Vergessene Kriege

Auch anderswo gibt es Hotspots der Gewalt

Die Öffentlichkeit ist gebannt vom Ukraine-Krieg. Dabei drohen andere Konfliktherde vergessen zu werden. Ein Blick nach Syrien, Äthiopien, den Sudan und die Republik Kongo.
Flüchtlingssiedlung in Uganda
Foto: Ben Curtis (AP) | Ein Flüchtling an einer Empfangsstelle in Imvepi (Uganda) in einem Zelt, in dem Essen verteilt wird. Später werden die Flüchtlinge in die Flüchtlingssiedlung Bidi Bidi gebracht.

Obwohl er seit seinem Beginn im Spätsommer 2014 nie aufgehört hatte, war der Krieg im Osten der Ukraine zunehmend aus dem Blick der westlichen Öffentlichkeit verschwunden. Dabei schwelte der Konflikt weiter, bis er am 24. Februar dieses Jahres mit einem großangelegten Überfall auf die Ukraine eskalierte. Jetzt war nicht mehr von einem "vergessenen" Krieg die Rede, der sich abseits der Weltöffentlichkeit abspielte. Nicht auf die Titelseiten schaffen es dagegen Kriege, die nicht zwischen zwei Staaten ausgetragen werden, sondern innerhalb eines Landes zwischen Regierung und Rebellengruppen. Es sind die "vergessenen" Kriege. Dennoch: Die Opfer dieser Kriege verdienen das gleiche Maß an Unterstützung und Solidarität, das zu Recht für die Menschen in der Ukraine gilt. 

Abseits der bewaffneten Konflikte in Lateinamerika oder Asien richtet sich unser Blick speziell auf einige afrikanische Länder, zumal Subsahara-Afrika die Region mit der höchsten Anzahl von Kriegen bleibt, wie aus dem "Konfliktbarometer" des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung hervorgeht.

Wichtigster "vergessener" Krieg in Syrien

Der wichtigste "vergessene" Krieg ist derzeit wahrscheinlich Syrien, betont das päpstliche Hilfswerk "Kirche in Not" gegenüber dieser Zeitung. Sollte sich die "Schutzmacht" Russland in Folge des Ukraine-Krieges zurückziehen müssen, würden die Kämpfe dort schnell wieder eskalieren. Schon heute sei das Leben in Syrien für die Christen aufgrund der Sanktionen äußerst schwer - auch in den Flüchtlingslagern des Libanon. Die Sorge und Betroffenheit der Partner in Syrien sei angesichts des Kriegs in der Ukraine hoch, berichtet die Projektdirektorin des Hilfswerks, Regina Lynch. Sie hatte im März an einer internationalen Konferenz von Kirchenvertretern und Hilfsorganisationen in Damaskus teilgenommen. "Es ist jedoch auch wahr, dass der Konflikt in Syrien, der nun ins zwölfte Jahr geht, in den Medien in Vergessenheit zu geraten droht", mahnt Lynch an. Die Lage in Syrien sei dramatisch: Mindestens 90 Prozent der Bevölkerung lebten unterhalb der Armutsgrenze. Unter den Christen des Landes stellt die Projektdirektorin Verzweiflung fest: "Sie haben in den vergangenen elf Jahren schreckliche Traumata erlitten. Sie haben Angehörige verloren, extreme Gewalt erlebt und wurden mit dem Tod bedroht, weil sie Christen geblieben sind." 

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Als vergessen gilt auch der Konflikt um die abtrünnige äthiopische Region Tigray, der schnell zu einem blutigen Krieg eskaliert ist. Seit November 2020 kämpft die äthiopische Zentralregierung zusammen mit eritreischen Truppen gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Nach einem Jahr haben sich die grausamen Kämpfe auf den gesamten Norden Äthiopiens ausgeweitet. Während sich die Fronten immer weiter verhärten, wird das Leid der Zivilgesellschaft immer größer.  Auch das reiche christliche Erbe Äthiopiens wurde durch die Kämpfe bedroht: Die Städte Lalibela, bekannt für ihre Felsenkirchen, und Axum, die ehemalige Hauptstadt und nach äthiopischer Überlieferung Aufbewahrungsort der Bundeslade, gerieten zwischen die Kampflinien.

In Äthiopien ist kein Frieden in Sicht

In Äthiopien befinden sich riesige Flüchtlingslager mit Menschen etwa aus dem marxistischen Eritrea. Wird der Konflikt nicht gelöst, besteht die Gefahr, dass sich Millionen Flüchtlinge in Richtung Europa auf den Weg machen. Zwar herrscht derzeit weitgehend Waffenruhe im Krieg zwischen der Zentralregierung um Friedensnobelpreisträger Abyi Ahmed und Anführern der Tigray-Region, berichtet die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) gegenüber der "Tagespost". Ein dauerhafter Frieden seit derzeit aber noch nicht in Sicht. Beiden Konfliktparteien werden glaubhaft massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.  Auch in den Regionen Afar und Amhara gibt es Gewalt zwischen den verschiedenen Gemeinschaften.

Offiziell zwar kein Krieg, aber eines der größten Sicherheitsrisiken in Afrika ist  der "Scharia-Konflikt" in Nigeria. Mit insgesamt über 36.000 Todesopfern und zwei Millionen Vertriebenen hat die islamistische Terrorbewegung Boko Haram das Land stark destabilisiert. Grundlegende gesellschaftliche Probleme bleiben weiterhin ungelöst: die weit verbreitete Armut, die allgegenwärtige Korruption, die schlechte Sicherheitslage, eine entrechtete junge Bevölkerung, ethnische Konflikte, Konflikte um Ressourcen - all diese Faktoren leisten dem islamistischen Extremismus in den nördlichen und zentralen Bundesstaaten Vorschub. Während die Behörden die Probleme nur unzureichend angehen oder erst gar nicht angehen wollen, breiten sich Terror und brutale Gewalt ungehemmt aus. Der islamistische Terror richtet sich vor allem gegen Christen, wie die endlose Aufzählung der Mord- und Entführungsfälle belegt. Aber insbesondere im muslimisch geprägten Norden fallen auch Muslime dem Terror zum Opfer.  

Der Sudan: Vom Krieg gezeichnet

Ein von Krieg gezeichnetes Land ist der Sudan. Auch nach der Teilung des Landes und der Abspaltung des Südsudan im Jahr 2011 kommen einige Regionen im Sudan nicht zur Ruhe. Seit vielen Jahren leiden die Menschen in den Nuba-Bergen und in West- und Südkordofan unter erbitterten Bodenkämpfen und Luftangriffen. Nach der Loslösung von der Republik Sudan versank der Südsudan, Afrikas jüngster Staat, in einem Bürgerkrieg, der 2013 bis 2018 dauerte. 2019 lud Papst Franziskus die verfeindeten politischen Führer des Landes zu einem Einkehrtag zu sich in den Vatikan. Dabei mahnte er den Präsidenten Salva Kiir und den Vizepräsidenten Riek Machar eindringlich zur Beibehaltung des brüchigen Friedens im Südsudan. Franziskus kniete vor ihnen nieder und küsste ihnen die Füße, um sein Anliegen zu unterstreichen. Hoffnung auf Frieden soll ein Besuch des Papstes bringen: Zunächst reist Franziskus am 2. Juli in die Demokratische Republik Kongo. In Anlehnung an die Kongo-Erzählung von Joseph Conrad: Kein Licht im Herzen der Finsternis. Im Osten des früheren Zaire folgen seit 20 Jahren bewaffnete Konflikte und Bürgerkriege aufeinander. Das an Ressourcen reiche Land kommt hier nicht zur Ruhe: Rund 50 bewaffnete Gruppen sind derzeit allein im Osten des Kongo aktiv. Ab dem 5. Juli reist der Papst für zwei Tage weiter in die südsudanesische Hauptstadt Juba.

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Ein bisschen Hoffnung gibt es nach Darstellung der GfbV derzeit im Jemen, wo die Kriegsparteien Anfang April einen Waffenstillstand vereinbart hatten. Saudi-Arabien, Anführer der sunnitischen Koalition gegen die von Iran gestützten Huthis, sei seit langem dankbarer Empfänger auch deutscher Waffen.  Die Vereinten Nationen sprechen von der aktuell größten menschengemachten Katastrophe der Welt - trotzdem findet der Krieg bei uns kaum Beachtung. Das gilt auch für Mali. Das ehemals demokratische Musterland im Sahel steht mit dem erneuten Putsch von Mai 2021 und dem seit zehn Jahren anhaltenden Vormarsch dschihadistischer Gruppen mitten in einer schweren Krise. Seit drei Jahrzehnten kommt auch das am Horn von Afrika gelegene Somalia nicht zur Ruhe. Die Menschen leiden unter den brutalen Kämpfen zwischen verschiedenen Clans und Warlords.

Kann man Kriege "vergessen"?

Immer wieder werden sie zur Flucht gezwungen. Einige Regionen des Landes werden von der islamistischen Al-Shahaab-Miliz kontrolliert.
Kann man Kriege "vergessen" ? Das ist nicht neu, zu einem gewissen Grad auch verständlich, aber fatal. Die allgemeine Medienschelte, Journalisten würden nicht berichten, stimme so aber nicht, erläutert "Kirche in Not". Man finde viele aktuelle Berichte über die weltweiten Kriege - allerdings müsse man aktiv suchen. Die Leitmedien und die deutsche Politik würden Themen erst ins öffentliche Interesse heben, wenn deutsche Interessen unmittelbar betroffen seien. "Das hat man sehr gut an der Flüchtlingskrise 2015 sehen können", unterstreicht das Hilfswerk. "Diese hatte sich durch den katastrophalen Verlauf des ,Arabischen Frühlings  schon Jahre vorher angekündigt und Experten hatten für den Fall eines Zusammenbruchs der autoritären Systeme im Levante schon seit Jahrzehnten vor so einem Szenario gewarnt, aber in den Fokus der Leitmedien-Berichterstattung geriet das Thema erst, als die Flüchtlingsströme Deutschland erreicht hatten." Zu einer vorausschauenden Politik gehöre es aber, die Folgen von Kriegen und Konflikten zu kalkulieren und vorzubeugen: "Was bedeutet es für uns, wenn die Lage in Syrien wieder eskaliert? Oder wenn sich Millionen Flüchtlinge aus Äthiopien auf den Weg zu uns machen?" 

Aus christlicher Sicht kommt nach Angaben von "Kirche in Not" noch ein ganz anderer Aspekt dazu: Die Kirche möchte in allen Ländern der Welt tragfähige Strukturen schaffen, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. "Das geht nur, wenn man hinschaut, zuhört und mit den Menschen gemeinsam anpackt. ,Von außen  können keine Kriege beendet werden, nur Kampfhandlungen unterdrückt. Damit aus dem Krieg Versöhnung und eine zukunftsfähige Gesellschaft entsteht, müssen die Herzen geändert werden. Und das schafft man nicht vom europäischen Schreibtisch aus, dazu muss man in die Länder gehen und mit den Menschen arbeiten."

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