Kritik an Kyrill

Arsenios Kardamakis: "Russische Kirche braucht Umkehr und Buße"

Eine Amtsenthebung Kyrills ist durchaus denkbar, meint der orthodoxe Metropolit von Austria, Arsenios Kardamakis.
Kyrills Umgang mit dem Krieg
Foto: ROK | "Die orthodoxe Kirche kann auf keinen Fall einen Krieg legitimieren. Wenn sie das macht, dann widerspricht sie dem Herrn selbst", so der orthodoxe Metropolit von Austria, Arsenios Kardamakis.

Eminenz, das Oberhaupt der größten orthodoxen Kirche, der Moskauer Patriarch Kyrill, rechtfertigt den Krieg Wladimir Putins gegen die Ukraine. Wer in der globalen Orthodoxie ist in der Lage, ihm vor aller Welt zu widersprechen?

Die orthodoxe Kirche kann auf keinen Fall einen Krieg legitimieren. Wenn sie das macht, dann widerspricht sie dem Herrn selbst, der der Fürst des Friedens ist. Das erste Geschenk, das der Herr seinen Jüngern nach der Auferstehung gemacht hat, war der Frieden. Die orthodoxe Kirche legitimiert keinen Krieg, sonst annulliert sie sich selbst. Der Erste unter den orthodoxen Patriarchen, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios, hat diesen Krieg von Anfang an verurteilt.

Patriarch Kyrill dagegen hat den Krieg in vielen Predigten und Ansprachen seit dem 24. Februar ideologisch gerechtfertigt. Ist es denkbar, dass er seines Amtes enthoben wird?

Ich denke schon! In Ungarn wurde ich gefragt, ob Europa Sanktionen gegen den russischen Patriarchen verhängen soll, und ich habe gesagt: Meiner Meinung nach nicht, denn nicht Europa ist zuständig, sondern die orthodoxe Kirche. Die weltweite Orthodoxie muss sich zusammenfinden und entscheiden, ob etwas gegen den russischen Patriarchen unternommen werden soll. Meiner Meinung nach, ja!

"Die weltweite Orthodoxie muss sich zusammenfinden
und entscheiden, ob etwas gegen den russischen
Patriarchen unternommen werden soll"

Gibt es dafür in der Orthodoxie eine Art Gerichtsbarkeit?

Eine Gerichtsbarkeit nicht, aber es gibt die Synaxis aller Patriarchen und Häupter der orthodoxen Kirchen unter dem Vorsitz des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios. Er kann diese einberufen.

Die Gesamtheit der Patriarchen könnte einen Patriarchen seines Amtes entheben?

Ja, natürlich.

Praktisch dürfte das schwierig sein, weil Moskau in mehreren orthodoxen Kirchen über Einfluss verfügt. Das sahen wir zuletzt darin, dass die von Patriarch Bartholomaios gewährte Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) lediglich von vier orthodoxen Kirchen anerkannt wurde.

Ja, Kyrill hatte großen Einfluss. Aber es gibt in der orthodoxen Kirche ein kanonisches Recht. Die Canones bestimmen alles, egal ob man einverstanden ist oder nicht. Wer dem geistlichen Gesetz widerspricht, der widerspricht sich selbst. Blicken wir in die Geschichte: Die Entscheidungen, die das Ökumenische Patriarchat getroffen hat, prägen die Geschichte. Früher oder später werden diese Entscheidungen anerkannt.

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Wäre es aus Ihrer Sicht denkbar, dass der Ökumenische Patriarch alle Patriarchen zusammenruft, um eine Amtsenthebung von Patriarch Kyrill vorzuschlagen?

Ich denke schon! Jedoch müssen in der Orthodoxie alle Entscheidungen einstimmig getroffen werden. Aber auch, wenn nicht alle einverstanden sind oder manche politisch nicht zustimmen können, so wissen doch alle, dass dieser Krieg nicht legitimiert werden kann und dass jener, der diesen Krieg rechtfertigt, außerhalb des Geistes der orthodoxen Kirche ist.

Handelt es sich dabei nur um einen individuellen Irrweg Kyrills? Insgesamt hat sich nur ein Prozent der russisch-orthodoxen Priester öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen.

In Russland kann nicht jeder frei seine Meinung sagen, nicht einmal innerhalb der Synode. Alle haben Angst! Alle russischen Geistlichen, die mit mir halbwegs offen gesprochen haben, sind gegen diesen Krieg. Sogar der Patriarch hat nicht viel Bewegungsspielraum. Ich fragte mich anfangs, ob er wirklich glaubt, was er sagt, oder sich dazu gezwungen fühlt. Aber mir scheint, dass er diesen Krieg aus ideologischen Motiven unterstützt.

"Alle russischen Geistlichen, die mit mir halbwegs
offen gesprochen haben, sind gegen diesen Krieg"

Halten Sie Kyrills These, die Taufe der Kiewer Rus im Jahre 988 stifte eine nationale Einheit von Russen, Ukrainern und Weißrussen, für eine Häresie? Das Sakrament der Taufe stiftet doch eine spirituelle Einheit der Glieder am Leib Christi, aber keine nationale.

Genau so ist es! Was sagen die Kirchenväter? Johannes Chrysostomos etwa sagt, dass wir nicht einer Nation angehören, sondern der ewigen Heimat. Kyrill vertritt einen puren Nationalismus, keine theologisch begründete Position.

Isoliert sich die russische Orthodoxie damit?

Ja, ich denke schon. Es hat begonnen mit dem Streit um die Ukraine. Wer hat die Entscheidung getroffen, den Ökumenischen Patriarchen in der Liturgie nicht länger zu kommemorieren? Wer seine Mutter oder seinen Vater nicht mehr anerkennt, hat ein existenzielles Problem. Er weiß nicht mehr, woher er kommt. Die Kirche von Konstantinopel ist die Mutterkirche Russlands. Der Ökumenische Patriarch ist der älteste Bruder, der den anderen zeigt, woher sie stammen.

In der Frage der ukrainischen Autokephalie ergab sich ein zwiespältiger Eindruck: Einerseits anerkannten nur Zypern, Griechenland und Alexandria die Autokephalie, andererseits vollzog keine orthodoxe Kirche jenen Bruch mit, den das Moskauer Patriarchat setzte, als es die Kommemoration des Ökumenischen Patriarchen einstellte.

Manche orthodoxen Kirchen kennen das kanonische Recht nicht gut. Wer Metropolit Epifanij nicht anerkennt und kommemoriert, aber Bartholomaios weiter anerkennt und kommemoriert, der anerkennt Epifanij implizit. So funktioniert das kanonische Recht in der orthodoxen Kirche. Denn wer mit einem Häretiker kommuniziert, wird automatisch Häretiker. Die Anerkennung der ukrainischen Autokephalie war das Recht des Ökumenischen Patriarchen. Wenn er das Recht zur Verleihung der Autokephalie nicht hätte, dann wäre auch die russische Orthodoxie keine autokephale Kirche. Ebenso die serbische, die bulgarische oder die griechische. Wenn er in diesen Fällen das Recht zur Verleihung der Autokephalie hatte, dann hat er es auch im Fall der Ukraine. Die Ukraine war ein Territorium des Ökumenischen Patriarchats, das an Russland zur Verwaltung übergeben wurde, unter der Bedingung, den Ökumenischen Patriarchen zu kommemorieren. Jene sind in die Häresie gegangen, die den Ökumenischen Patriarchen in der Liturgie nicht mehr kommemorierten, also die Bischöfe des Moskauer Patriarchats.

Welchen Status hat aus Ihrer Sicht jetzt die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP), die sich von Moskau für "autonom" erklärte?

Meiner Meinung nach sind das Schismatiker, die zu niemandem gehören. Früher waren sie ein Teil des Moskauer Patriarchats, aber seit Mai sagen sie, sie seien nicht länger in Verbindung mit Moskau. Mit wem sind sie nun in Verbindung?

Metropolit Arsenios

Sehen Sie für die Priester und Bischöfe dieser Kirche nur die Möglichkeit, sich der autokephalen OKU anzuschließen, sich also Metropolit Epifanij zu unterwerfen?

Ich denke, Epifanij wäre bereit, dafür eine Lösung zu finden.

Die gegenwärtigen Verwerfungen und Spannungen innerhalb der weltweiten Orthodoxie drängen die Frage auf, ob das Amt der Einheit zu schwach ausgeprägt ist. Bräuchte der Höchste mehr Vollmachten?

Ich denke nicht. Wenn die Canones respektiert werden, haben wir kein Problem. Die Canones sind ganz klar und geben dem Ökumenischen Patriarchen alle Möglichkeiten, eine Synode einzuberufen und Entscheidungen zu treffen. Das Problem hat damit begonnen, dass das Ökumenische Patriarchat so großzügig war, überall Autokephalien zu verleihen. Sind alle diese Autokephalien und neuen Patriarchate gut für die Orthodoxie? Abgesehen von Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien, Jerusalem und Zypern sind die Autokephalien nicht von einem Konzil bestätigt worden. Sie sind Entscheidungen des Ökumenischen Patriarchen.

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Ist dieses Modell tragfähig für die Kirche unserer Zeit? Durch die globale Massenmigration haben wir heute russische, serbische, bulgarische Gläubige überall auf der Welt - und dadurch mehrere orthodoxe Jurisdiktionen auf demselben Gebiet.

Es gibt Canones in der orthodoxen Kirche - die sollen respektiert werden. An einem Ort soll es nur einen Bischof geben! Die Diaspora ist ein Problem, für das eine Lösung gefunden werden muss. Was wir etwa jetzt in Österreich, Deutschland oder Frankreich haben, ist antikanonisch. Die Bildung von Bischofskonferenzen ist keine Lösung. Ich wäre eher für das alte metropolitanische System: Der Bischof des Ökumenischen Patriarchats wäre dann der Metropolit, die anderen wären Bischöfe unter ihm, die sich um die relevanten Verwaltungsangelegenheiten kümmern.

Ist nicht die Bindung an das Nationale das zentrale Problem der Orthodoxie heute?

Genau das! Das Problem der orthodoxen Kirche ist der Ethnophyletismus und Nationalismus. Man ist nicht zuerst orthodox, sondern Russe, Serbe, Grieche oder Bulgare. Der Ethnophyletismus ist zwar als Häresie verurteilt worden, aber alle leben weiter ihr häretisches Leben. Wir sollten stärker an das Reich Gottes glauben! Unser Wegweiser sollte Christus sein. Wir müssen für den Ruhm Gottes arbeiten, nicht für den Ruhm einer Nation.

"Das Problem der orthodoxen Kirche ist der
Ethnophyletismus und Nationalismus. Man ist nicht zuerst
orthodox, sondern Russe, Serbe, Grieche oder Bulgare"

Was passiert mit dem Moskauer Patriarchat, sollte Wladimir Putin seinen Krieg gegen die Ukraine verlieren?

Er hat den Krieg bereits verloren! Er und die russisch-orthodoxe Kirche haben den Krieg für ewig verloren. Und das Moskauer Patriarchat hat seine Autorität in den Augen der einfachen Menschen weltweit verspielt. Das ist schade für die orthodoxe Kirche.

Wird mit dem "System Putin" auch das "System Kyrill" in Russland ins Wanken geraten?

Unbedingt! Die russische Kirche braucht Umkehr, Buße und Neuevangelisierung. Sie soll nicht an die Macht oder an das Geld glauben. Eine Kirche, die im Luxus lebt und sich wie die politische Klasse präsentiert, hat ihren Ruf verloren. Die Erneuerung der Kirche wird von den einfachen Menschen kommen, die an Christus glauben. Russlands Orthodoxie braucht auch wieder Missionare und eine enge Verbindung zu Konstantinopel.


Zur Person:

Arsenios Kardamakis kam 1973 auf Kreta zur Welt und ist seit 2011 griechisch-orthodoxer Metropolit von Austria sowie Exarch von Ungarn und Mitteleuropa. Er spricht neben seiner Muttersprache Griechisch fließend Englisch, Französisch und Deutsch. Als Vertreter des Ökumenischen Patriarchen ist er Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Österreich.

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