republik. Die in den 90er und 2000er Jahren geborene Generation verkörpert jene soziale Gruppe, die nicht mehr bereit ist, den von der Islamischen Republik in der Öffentlichkeit aufgezwungenen „Lebensstil“ zu tolerieren. Sie werden auch nicht von der Erinnerung an die massive Unterdrückung der vergangenen Jahrzehnte blockiert. Sie fliehen nicht vor den Sicherheitskräften, sondern setzen sich zu Wehr, greifen die Sicherheitskräfte heftig an und setzen deren Fahrzeuge in Brand. Eine solche Gegenwehr war in diesem Maß bisher nicht bekannt. Die 90er- und 2000er-Generation ist dem Sieg über die Mullahs näher als es ihre gescheiterten Vorgänger  je waren.

Einzigartige Solidarisierung von Prominenten

Neu ist auch, dass prominente Persönlichkeiten nicht mehr schweigen. Einige iranische Schauspielerinnen haben aus Protest ihren Hijab öffentlich abgelegt. Der stets regimekritische Fußballer Ali Karimi, heute nach Mahsa Amini wahrscheinlich die beliebteste Person im Iran, forderte die reguläre Armee auf, die Demonstranten vor Übergriffen der Polizei und der Revolutionswächter zu schützen. Es ist eine beispiellose Forderung, die den Sport-Star sehr teuer zu stehen kommen könnte, sollte der Aufstand niedergeschlagen werden. Dem Ex-Bayern-Star Karimi wurde von der Justiz bereits mit Verhaftung und der Konfiszierung seines Vermögens gedroht.

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