Zollitsch: Menschengerechte Arbeit statt arbeitsgerechte Menschen schaffen

Die Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) wollen einen „Aufbruch für Werte“ und eine „aktive Bürgergesellschaft“ vorantreiben. Von Reinhard Nixdorf
Foto: Pierk | Ein Protestant als Festredner: Volker Kauder (CDU) beim 87. Bundesverbandstag der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung.
Foto: Pierk | Ein Protestant als Festredner: Volker Kauder (CDU) beim 87. Bundesverbandstag der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung.

Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht ruhig schlafen können.“ Dieses Ziel, das Thomas Mann in seinen „Buddenbrooks“ dem verantwortungsvollen Unternehmer vorgibt, klang auf dem 87. Bundesverbandstag des Verbands der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV), der am Sonntag in Freiburg zu Ende ging, immer wieder an. Denn die Tagung stand unter dem Leitwort „Aufbruch für Werte – gemeinsam eine aktive Bürgergesellschaft gestalten“ – und hatte damit das gerechte soziale Miteinander und eine Wirtschaft im Blick, die dem Menschen dient. „Nur wenn Bürger, Unternehmen und Institutionen bereit sind, Verantwortung in Staat und Gesellschaft zu übernehmen, wird unsere Gesellschaft auf Dauer Bestand und unsere Wirtschaft eine nachhaltig gute Entwicklung haben“, heißt es in der „Freiburger Erklärung“, die die Delegiertenversammlung des KKV, dem in Deutschland achttausend Mitglieder in neunzig Ortsgemeinschaften angehören, am Samstag verabschiedete.

Bielefelder Unternehmer mit „ehrbarer Kaufmann“ geehrt

Zum Auftakt wurde am Freitag im Freiburger Rathaus der Bielefelder Unternehmer Dr. Wolfgang Böllhoff mit dem KKV-Ehrenpreis „Der ehrbare Kaufmann“ ausgezeichnet. Bürgerschaftliches Engagement, unternehmerischer Mut, faire Führung und Familienfreundlichkeit: diese Kriterien geben bei der Vergabe des Preises den Ausschlag. Tatsächlich engagiert sich die Familie Böllhoff in Bielefeld in vielen ehrenamtlichen und bürgerschaftlichen Projekten. So wurde neben der Wolfgang und Regina Böllhoff-Stiftung die Bielefelder Bürgerstiftung ins Leben gerufen. Die Böllhoff-Gruppe befindet sich in Familienbesitz und ist in Europa, Asien und Amerika Anbieter von Verbindungs-, Montage- und Systemtechnik. „Ich kenne viele meiner 2 500 Mitarbeiter beim Namen“, sagte Wolfgang Böllhoff der „Tagespost“. „Mut, Fairness und Treue sind seit vier Generationen die Eckpfeiler unserer Unternehmenskultur. Und hinter Mut steckt die Innovation.“

In seiner Laudatio ging Professor Peter Schallenberg, Sozialethiker und Direktor der katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach und geistlicher Beirat des KKV, der Bedeutung des Wortes „ehrbar“ nach. Nach Platons „Gorgias“ sei der ehrbar, der das Gute im langfristigen Nutzen für alle verwirkliche. Ehrbar handle, wer seinen Nächsten nicht in ein Kosten-Nutzen-Kalkül zwänge, sondern ihm zeige: „Du bist mehr als ein Wirtschaftsfaktor, du bist ein ehrenwerter Mensch.“

„Wer mit zehn Jahren den Beichtspiegel auswendig gelernt hat, vergisst ihn sein ganzes Leben nicht mehr“, entgegnete Wolfgang Böllhoff. Er habe sich gerade angesichts der Preisverleihung gefragt: „Habe ich immer die Lieferanten fair behandeln lassen, habe ich im Unternehmen genug für familienfreundliche Maßnahmen getan? Habe ich dafür gesorgt, dass Mitarbeiter durch ihre Vorgesetzten gefördert wurden? Habe ich regelmäßig meine Steuern bezahlt?“

Er habe stets ein ordentlicher Kaufmann sein wollen. „Und wenn Sie mich fragen, was das Allerwichtigste ist, um ein ordentlicher Kaufmann zu sein, so ist dies leben und leben lassen. Am Schluss muss nicht nur ich, sondern auch mein Geschäftspartner zufrieden sein.“

Dass der freiheitliche Verfassungsstaat eine soziale Bürgergesellschaft benötigt, wurde am Freitagnachmittag auf einer Podiumsdiskussion hervorgehoben, an der der Bundestagsabgeordnete Peter Weiß, die Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer und der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper teilnahmen. Dabei bietet sich ein paradoxes Bild: Einerseits haben sich gerade die deutschen Katholiken in vielen Verbänden organisiert, andererseits ist die Erwartungshaltung an den Staat nirgendwo so groß wie bei den Deutschen, hob der Bundestagsabgeordnete Peter Weiß hervor: „Der Staat kann und darf nicht der Problemlöser für alles sein.“ Ursula Nothelle-Wildfeuer hob hervor, dass Gestaltung der Bürgergesellschaft soziale Gerechtigkeit impliziere. Nicht gemeint sei, „dass der Staat der einzige Garant, Lieferant und Hersteller von sozialer Gerechtigkeit ist“. Und Stefan Vesper sagte: „In Deutschland haben wir 130 katholische Verbände. Wir sind nicht Zuschauer, sondern Mitspieler, wir wollen mitgestalten.“ Angesichts der Bundestagswahl im September rief der Generalsekretär des ZdK zu gesellschaftlichem Engagement auf. Und Peter Weiß beklagte: „Wertebildung geschieht durch uns selbst, durch den Umgang mit anderen Leuten.“ Doch alles werde mit Sachargumenten begründet: „Es gibt kaum jemand, der sagt, welche Haltung ihn dazu veranlasst hat.“

Geübte Nächstenliebe als Erkennungszeichen

Eine erfolgreiche Wirtschaft schafft Arbeitsplätze und ermöglicht ein geregeltes Einkommen, Wohlstand und Bildung, sagte der Erzbischof von Freiburg, Robert Zollitsch, in seiner Predigt beim Pontifikalamt am Freitagabend. „Doch dies kann sie umso besser leisten, je mehr sie dabei den Menschen, das Ebenbild Gottes, in seiner Individualität, seiner Person und seiner Würde stets im Blick hat.“ Denn Wirtschaft lebe davon, dass sich Menschen ihre Waren und Dienstleistungen leisten und diese erwerben könnten.

Es gelte, die Arbeit menschengerecht zu gestalten und nicht den Menschen arbeitsgerechter, sagte der Erzbischof. „Wir schauen daher aus nach Ideen und Wegen, wie Familie und Arbeit besser miteinander verbunden, Arbeit auch von zu Haus aus leichter getan werden kann.“ Aus Begegnungen mit zahlreichen Unternehmern wisse er, dass dies die Produktivität nicht mindere, sondern im Gegenteil dazu beitrage, „zufriedene und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen“.

Nur wenn Religion ihren Platz in der Öffentlichkeit wahrnehme, könne sie „dem politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wohl der Menschen in unserer Gesellschaft dienen“, sagte Zollitsch. Geübte Nächstenliebe sei ein „entscheidendes Zentrum unseres christlichen Glaubens“. Christen seien beauftragt, Menschen die Botschaft des Evangeliums als lebenswert erfahren zu lassen. Dafür genüge es nicht, nur auf sie einzureden: „Es ist die Art, wie wir Christen unseren Glauben im Alltag leben, wie wir ihn in unsere tägliche Arbeit einbringen.“

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