Erfurt/Würzburg

"Wir spiegeln Meinung"

Meinungsumfragen im spielen Bundestagswahlkampf eine zentrale Rolle. Sie helfen Wählern dabei, startegisch ihr Kreuzchen zu machen. Ein Interview mit Hermann Binkert, dem Chef des Meinungsforschungsinstituts INSA-Consulere.
Wahl-Triell - TV-Diskussion Kanzlerkandidaten
Foto: -- (RTL) | Auch nach dem ersten „Triell“ der Kanzlerkandidaten am Sonntag wurde sofort die Stimmungslage von Meinungsforschungsinstituten abgefragt.

Herr Binkert, bilden Sie mit den Umfragen Ihres Instituts Meinung ab oder bilden Sie Meinung?

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Meinungsforschung spiegelt Meinung. Aber wenn der Wähler weiß, wie die Stimmungslage ist, dann kann er seine Stimme gezielter vergeben. Die Information über die Stimmungslage hilft dem Wähler also bei seiner Entscheidung. Das halte ich für legitim. Bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt etwa hat uns jeder vierte Befrage bei unserer Nachwahlbefragung gesagt, dass Umfragen seine Stimmabgabe beeinflusst hätten. Ein anderes Beispiel, das den Einfluss von Umfragen zeigt, sind Oberbürgermeisterwahlen auf kommunaler Ebene. Das sind Persönlichkeitswahlen. Durch die Umfragen sieht der Wähler, wer die Bestplatzierten sind und wer damit überhaupt die Chance hat, in den zweiten Wahlgang zu kommen. Das kann er dann bei seiner Stimmabgabe berücksichtigen. Also: Ich finde es gut, dass alle Bürger über die Umfrageergebnisse informiert werden und es kein Privileg der politischen Akteure ist, über solche Daten zu verfügen.

Hermann Binkert

Es gibt ziemlich viele Meinungsforschungsinstitute. Ihr 2009 gegründetes Institut ist noch relativ jung. Tut mehr Wettbewerb Ihrer Branche gut?

Der Wettbewerb ist auch für die Meinungsforschung wichtig. Er hat sich auch positiv zum Beispiel auf methodische Entwicklungen ausgewirkt. Etwa mit Blick auf die Frage, ob die Umfragen nur telefonisch oder online durchgeführt werden.

Welche Methode wenden Sie an?

"Bei telefonischen Umfragen besteht die Tendenz,
dass die Befragten eher dazu neigen, so zu antworten,
wie sie es für sozial erwünscht halten"

Für jede Methode können gute Gründe angeführt werden. Telefonisch erreicht man vor allem Ältere, online Jüngere. Ein anderer Aspekt: Wie frei fühlen sich die Befragten bei ihrer Antwort? Bei telefonischen Umfragen besteht die Tendenz, dass die Befragten eher dazu neigen, so zu antworten, wie sie es für sozial erwünscht halten. Bei Online-Befragungen ist das weniger der Fall. Auch ist zu berücksichtigen, dass es mittlerweile sechs Millionen Haushalte gibt, die telefonisch nicht befragt werden wollen. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dem Methodenmix gemacht.

Meinungsforschungsinstituten wird immer wieder unterstellt, in den Umfrageergebnissen würde sich eine bestimmte politische Präferenz des Instituts zeigen. Besteht hier eine Gefahr?

Zu unseren Kunden gehören alle Parteien, die im Bundestag und den Landesparlamenten vertreten sind. Und am Ende sieht man ja bei Wahlen, wie gut die Institute sind, wenn Umfragen auf die Wirklichkeit treffen. Bei der letzten Bundestagswahl kam unsere Umfrage dem tatsächlichen Wahlergebnis am nächsten. Ich finde, dass es bei der Meinungsforschung nicht darauf ankommen darf, was diejenigen, die sie betreiben, persönlich denken. Wir haben nur die Stimmungslage zu spiegeln. Wir sollten niemanden protegieren oder diffamieren.

Seit die Kanzlerkandidaten aufgestellt worden sind, haben sich die Trends immer wieder geändert. Erst führte Annalena Baerbock, dann lag Armin Laschet vorne und jetzt ist Olaf Scholz an der Spitze. Machen diese vielen Trendwenden diese Wahl besonders spannend?

"Das Ergebnis der Bundestagswahl
ist diesmal tatsächlich offen wie nie"

Ja, diese Trendwenden sind spannend. Alle drei Kanzlerkandidaten konnten sich schon mal auf der Siegerstraße fühlen. Aber das Ergebnis der Bundestagswahl ist diesmal tatsächlich offen wie nie. Das liegt auch daran, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik der amtierende Bundeskanzler nicht wieder antritt. Die Wahl ist gleichzeitig auch eine Art Entlastungsabstimmung zu der 16-jährigen Kanzlerschaft von Angela Merkel. Ein zweiter Aspekt: Das Parteiensystem hat sich grundlegend geändert. Wo es vor über  40 Jahren nur drei Parteien gab, sind jetzt sechs. Früher haben die großen Parteien Ergebnisse um die 40 Prozent und mehr angepeilt, heute sind 20er-Werte schon gut. Personen spielen für die Wahlentscheidungen eine immer größere Rolle. Heute gibt es kaum noch diese festen Wählerbindungen, wo gesagt wird, bei uns wird schon seit Generationen diese Partei gewählt.

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