Angespannte Lage

Indien vor der Wahl: In einigen Regionen Indiens ist Karfreitag sogar frei, in anderen leiden die Christen unter dem Hindu-Nationalismus. Von Michael Gregory
Karfreitag - Hyderabad in Indien
Foto: dpa | Das gibt es auch in Indien: In der Stadt Hyderabad fanden an diesem Karfreitag Passionsspiele statt.

Wenige Wochen vor Abschluss der Parlamentswahlen in Indien am 23. Mai durchlebt die christliche Minderheit des Landes ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits gibt es Signale, die auf eine Stärkung ihrer Position in Staat und Gesellschaft hindeuten, andererseits besteht die Sorge, dass durch einen Sieg der BJP von Premierminister Narendra Modi die extrem rechte, völkisch grundierte Strömung in der Hindu-Partei erneut Oberwasser bekommen könnte.

Vor allem die katholische Minderheit in dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Erde bangt. Dabei genießt gerade sie vielerorts einen hervorragenden Ruf, weil sie sich in besonderer Weise der Menschen annimmt, die durchs Rost der sozialen Sicherung in Indien fallen. Das sind vor allem die Kastenlosen oder Angehörigen niederer Kasten, in denen oft bittere Armut herrscht. Wer es in Indien materiell zu etwas gebracht hat, gehört fast ausnahmslos den hohen Rängen des im Hinduismus fest verankerten sozialen Schubladensystems an. Wer sich dem starren Reglement dieses Korsetts entzieht, etwa durch Konversion zum Christentum, geht vielerorts ein enormes Risiko ein.

Sieg der Minderheit: Karfreitag als Feiertag

Insofern überrascht es, dass ausgerechnet ein katholischer Priester vor kurzem zum „besten indischen Bürger“ gekürt wurde. Für seinen „selbstlosen Einsatz“ ehrte der indische Verlag „International Publishing House“ den Geistlichen Vineeth George am 16. April in Bangalore mit der Rashtriya Gaurav-Auszeichnung als „Besten Bürger Indiens“. Nach seinem Studium legte George eine steile Karriere hin, die als Angestellter im Unternehmen Dell Computer Corporation begann und im Energieministerium der indischen Regierung endete. Doch dieses Leben erfüllte ihn nicht. So brach er seine bisherige Laufbahn ab und wurde Priester. An der „Loyola Academy“ der Jesuiten „verstärkte sich meine Berufung deutlich“, berichtet George. An seinem ersten Einsatzort im östlichen Bundesstaat Jharkhand gab er jungen Angehörigen von Volksstämmen Englischunterricht.

Ein beachtlichen Sieg konnte die im Westen Indiens relativ stark vertretene katholische Minderheit kurz vor Ostern erringen. So müssen zwei Unionsterritorien den Karfreitag wieder als öffentlichen Feiertag einführen, nachdem sie ihn zuvor als Feiertag abgeschafft hatten. Das hat der Gerichtshof von Mumbai Anfang vergangener Woche entschieden. Die betroffene Erzdiözese von Goa und Daman hatte geklagt. Der Generalsekretär der indischen Bischofskonferenz, Bischof Theodore Mascarenhas, zeigte sich zufrieden über den Urteilsspruch. Er hatte die Entscheidung der beiden portugiesischen Ex-Kolonien Dadra und Nagar Haveli sowie Daman und Diu an der Westküste Indiens zuvor als „äußerst schwerwiegend“ verurteilt. „Wir haben gewonnen“, erklärte er gegenüber der Nachrichtenagentur Asianews. Das Urteil zeige auch, dass die Demokratie in Indien funktioniere, so der Bischof, der in den vergangenen Monaten immer wieder auf zunehmende Repressalien gegen religiöse Minderheiten hingewiesen hatte. Die Kirche habe bei ihrem Kampf gegen die Entscheidung der Unionsterritorien viel Unterstützung auch durch Nichtchristen erfahren, berichtet er. „Das sind die schönen Dinge Indiens, die wir uns bewahren müssen.“

Es gibt in Indien nur zwei christliche Hochfeste, die als Feiertage anerkannt sind und auch von Gläubigen anderer Religionen gewürdigt werden: Weihnachten und eben Karfreitag. Wie Mascarenhas betont, seien es aktuell vor allem Hindus gewesen, die die katholischen Petitionen unterstützt und moralischen und juristischen Beistand geleistet hätten. So sind nach Angaben der Bischofskonferenz unter anderem der Anwalt, der den Fall kostenlos übernommen hatte, sowie die beiden zuständigen Richter Hindus.

Dennoch können die aktuellen Fortschritte nicht über die scharfen Gegensätze hinwegtäuschen, die Hindus und Christen trennen. Es sind Gegensätze grundsätzlicher Natur, denn sie betreffen das Menschenbild und das gesellschaftliche Zusammenleben. So bleibt die im Hinduismus angelegte strenge Hierarchisierung der Gesellschaft in vielzählige Kasten, aus denen es für den Einzelnen im Normalfall kein Entkommen gibt, fremd. Hinzu kommt die von fundamentalistischen Hindus vertretene Ideologie der arischen Herrenrasse. Je heller die Hautfarbe, desto höher der gesellschaftliche Rang. Am Ende der Skala stehen die eher dunkelhäutigen Stämme der Ureinwohner, unter denen das Christentum vielerorts großen Zulauf hat, weil es Rassenideologie und Überlegenheitsdenken ablehnt. „Viele Bischöfe haben Angst vor Repressalien und äußern sich deshalb nicht öffentlich“, berichtet ein Beobachter des katholischen Hilfswerks Kirche in Not im Gespräch mit der „Tagespost“. Von der neuen Regierung erwarten die Christen insbesondere Respekt und Einhaltung der Menschenrechte. Dazu gehöre zentral die Religionsfreiheit. Wer konvertieren wolle, müsse dies ohne Angst vor Gewalt und Marginalisierung tun können.

Die Sorgen sind begründet. So stellte das Landesgericht des Bundesstaats Rajasthan neue Regeln für den Wechsel der Religion auf. Wer konvertieren will, muss dies dem Distrikt jetzt melden. Die Behörde macht die Information eine Woche lang öffentlich. Erst danach ist der Übertritt möglich. Solche Regelungen verletzten die Religionsfreiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz und die persönlichen Freiheit aller Bürger, widersprächen also der indischen Verfassung, meinen christliche Verantwortungsträger des Landes. Mit einer Petition wenden sie sich jetzt an das Oberste Gericht, das die Anhörung nun jedoch auf später vertagte, mit der Begründung, die Regierung brauche mehr Zeit für ihre Antwort. So wird verschleppt, was eigentlich selbstverständlich ist, denn bundesweite gesetzliche Einschränkungen zur religiösen Konvertierung gibt es offiziell nicht, auch wenn sie in mindestens acht der 29 indischen Staaten praktiziert werden. Viele Christen sind sicher, dass sie von Hindus ausgehen, die einen Übertritt befürchten. Erst im Januar sprach sich Innenminister Rajnath Singh öffentlich gegen christliche Missionsarbeit aus.

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