Poway/New York

Antisemitismus: Wie eine gefährliche Epidemie

Antisemitische Vorfälle in den USA nehmen zu. Beobachter sprechen von einer gefährlichen Entwicklung, die die ganze Gesellschaft erfasst habe. Die Zunahme von Gewaltbereitschaft bei afro-amerikanischen Antisemiten gilt als Tabu.
Rabbi Yisroel Goldstein und US-Präsident Trump
Foto: Reuters | Rabbi Yisroel Goldstein wurde im April letzten Jahres bei dem Anschlag in Poway verletzt. Im Mai hielt er eine Ansprache aus Anlass des „National Day of Prayer“ im Rosengarten des Weißen Hauses.

Wir müssen das Problem als das erkennen, was es ist: eine Epidemie“, erklärte David Harris vom American Jewish Commitee, nachdem es im vergangenen Jahr zu einem rasanten Anstieg antisemitischer Gewalttaten in den USA gekommen ist. „Wir sprechen nicht mehr von vereinzelten, gelegentlichen Aktionen – so schlimm diese auch sind –, sondern von einem regelmäßigen Phänomen.“ Im April stürmt ein 19-Jähriger eine Synagoge in Poway, Kalifornien und eröffnet das Feuer, um – wie er es formulierte –, ein Zeichen zu setzen gegen den jüdischen „Genozid an der weißen Rasse“. Eine Frau starb. Anfang Dezember erschossen zwei Afro-Amerikaner drei Menschen in einem koscheren Supermarkt in New Jersey. Einer der Täter hatte Verbindungen zu den Black Hebrew Israelites – einer rassistischen Gruppierung, die Juden als „weiß“ und „falsch“ ansehen und sich als „echte Juden“ definieren; sie verstehen sich als wahre Nachfahren des biblischen Israel.

Vielzahl antisemitischer Gewalttaten zum Jahresende

Und zum Jahresende ereignete sich eine Vielzahl von antisemitischen Gewalttaten in den Straßen der Stadt New York. Der tragische Höhepunkt: Am siebten Tag von Chanukka stürmt ein Mann in der nahegelegenen Ortschaft Monsey mit einer Machete bewaffnet in ein Haus eines Rabbiners, mit der Absicht diesen und weitere fünf dort anwesende Personen zu töten. Sie werden schwer verletzt.

„Das tägliche Leben ist immer noch dasselbe, aber die ständigen Vorkommnisse antijüdischer Gewalt in Pittsburgh, Poway, New York, Monsey und Dutzenden anderer Städte sind alarmierend. Zwar sind es nur wenige Opfer, aber wir alle sind betroffen“, erklärt Matthew Austerklein gegenüber der „Tagespost“. Er ist Kantor in der jüdischen Gemeinde Beth-El in Akron, Ohio und bildet konfessionsübergreifend junge Kantoren aus. „Als ich in den 80er und 90er Jahren in den Vorstädten von Washington DC aufwuchs, war Antisemitismus mehr Geschichte als Realität. Aber die Dinge sind jetzt anders. Antisemitismus ist ein drohendes Gespenst in der amerikanisch-jüdischen Alltagspsyche. Es ist etwas, das wir bekämpfen werden und müssen, bevor es schlimmer wird – um unserer selbst willen, um unserer Kinder willen und um Amerikas willen.“

"Ich habe Angst, mit meiner Kippa nach draußen
zu gehen. Ich habe Angst, in der Öffentlichkeit
Hebräisch zu sprechen. Ich habe Angst, in die Synagoge zu gehen"
Max Rose, Vertreter des Bundesstaates New York im Repräsentantenhaus

Noch im Jahr 2014 erschien im Nachrichtenmagazin „Time“ ein Artikel unter der Überschrift „Antisemitismus: Keine Bedrohung für amerikanische Juden“, nachdem es im vorhergegangenen Jahr so wenig Vorfälle registriert worden sind wie selten seit sie seit 1979 erfasst werden. Seitdem steigen die Zahlen jedoch kontinuierlich. 2018 kam es landesweit zu 1.879 antisemitischen Straftaten und 39 Gewaltvergehen – in jenem Jahr ereignete sich  auch das gravierendste antisemitische Attentat in der Geschichte der USA, als elf Personen in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh erschossen worden sind. Die neue  antisemitische Gewaltwelle in der Stadt New York fügt dieser Entwicklung eine neue Dimension hinzu. Max Rose, Vertreter des Bundesstaates New York im Repräsentantenhaus, schilderte bei einer Pressekonferenz die Folgen dieser Entwicklung. In Gesprächen mit jüdischen Bürgern bekomme er immer häufiger zu hören: „Ich habe Angst, mit meiner Kippa nach draußen zu gehen. Ich habe Angst, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen. Ich habe Angst, in die Synagoge zu gehen.“

Dass diese Ängste nicht unbegründet sind, zeigt ein Blick in die Statistik: Nur 13 Prozent der Bewohner der Stadt New York habekennen sich zum jüdischen Glauben, doch 54 Prozent der aus Hass verübten Straftaten im vergangenen Jahr betrafen Juden. Die abstrakten Zahlen rufen Ängste hervor. Denn hinter der Statistik stehen konkrete Vorfälle aus dem Alltag, wie etwa dieser: Eine 42-jährige Frau, eine orthodoxe Jüdin, die mit ihrem dreijährigen Sohn spazieren geht, wird ins Gesicht geschlagen. Der Täter brüllt: „Du verdammte Jüdin. Dein Ende wird kommen!“

Gewalt gegen Juden durch Afro-Amerikaner

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Eine Besonderheit der Situation in New York: Die Gewalt geht  nicht vorwiegend von Anhängern der sogenannten White Supremacy-Ideologie aus“, die  an eine „Überlegenheit der Weißen“ glauben, oder wird von Islamisten verübt. Vor allem unter Antisemiten aus afro-amerikanischen Bevölkerungsteilen schlägt deren Hass gegen Juden zunehmend in Gewalt um. Dies ist kein neues Phänomen. Seit Jahrzehnten ist der Ortsteil Crown Heights, in der zum Großteil chassidische Juden und Afro-Amerikaner wohnen, ein Epizentrum des Antisemitismus in der Stadt. Als 1991  bei einem Autokorso, der von einem Rabbiner   angeführt wurde, bei einem Unfall ein Kind guyanischer Einwanderer tödlich verletzt worden ist, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Juden. Jedoch ist der Antisemitismus in den afro-amerikanischen Bevölkerungsschichten bisher nur wenig erforscht worden und die US- Gesellschaft tut sich insgesamt schwer, den Rassismus einer benachteiligten Minderheit zu thematisieren. So wurde zum Beispiel im Magazin „New Yorker“ der Versuch unternommen – er erntete viel Kritik –, vor dem Hintergrund sozialer Spannungen, die Schießerei in einem koscheren Supermarkt in New Jersey zu erklären.

Aufgrund von Wohnungsknappheit und Lebensunterhaltskosten ziehen chassidisch-jüdische Familien seit den 1970ern aus der Stadt in die Vorstädte und so wurde in dem Artikel die Frage gestellt: „Hat ein Zustrom chassidischer Bewohner im Stadtteil Greenville in Jersey City zwei Attentäter zu einer Schießerei angestiftet, bei der sechs Menschen getötet wurden?“ Diese Frage insinuiert eine Schuld der Opfer. Die zunehmende antisemitische Gewalt ist jedoch weder die Schuld der Juden und Jüdinnen, noch einer spezifischen Gruppierung in der US-amerikanischen Gesellschaft. Betrachtet man demografisch die ethnische Herkunft der Täter, spiegeln sich in den Zahlen die jeweiligen Bevölkerungsanteile der Tatorte wider. Die antisemitischen Straf- und Gewalttaten werden von Personen unterschiedlicher ethnischer Herkunft begangen, die zum Teil durch persönliche Judenfeindlichkeit und in einigen Fällen durch psychische Erkrankungen motiviert sind. Auch in der sogenannten „Neuen Welt“ ist der Antisemitismus ein altbekanntes Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft.

Nicht in goldenem Käfig abgeschirmt werden

Die reflexartigen Reaktionen auf die zunehmende Zahl antisemitischer Gewalttaten sind die vorgeschlagene Vervierfachung der vom Kongress zur Verfügung gestellten Mittel für gemeinnützige Sicherheitszuschüsse, um jüdische Einrichtungen zu schützen. Und es soll eine Sondereinheit des FBI zur Bekämpfung des Antisemitismus gegründet sowie die Polizeipräsenz erhöht werden. Solche Maßnahmen werden jedoch von jüdischer Seite zum Teil kritisch gesehen: Man wolle nicht in einem goldenen Käfig abgeschirmt werden. David Harris vom American Jewish Commitee fordert umfassendere Maßnahmen: „Trotz der Bemühungen vieler gewählter Amtsträger und Strafverfolgungsbehörden, unsere Sicherheit zu gewährleisten, muss mehr getan werden – einschließlich einer verbesserten Datensammlung, einer härteren Verfolgung und Bestrafung und einer verstärkten öffentlichen Aufklärung – um auf antisemitische Angriffe in unseren Gemeinden zu reagieren.“ So ist es zum Beispiel unverständlich, dass nur in zwölf der 50 US-Bundesstaaten der Holocaust ein vorgeschriebener Bestandteil der Lehrpläne an den öffentlichen Schulen ist.

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