„Wir stehen an einer Zeitenwende, es zählt jedes Jahr“

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber zum Kopenhagener Klimagipfel

Was muss beim Gipfel in Kopenhagen aus Ihrer Sicht als Klimaforscher beschlossen werden?

Aus Sicht der Wissenschaft ist ein weltweit verbindlicher Beschluss, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, dringend geboten. Wir haben jedoch schon sehr viel Zeit verloren. Seit dem Jahr 1900 ist die Temperatur global um durchschnittlich 0,8 Grad gestiegen. Jetzt gilt es, eine Brandschutzmauer zu errichten. Die Weltgemeinschaft sollte sich in Kopenhagen zumindest auf die wesentlichen Kriterien der Lastenverteilung zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels einigen. Wir stehen an einer Zeitenwende, es zählt wirklich jedes einzelne Jahr.

Welche Auswirkungen hat ein Temperaturanstieg von zwei Grad?

Bereits zwei Grad – und damit ist ja die globale Mitteltemperatur gemeint – sind ein fauler Kompromiss mit der Natur. Es gibt keine magische Grenze, bis zu der alles im Lot bleibt. Eine Erwärmung um zwei Grad im Durchschnitt bedeutet, dass die Pole und das Hochgebirge mit plus fünf bis sieben Grad viel stärker betroffen sind als Meeresregionen. Die meisten Gletscher verschwinden, mächtige Flüsse werden zeitweise und möglicherweise langfristig ganz austrocknen, was Hungersnöte zur Folge hätte. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte der Meeresspiegel um ein, im ungünstigsten Fall sogar bis zu zwei Meter steigen. Selbst ein Anstieg um weniger als einen Meter würde sich massiv auf Siedlungsstrukturen auswirken. Korallenriffe würden weitgehend vernichtet. Zwei Grad klingt nicht nach viel, es ist aber der Unterschied zwischen dem mediterranen Klima in Mailand und dem Regionalklima in Berlin.

Und über zwei Grad?

Bei 2, 5 Grad ist das Abschmelzen des Grönland-Eises wahrscheinlich. Der Meeresspiegel würde dann langfristig, also über die kommenden Jahrhunderte, um sieben Meter ansteigen. Bei drei Grad steht der Regenwald am Amazonas auf dem Spiel. Bei weiterer Erwärmung würden die Permafrostböden auftauen und mit der Freisetzung von riesigen Mengen Methan den Effekt weiter dramatisch anheizen.

Müssen wir radfahrende Vegetarier werden, die abends im Dunkeln sitzen?

Das wollen wir ja gerade vermeiden. Es geht nicht darum, das gute Leben abzuschaffen. Aber wenn wir nichts tun, werden wir nicht nur im Dunkeln sitzen, sondern auch nasse Füße bekommen und nicht genügend Nahrung haben. Jeder kann einen Beitrag leisten. Man muss nicht zum Shoppen nach New York fliegen oder mit dem Geländewagen zum Bäcker um die Ecke fahren. Es gibt riesige Einsparpotenziale, Kommunen müssten zum Beispiel die Wärmedämmung von Gebäuden vorantreiben.

Kann uns die Atomenergie eine Atempause verschaffen?

Ich halte es nicht für sinnvoll, neue Kernkraftwerke zu bauen, aber es wäre schlau, nach Einzelfallprüfungen die Laufzeiten zu verlängern. Drei Viertel der Gewinne sollten in den Ausbau der erneuerbaren Energien gesteckt werden. So könnte uns die Atomkraft einen letzten Dienst erweisen.

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