Krieg

Auf null gestellt

7,7 Millionen Menschen flohen innerhalb der Ukraine vor dem Krieg. Die griechisch-katholische Kirche spielt bei deren Versorgung im Westen des Landes eine zentrale Rolle.
Christoph Lehermayr berichtet über das Leid im Ukraine-Krieg.
Foto: Ricardo Herrgott | Christoph Lehermayr berichtet über das Leid im Ukraine-Krieg. Schicksale stapeln sich über Schicksale.

Es ist ein warmer Spätfrühlingstag in Lemberg. Vor der Oper schlendern Menschen unter den wuchtigen Kastanienbäumen. Kinder tollen über das Kopfsteinpflaster, das einmal Österreichs Offizieren als Korso gedient hat. Im Herzen des einstigen Galiziens tönt von den Terrassen der Bars ein Stakkato fröhlicher Stimmen. Plötzlich schrillen die Sirenen. Raketenalarm. Russland greift an. Wieder einmal. Auch hier, fern jeder Front. Die Menschen sind irritiert. Sollen sie weglaufen, sich verstecken, erneut hinab in die Keller und Bunker der Stadt flüchten? Oder einfach sitzenbleiben, warten, hoffen und beten?

Synonymen einer Zeitenwende

Zwei Bilder prägen diesen Krieg, der seit dem 24. Februar alles veränderte, von dem Europa annahm, es würde ewige Gültigkeit besitzen. Das erste flimmert täglich über die TV-Schirme und zeigt Zerstörung, zerbombte Häuser, zerschossenes Gerät, teils auch Leichen, die für die Gräuel der russischen Invasion stehen. Orte wie Butscha oder Mariupol gerieten zu Synonymen einer Zeitenwende.

Das zweite Bild zeigt Menschen, die versuchen, all dem zu entkommen. Es sind meist Mütter mit ihren Kindern, auf Bahnhöfen, in Hallen, jedenfalls längst fern der Heimat, in Polen, Deutschland oder Österreich. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) schätzt ihre Zahl auf 4,2 Millionen.

Mit der Hoffnung im Bauch

Wer hingegen kaum vorkommt, sind Menschen wie Sophie: 24 Jahre alt, langes, schwarz glänzendes Haar, große Augen. Voll des Schreckens blicken diese nach oben, sobald sie schildert, was hinter ihr liegt. „Ich will nicht noch weiter weg“, sagt sie und legt ihre Hand auf den Bauch, „mein Baby soll hier zur Welt kommen und in einer freien Ukraine aufwachsen.“ Sophie ist im siebten Monat schwanger und eine von 7,7 Millionen Binnenvertriebenen, die das UNHCR zuletzt zählte. Es ist eine schier unvorstellbare Zahl von Menschen, die dem Grauen im Osten ihres Landes entkam, dort alles zurücklassen musste und im Westen der Ukraine Unterschlupf fand.

Die schwangere Sophie stammt aus Energodar, einer Stadt am Fluss Dnepr, die das größte Atomkraftwerk des Landes beherbergt. Als die Russen auf den Ort vorrückten, kauerte Sophie im Keller ihres Hauses. In ihrem Bauch trug sie die Hoffnung – und zugleich die Furcht, sie zu verlieren. „Wir hörten, dass es Putins Tschetschenen sind, die unsere Stadt stürmen. Sie sind besonders brutale Kerle, und ich hatte solche Angst, dass mich einer von ihnen umstößt oder schlägt und ich eine Fehlgeburt erleide.“

Bilder der Zertrümmerung

Wochen des Horrors liegen hinter der Frau, bevor es einem Priester gelang, sie und andere schließlich mit einem Bus aus der Stadt rauszuholen. Ihr Mann, der im AKW arbeitet, musste zurückbleiben. Nun lebt sie in einer Unterkunft der Caritas, 1 300 Kilometer von ihm entfernt, und will keinesfalls noch weiter weg. „Denn, wer wartet irgendwo im Ausland auf mich? Es sind schon genug von unseren Leuten dorthin.“

Die Städte im Westen der Ukraine sind seit Kriegsbeginn oft auf das Doppelte ihrer früheren Einwohnerzahl gewachsen. Wer die Mittel hat, mietete sich in Wohnungen ein. Doch vielen, die alles verloren haben, blieb wie Nikolai nur ein Koffer mit letzten Habseligkeiten und ein Feldbett in einer Sporthalle. Auf dem Handy zeigt der 64-Jährige die Bilder, auf denen sein Wohnblock im Donbass in Flammen steht. Dann wischt er auf dem Display nach links und dasselbe Gebäude ist nur noch ein verkohltes Gerippe aus Stein und Stahl. „Wovon genau will uns Putin befreien?“, fragt er im Zorn. „Vielleicht von unserem Leben? Dieses ganze Gerede vom Brudervolk. Welcher Bruder sticht dir denn das Messer in den Rücken? Keiner – außer Kain!“

Wirtschafltiches Leben gerät ins Stocken

Längst haben die Folgen des Krieges auch die West-Ukraine erfasst. Abends herrscht Ausgangssperre. Treibstoff ist rationiert und selbst nach Stunden des Wartens vor den wenigen offenen Tankstellen sind 15 Liter das Maximum, mit dem ein Wagen befüllt werden darf. So stocken die Produktion und Versorgung mit Waren. Die Regale in den Geschäften leeren sich. Etliche einheimische Firmen schlossen bereits, erste internationale wandern ins Ausland ab, die Arbeitslosigkeit steigt, und auch der Staat bleibt seinen Beamten die Löhne schuldig.

Auf den Landstraßen hat die Armee hinter Sandsäcken Checkpoints errichtet, an denen alle Autos angehalten werden, um darin fahnenflüchtige Männer oder Kollaborateure der russischen Invasoren aufzustöbern. Diese nehmen mit Raketenangriffen selbst den Westen ins Visier. Ziel ist es, Infrastruktur zu zerstören und so den Nachschub, auch mit Waffen aus dem angrenzenden Polen und der Slowakei, zu unterbinden.

Schicksale der Vertriebenen stapeln sich

Die Schicksale der Millionen von Vertriebenen reihen sich in der Region aneinander wie die Perlen an der Kette eines Rosenkranzes. „Daher ist es entscheidend, ihnen unser Herz zu öffnen. Die einzige Kraft, die das Böse überwindet, ist die Liebe. Denn sie hat auch den Tod besiegt.“ Das sagt Jaroslaw Pryriz, griechisch-katholischer Bischof der Eparchie Sambir-Drohobytsch, südlich von Lemberg. Ohne den Einsatz dieser mit Rom unierten Kirche, der fünf Millionen Gläubige angehören und die den Westen der Ukraine prägt, wäre die Versorgung der Binnenflüchtlinge längst zusammengebrochen.

Die Kirchenväter haben überall in ihren Häusern Platz geschaffen, an dem Geflohene unterkommen können und koordinieren das Verteilen von Hilfsgütern aus dem Ausland. Gerade diese Kirche weiß aus eigener bitterer Erfahrung, was es heißt, wenn Russland einen zum Feind erklärt. Zu Sowjetzeiten war sie mit Moskaus Orthodoxie zwangsvereinigt worden. Ihr Klerus wurde verfolgt, verhaftet und teils gar ermordet, während die Glaubenstradition nur im Untergrund den Kommunismus überdauern konnte. „Täglich erzählen uns die Vertriebenen von Russen, die morden und vergewaltigen, sich jeder Regel, die auch in einem Krieg gilt, widersetzen“, sagt Bischof Pryriz, „wir müssen uns wehren, sonst sind wir als Volk verloren. Doch egal, wie all das endet, solche Wunden werden hundert Jahre brauchen, bevor sie heilen. Putin ist das personifizierte Böse und Kirill, Moskaus orthodoxer Patriarch, sein williger Ministrant.“

Hoher Preis im Kamof gegen Invasoren

So sinnlos der den Ukrainern aufgezwungene Krieg ist, so energisch stellen sie sich den Invasoren entgegen – und zahlen dafür einen hohen Preis. Besonders deutlich wird das an einem Ort, den schon der galizisch-stämmige Literat Joseph Roth als Topos dieser von Kriegen gepeinigten Region beschrieb und zu dem nun Wolodymyr Hruza führt. Es ist der Friedhof von Lemberg, wo der Weihbischof auf die Gräber gefallener Soldaten zeigt.

Reihe für Reihe liegen dort Männer begraben, die für die Ukraine ihr Leben ließen. Draußen, vor den Mauern des Friedhofs, türmen sich die Trauerkränze auf frischen Erdhügeln. Längst ist drinnen kein Platz mehr für die Hunderten, die täglich in diesem Krieg sterben. Unter den Holzkreuzen fällt der Blick auf die Fotos junger Männer. 2000, 2001, 2002 steht darunter als Geburtsjahrgang. „Ich empfehle allen Politikern, hierher zu kommen“, sagt Weihbischof Hruza, „bevor sie in diesem Krieg auch nur eine Entscheidung fällen.“

Mein geliebter Papi, wo bist Du?

Selbst die Garnisonskirche von St. Peter und Paul in Lembergs Altstadt ist von Sandsäcken umringt. Drinnen sollen Stoffbanden über dem Kruzifix dieses bei einem Angriff vor Schäden schützen. Im Seitenschiff hängen aus Papier geformte Friedenstauben über einem Birkenkreuz.

Daneben zeigen Schautafeln erneut die Fotos gefallener Männer. Aus traurigen Augen blicken ihnen von Porträts direkt gegenüber einige ihrer eigenen Kinder entgegen. „Ich träume davon, eine Straßenbahnlinie zu der Wolke zu bauen, auf der mein Vater lebt“, wird der sechsjährige Zakhar zitiert. Und Maria, ein Mädchen mit einer rosafarbenen Masche im Haar, sagt: „Mein Papi ist im Himmel. Mein geliebter Papi, wo bist Du? Ich will deine Umarmung spüren und dass du zurückkommst.“

Der Autor leitet „alle welt“, das Magazin von Missio Österreich und kehrte soeben von seiner Reportage-Reise aus der West-Ukraine zurück.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Eine unzuverlässige und wankelmütige Politik aus Deutschland und Frankreich hat die osteuropäischen Nachbarn verunsichert, aber auch deren Eigeninitiative und Selbstvertrauen gestärkt.
29.04.2022, 21  Uhr
Kristina Ballova
Auf seiner ersten Auslandsreise seit Kriegsbeginn flirtet Russlands Präsident mit den afghanischen Taliban.
29.06.2022, 11  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Christoph Lehermayr Caritas Joseph Roth Kriegsbeginn Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
02.07.2022, 07 Uhr
Franziska Harter