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Das deutsche Wohlstandsmärchen

In Deutschland geht die Angst vor dem sozialen Abstieg um. Zurecht?
Wirtschaftliche Abwärtsspirale
Foto: Jan Woitas (dpa) | Geht es immer weiter nach unten? Eine Angst vor dem sozialen Abstieg hat die gesellschaftliche Mitte erfasst.

Ein paar, wahrscheinlich bekannte, Fakten vorab: Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas und die viertgrößte weltweit. Ein Schlüsselfaktor ist die starke industrielle Basis, insbesondere in Bereichen wie Automobilbau, Maschinenbau, chemische Industrie und Elektrotechnik. Der sogenannte Mittelstand, also kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), bildet das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Diese Unternehmen sind oft weltweit führend in ihren Nischenmärkten und die industrielle Stärke hat Deutschland zu einer der größten Exportnationen gemacht: Die Qualität und Innovationskraft „Made in Germany“ genießt weltweit einen exzellenten Ruf. Dieser Exportüberschuss trägt wesentlich zum nationalen Wohlstand bei.

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Ja, Deutschland ist ein wohlhabendes Land, im weltweiten Vergleich des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf liegt die Bundesrepublik mit 63 150 US-Dollar auf dem 18. Platz. Mit einem BIP pro Kopf von 132 210 US-Dollar führt Luxemburg das Ranking an, gefolgt von Irland, Norwegen, der Schweiz und Singapur und Katar. Und auch die Vermögensentwicklung in Deutschland kann sich sehen lassen, zumindest statistisch. Einen Einblick zu den finanziellen Verhältnissen der Privathaushalte in Deutschland liefert die Studie der Bundesbank mit dem Titel „Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF)“. Alle drei Jahre erfasst sie Vermögenswerte wie Wohneigentum, Fahrzeuge sowie Bankguthaben und Ansprüche aus privaten Rente- und Lebensversicherungen ein. Das Ergebnis: Laut PHF-Studie verfügten die deutschen Haushalte über ein durchschnittliches Nettovermögen von 316 500 Euro. Damit verzeichnet die Umfrage einen neuen Höchststand. Im vergangenen Jahrenzehnt lag der Wert nie höher. Allein zwischen 2017 und 2021 erhöhten sich die durchschnittlichen Vermögen um 36 Prozent.

Mittelschicht leidet unter Armutsbedrohung

Ist damit alles in bester Ordnung? Keineswegs, denn mehr und mehr macht sich in Deutschland die Angst vor dem sozialen Abstieg breit. Das gilt gerade für die Mittelschicht. Hat ein Haushalt monatlich 75 bis 200 Prozent des mittleren Nettoeinkommens in seiner Region zur Verfügung, wird er zur Mittelschicht gezählt. Demnach zählen rund zwei Drittel der Deutschen zur Mittelschicht – und diese sind von den derzeitigen Entwicklungen überdeutlich betroffen, wie Ökonomen und Armutsforscher betonen. Dazu gehören die seit zwei Jahren extreme Inflation, die stark gestiegenen Zinsen, exorbitante Energiepreise, CO2-Steuer und andere teure Belastungsfaktoren. Will heißen: In den vergangenen Jahren hat das Risiko, aus der unteren Mittelschicht in die Armutsbedrohung zu rutschen, zugenommen, während die Chancen in die Mitte aufzusteigen, abgenommen haben. Und vor allem „für junge Menschen wird es immer schwieriger, sich einen Platz in der Mittelschicht zu sichern“, zeigt eine gemeinsame Studie von OECD und Bertelsmann-Stiftung.

Die Sorgen der Millennials

Hohe Lebenshaltungskosten gehören zu den größten Sorgen der Millennials. Das zeigt auch das Deloitte Millennial Survey 2023. Dafür wurden 800 Deutsche zwischen 19 und 39 Jahren zu ihren größten Sorgen befragt. Erschreckend: Hohe Lebenshaltungskosten gehören zu den größten Sorgen der Millennials (Jahrgänge 1983 bis 1994) und Angehörigen der Generation Z (Jahrgänge 1995 bis 2003). „Heute treibt diese Sorge global 35 Prozent der Gen Z und 42 Prozent der Millennials um, das sind 13 beziehungsweise 19 Prozentpunkte mehr als die jeweils zweitgrößten Anliegen. Auch in Deutschland teilen diese Sorge um hohe Preise 39 Prozent der Generation Z und 38 Prozent der Millennials, während knapp 30 Prozent die Angst vor dem Klimawandel nennen“, heißt es.

Zu einem ähnlichen Bild kommt auch die renommierte R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“. Die größte Sorge der 20- bis 39-Jährigen ist, dass Wohnraum unbezahlbar wird. Für die Befragten von 40 bis 59 Jahren steht an erster Stelle die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten. Fast alle befragten Altersgruppen bereiten vor allem wirtschaftliche Themen Sorgen: Steigende Lebenshaltungskosten sowie Steuererhöhungen und Leistungskürzungen landen unter den Top 3.

Die Ära des gesicherten Wachstums ist vorbei

Diese Entwicklungen sind aber bei weitem nicht das einzige Problem, das den deutschen Wohlstand erheblich bedrohen kann. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW beispielsweise weist auch auf strukturelle Verwerfungen hin, insbesondere in der historischen Betrachtung. „Über 70 Jahre lang ist der Wohlstand in Deutschland gewachsen, lediglich von kurzen Phasen der Rezession unterbrochen. Eine steigende Zahl an Erwerbstätigen und ausreichende Erhöhungen der Arbeitsproduktivität haben dafür gesorgt, dass wirtschaftliches Wachstum als sicher gelten konnte. Es reichte dafür aus, wenn die deutsche Wirtschaft im internationalen Wettbewerb mithält und vorübergehende Schocks verdaut. Diese Zeiten sind vorbei. Das Fundament für weiteres Wohlstandswachstum bröckelt“, heißt es in der Studie „Zeitenwende durch Fachkräftemangel: Die Ära gesicherten Wachstums ist vorbei“.

Ein Hauptgrund ist dabei tatsächlich der Fachkräftemangel. Zuletzt hatten zweitweise bis zu 50 Prozent der Unternehmen in KfW-Befragungen angegeben, durch Personalprobleme geschwächt zu sein. Dieser Wert ist nur bedingt durch den konjunkturellen Abschwung auf knapp 40 Prozent gefallen. Aber das dicke Ende kommt noch: „2025 wird die Zahl der Erwerbstätigen zu schrumpfen beginnen und für den Fachkräftemangel eine neue Phase einläuten“, sagt KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Und dieser Fachkräftemangel wiederum führt zu einem schwachen Produktivitätswachstum: Die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigem erhöhte sich seit dem Jahr 2012 um magere 0,3 Prozent pro Jahr, stellt die KfW heraus. „Bleibt das Produktivitätswachstum derart schwach und verstärkt sich gleichzeitig der Rückgang des inländischen Fachkräfteangebots, bedeutet dies eine Zeitenwende: Deutschland träte noch in diesem Jahrzehnt in eine Ära anhaltend stagnierenden, womöglich schleichend schrumpfenden Wohlstands ein.“ Auch der Düsseldorfer Volkswirt und Investmentmanager Harald Sporleder (Lingohr Asset Management) sieht große strukturelle Schwierigkeiten, sowohl beim Fachkräftemangel als auch in anderen Bereichen. „Wir sehen spätestens mit der Ampelregierung eine orientierungslose Wirtschaftspolitik, die die Standortattraktivität Deutschlands stark beschädigt.

Wo Leistung nicht honoriert wird, wandern Fachkräfte aus

Mehr als eine Viertelmillion Deutsche sind 2022 ausgewandert, in der Mehrheit sind es hoch qualifizierte Fachkräfte: Etwa drei Viertel der Wegzügler haben einen Hochschulabschluss. Das ist das Resultat einer leistungsunfreundlichen Politik, in der Arbeit keinen echten Wert mehr darstellt. Man denke nur an die Erhöhung des Bürgergelds zum neuen Jahr.“ Auch andere Entscheidungen würden sich unmittelbar auf den Wohlstand auswirken, seien es Sanierungszwänge und zusätzliche Kosten durch die klimafreundliche Transformation, potenzielle Steuererhöhungen oder sogar Vermögensabgaben durch das Lastenausgleichsgesetz: „Die Entwicklung weist ganz klar in Richtung Wohlstandsverlust. Während in anderen Ländern das Wohlstandsniveau steigt, droht in Deutschland ein völlig unnötiger Abstieg“, betont Sporleder. Wer seinen Wohlstand sichern wolle, komme nicht umhin, sein Vermögen international so breit wie möglich gewinnbringend zu diversifizieren und die politischen Entwicklungen genau zu beobachten. Auf Basis dieses Wissens könne man dann versuchen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, damit es kein böses Erwachen gebe.

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