In Großbritannien

Christen in Großbritannien in der Minderheit

Zum ersten Mal sind die Christen in Großbritannien in der Minderheit. Dagegen nimmt besonders die Zahl der Religionslosen und auch der Muslime zu.
Christentum in Großbritannien
Foto: Francisco Seco (AP) | In der Mitte der britischen Flagge prangt zwar immer noch das Georgskreuz. Doch die christlichen Konturen des Landes verschwimmen.

Mit dem schnellen und starken Rückgang der christlichen Bevölkerung ist Großbritannien in Westeuropa in jüngster Zeit zu einem der am wenigsten religiösen Länder geworden. Innerhalb von zwei Jahrzehnten ist die Zahl der Christen um mehr als zehn Millionen gefallen. Beim Zensus im Jahr 2001 in England und Wales bezeichneten sich noch über 71 Prozent als Christen, 2011 waren es noch 59 Prozent und 2021 nur noch 46 Prozent (27,5 Millionen). „Ende einer Ära für das christliche Britannien“ überschrieb die „Times“ ihren ganzseitigen Bericht, als die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung vergangene Woche veröffentlicht wurden.

Es ist tatsächlich eine Zäsur. Erstmals seit weit über tausend Jahren sind Christen auf der Insel nur noch eine Minderheit. Vor allem die Church of England blutet in einem rasend schnelle Tempo aus und verliert Anhänger. Die Gottesdienste in den großen Kathedralen und 16.000 Gemeindekirchen der anglikanischen Kirche sind nur spärlich besucht.

Zahl der "Religionslosen" nimmt stark zu

Dagegen nimmt die Zahl der sich selbst als „religionslos“ Bezeichnenden stark zu, ihr Anteil ist in den vergangenen zehn Jahren von 25 Prozent auf 37 Prozent gestiegen. Gerade die jüngere Generation verliert rapide das Interesse und den Bezug zum christlichen Glauben. Deutlich zugenommen hat dagegen die Zahl der Muslime auf fast vier Millionen. Ihr Bevölkerungsanteil ist um ein Drittel von fünf auf 6,5 Prozent in einem Jahrzehnt gestiegen, wobei sie in Städten in Nordengland wie Birmingham und Manchester sowie Teilen Londons konzentriert sind. Im Stadtteil Tower Hamlets östlich der City bekennen sich 39,9 Prozent zum Islam. Die Zahl der Moscheen im ganzen Land wächst. Einen moderaten Anstieg gibt es bei den Hindus im Königreich auf eine Million, der Anteil stieg von 1,5 auf 1,7 Prozent. Zudem gibt es knapp ein Prozent Sikhs, ein halbes Prozent sind Juden, knapp ein halbes Prozent Buddhisten in der Bevölkerung. Einige Tausend bekannten sich in der Volkszählung auch zu Religionen wir Animismus, Zoroastrismus, Rastafaris, Schamanen- und Heidentum sowie zu Scientology. 5.054 Personen nannten gar „Satanismus“ im Feld Religion. Insgesamt ergibt sich das Bild einer multireligiösen, superdiversen Gesellschaft.

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Auch ethnisch verschieben sich die Gewichte. Bemerkenswert waren die Resultate des Zensus, dass in mehreren großen Städten wie Birmingham und Leicester erstmals eine nicht-weiße Bevölkerungsmehrheit lebt. Dies ist Folge der jahrzehntelangen Zuwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg aus asiatischen ehemaligen Kolonien wie Indien und Pakistan sowie aus Afrika und der Karibik. Außerdem haben die Zuwanderer im Schnitt höhere Geburtenraten. Im Landesdurchschnitt stieg der Anteil der britisch-asiatischen, schwarzen und anderer ethnischer Minderheiten auf fast ein Fünftel der Bevölkerung (19 Prozent).

Eine spirituelle Sehnsucht bleibt bestehen

Die epochale demographische Verschiebung und der Verlust des christlichen Mehrheitsbekenntnisses waren zwar tendenziell schon bekannt, aber die neuen Zahlen des Zensus haben noch eine Verschärfung der früheren Trends gezeigt. Stephen Cottrell, der anglikanische Erzbischof von York, sagte zu den Ergebnissen: „Wir haben die Ära hinter uns gelassen, in der sich viele Menschen fast automatisch als Christen bezeichnen.“ Aber er fügte hinzu, dass laut anderen Umfragen „dieselben Menschen immer noch eine spirituelle Wahrheit und Weisheit suchen und Werte für ihr Leben“.

Die Nachricht, dass Christen nun eine Minderheit sind, erregte zwar einige Aufmerksamkeit in den britischen Medien, aber die meisten Zeitungen platzierten doch lieber die aktuellen Fußball-WM-Ergebnisse der englischen Mannschaft auf die Titelseite. Zwar bedauerte die rechtskonservative „Daily Mail“ in ihrem Kommentar „Losing faith“ den Rückzug des Christentums als „traurige Nachricht“. An die Stelle der traditionellen Religion und Moralität träten in den aktuellen Kulturkämpfen schrille laute Minderheiten und ein neuer Religionsersatz. Gemeint war die „Woke“-Bewegung. Aber mehr als ein vierzehnzeiliger Kurzkommentar war das Ende der christlichen Mehrheit der Zeitung dann aber auch nicht wert. Andere hingegen wittern Morgenluft.

Säkulare, eher linksstehende Organisationen wie Humanists UK und die National Secular Society attackierten nach den Zensus-Ergebnissen sofort die politisch-institutionelle Rolle der Church of England. Anglikanische Bischöfe sitzen im Oberhaus in London, der Rundfunk BBC überträgt christliche Gottesdienste; an den mehr als 4 600 öffentlichen Schulen, welche die Church of England betreibt, ist ein tägliches Gebet Pflicht. Es sei „unangemessen und hoffnungslos überholt“, dass es all dies noch gebe, befand Stephen Evans, der Chef der National Secular Society, die seit Jahrzehnten eine völlige Trennung von Staat und Kirche und die Zurückdrängung der christlichen Amtskirche fordert.

Entchristlichung durch demographischen Wandel

Während die Säkular-Organisationen nur marginale Bedeutung haben, erfüllt ein demographischer Wandel ihre Wünsche nach einer Entchristlichung tatsächlich. Anders als unter den Muslimen und Hindus wird in der christlichen Bevölkerung der Glaube seltener an Kinder und Enkel weitergegeben. Dies betonte Abby Day, Professorin am Londoner Goldsmiths-College. „Die Baby-Boomer haben ihre Religion in den 1960ern verloren und haben ihre Kinder nicht-religiös aufgezogen.“ Die alte Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die noch enge Kontakte zur Kirche besaß, stirbt aus. Die junge Generation erlebt kaum noch Bezug zum christlichen Glauben. Allerdings gibt es hier Unterschiede zwischen den christlichen Konfessionen: Interessanterweise hält sich der Anteil der Katholiken in Britannien eher stabil. Dazu hat die Zuwanderungswelle aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern beigetragen, die manche Kirche füllen. Auch manche afrikanischen Zuwanderer sind bekennende Katholiken.

Der rapide Schwund an Gläubigen der Church of England mit oft mickrigen Gottesdienstbesucherzahlen führt zu einem Rückgang ihrer Spendeneinkünfte. Eine staatlich eingetriebene Kirchensteuer gibt es nicht. Manche Gemeinden können ihr Personal und die Kirchengebäude nicht mehr finanzieren. Selbst kulturhistorisch wichtige alte Kirchen drohen zu verfallen. Organisationen wir der National Churches Trust und der Verein „Friends of friendless churches“ versuchen sie zu retten. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden schon etwa tausend alte Kirchen und Kapellen aufgegeben, allein im vergangenen Jahrzehnt vierhundert. Manche Ex-Kirche wird in ein Gemeinde- und Sozialzentrum, andere in ein Pub, Bistro und Geschäft umgewandelt. Auf dem Land stehen manche Kirchen leer und verkommen.

Muslime erreichen dominante Positionen

Dagegen werden mehr Moscheen neu gebaut. Der Anteil von „nur“ 6,5 Prozent Muslimen in England und Wales darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in einigen Städten Muslime inzwischen gerade in der jüngeren Generation eine annähernd dominante Stellung erreicht haben.
Das trifft besonders auf die nordenglischen ehemaligen Industriegebiete zu, in die über Jahrzehnte viele pakistanische Zuwanderer gezogen sind. Beispielsweise in die zweitgrößte britische Stadt: In Birmingham ist der Anteil der Einwohner, die sich zum Islam bekennen, laut dem neuen Zensus schon auf 30 Prozent gestiegen. In Bradford sind mehr als ein Drittel, in Oldham knapp ein Viertel der Einwohner Muslime, wobei es unter den Jungen jeweils noch deutlich mehr sind.

Das ruft Konflikte hervor. Vor einem Jahr musste sich ein Lehrer der Batley Grammar School nahe Bradford monatelang verstecken, weil er Todesdrohungen radikaler Muslime bekam, nachdem er im Unterricht Mohammed-Karikaturen erwähnt hatte. In Leicester prügelten sich vor ein paar Monaten hunderte radikale Hindus und Muslime, die Polizei nahm fast fünfzig Personen fest. Der „Guardian“, der sich angesichts der neuen Zensus-Zahlen freute, dass Britannien ein immer diverseres Land werde, gab zu, dass „die menschliche Koexistenz nicht immer einfach ist“. Auch nachdem mit Rishi Sunak erstmals ein Hindu an der Spitze des Landes steht, bleiben Klagen über Rassismus und Diskriminierung eine Hauptbeschäftigung des Blattes.

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