„Wo sollen sie herkommen?“

Der Bamberger Bevölkerungswissenschaftler Josef Schmid über Forderungen nach 500 000 Zuwanderern pro Jahr von Jens Hartner
Herr Professor Schmid, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, hat jetzt gefordert, dass Deutschland jedes Jahr 500 000 qualifizierte Zuwanderer brauche, um seinen Standard halten zu können. Hat er richtig gerechnet?

Falsch ist das nicht. Die Zahlen werden in diese Richtung gehen. Doch woher sollen sie kommen? Wo sollen sie untergebracht werden? Und das ohne Deutschkenntnisse und noch dazu jährlich!? 500 000 entspricht einer Stadt von der Größe Hannovers. Die Regierung Schröder hat 2000 die Green Card eingeführt, die auf unkomplizierte Weise eine Aufenthaltserlaubnis für Hochqualifizierte vorsah. Gekommen sind letzten Endes weit weniger als erwartet.

Wieso aber unterliegt Deutschland im „Weltkrieg um Talente“, von dem Meinhard Miegel spricht?

Weil die Konkurrenz der angelsächsischen Länder Großbritannien und der Vereinigten Staaten von Amerika so groß ist. Allein sprachlich haben qualifizierte Zuwanderer dort keine Probleme und obendrein weniger Bürokratie und Steuern.

Aber den Fachkräftemangel, über den die Industrie schon jetzt lautstark klagt, muss man ja irgendwie ausgleichen, will man international weiter an der Spitze stehen. Zimmermann rechnet vor, dass ab 2015 jedes Jahr 250 000 Mitarbeiter abgehen werden.

Das ist richtig. Bis 2050 fällt ein Drittel der aktiven Erwerbspersonen weg. Es kommen nur noch geburtenschwache Jahrgänge an, die kleiner sind als die vorhergehenden: demographische Implosion nennt man das. Wenn Hunderttausende aktive Menschen schwinden, dann sinken Wirtschaftsleistung, Produktivität und damit der Wohlstand. Den brauchen wir aber, weil alternde Gesellschaften für sich selbst immer teurer werden. Die Industrie wird diesen Menschenverlust nicht endlos kompensieren können, etwa durch bessere Maschinen. Manche meinen, es gäbe hier noch genug Spielräume. Ich hab da meine Zweifel: Denn man kann nicht ewig ein Messer schleifen, irgendwann hat man nur noch den Stiel in der Hand. Was also tun? Arbeitsteilige Hochtechnologieländer wie Deutschland müssen ihren qualifizierten Nachwuchs selbst hervorbringen, für Arbeitsmarktlücken dort und da kann man sich ja in der Welt umsehen, aber nicht mehr.

Also Kinder statt Inder, wie der CDU-Mann Rüttgers 2000 im Wahlkampf angesichts der Green Card der Regierung Schröder formulierte?

Inzwischen ist wohl beides nötig. Nur ein guter Mix aus mehr Geburten, Qualifizierung, längere Lebensarbeitszeiten und gesteuerte Zuwanderung wird uns retten. Nach Deutschland läuft die Zuwanderung nur noch dünn. Circa 70 000 kommen, nur die eine Hälfte geht in den Arbeitsmarkt, die andere ist Familienzusammenführung und leider ein Integrationshandicap, weil in diesen Familien kaum deutsch gesprochen werden wird. Die negative Geburtenbilanz wird seit Jahren durch Zuwanderung nicht mehr ausgeglichen. Realistisch fehlen jährlich zuerst und langfristig 200 000 Geburten. Deutschland hat also nicht nur eine negative Geburtenbilanz, sondern schon eine negative Bevölkerungsbilanz. Um die 50 000 Menschen gingen in den letzten Jahren verloren. Es müsste möglich sein, zu einem positiven Wanderungsgewinn zwischen 100 000 und 150 000 zu kommen. Mehr kann ich mir kaum vorstellen. Wir haben jetzt circa 700 000 Menschen, die pro Jahr kommen und in ähnlich hoher Zahl fortziehen. Es wird aber ein Zuzug von 200 000 Menschen nicht reichen, die Bevölkerung hierzulande zu stabilisieren. Das muss dann eine kommende Generation richten. Vorerst ist die ökonomische Leistungsfähigkeit gefordert, die von der Demografie her nicht beeinträchtigt werden darf; wenn es so weitergeht aber leider von ihr beeinträchtigt werden wird.

Themen & Autoren

Kirche