„Wir brauchen euch“

Der simbabwische Jesuit Oskar Wermter ruft die Flüchtlinge aus seinem Land auf, zurückzukehren. Von Michael Gregory
Bundeskanzlerin Merkel empfängt Diplomatisches Corps
Foto: dpa | Die Beziehungen zwischen Simbabwe und Deutschland sind traditionell: Angela Merkel begrüßt die simbabwische Botschafterin Ruth Masodzi Chikwira beim Jahresempfang für das Diplomatische Corps.

Wird hierzulande über das Thema Zuwanderung aus Afrika gestritten, richtet sich der Blick meist auf das nördliche und westliche Afrika. Es geht darum, ob Tunesien und Marokko sichere Herkunftsländer sind, oder um die Kooperationsbereitschaft des Senegals oder Nigerias bei der Rückführung von Flüchtlingen. Dass sich im Süden des Kontinents eine Flüchtlingstragödie deutlich größeren Ausmaßes abspielt, wird dagegen kaum wahrgenommen. Das könnte sich rächen, denn Simbabwe, das von Misswirtschaft und Hungersnöten in den vergangenen Jahren hart auf die Probe gestellte Land zwischen Sambesi und Limpopo, gehört zu den Nationen mit den meisten Ressourcen und potenziell größten Entwicklungschancen in Afrika. Hinzu kommt, dass Deutschland in Simbabwe unter den europäischen Nationen den vielleicht besten Ruf genießt und mehr als nur geachtet wird. Dem sozialen Engagement vieler deutscher Entwicklungsorganisationen sei dank, nicht zuletzt dem segensreichen Wirken katholischer Ordensleute aus Deutschland.

Nach kirchlichen Angaben befinden sich derzeit etwa drei von rund 13 Millionen Simbabwern im ausländischen Exil. „Es sind oft junge Menschen, die meist illegal über den Limpopo nach Südafrika fliehen. Nicht wenige werden beim Überqueren des Flusses von Krokodilen getötet. Wer das entsprechende Geld hat, geht gleich nach Übersee, in die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien, in die USA, nach Australien oder Neuseeland“, berichtet der angesehene simbabwische Publizist und katholische Priester Oskar Wermter SJ im Gespräch mit der „Tagespost“. Der Jesuit hat die simbabwischen Exilanten jetzt in einem eindringlichen Appell aufgerufen, in ihre Heimat zurückzukehren, um beim Wiederaufbau des Landes zu helfen. „Wir brauchen ihre berufliche Qualifikationen, ihre Erfahrungen und ihren Respekt gegenüber dem Rechtsstaat. Sie werden hier in Simbabwe weit dringender gebraucht als in den Ländern, in denen sie Zuflucht gesucht haben“, so Wermter in einem Gastbeitrag für die simbabwische Zeitung Newsday. Auch nach Deutschland kommen Flüchtlinge aus Simbabwe. 2017 haben insgesamt 181 Simbabwer einen Erstantrag auf Asyl gestellt. Rund 33 Prozent aller Neuanträge wurden angenommen. Deutschland ist nach den USA und Kanada das Land mit der dritthöchsten Aufnahmequote in der westlichen Welt.

Simbabwe braucht Fachkräfte

Dass es nicht noch mehr sind, hängt vor allem mit dem Sturz von Langzeitdespot Robert Mugabe im November 2017 zusammen. Seit 1980 regierte er das Land mit eiserner Hand. Die neue Regierung unter Präsident Emmerson Mnangagwa versprach Wirtschaftsreformen und ein Ende der staatlich verübten Gewalt gegen Oppositionelle. Das sorgte kurzfristig für neue Hoffnung. Doch die Erwartungen wurden enttäuscht. Viele Simbabwer empfinden es wie ein Déja-vu, wenn jetzt wieder Soldaten auf Demonstranten schießen, Menschen im Kugelhagel der Sicherheitskräfte sterben und Verhaftungswellen übers Land rollen. Auch die Wirtschaft des sehr fruchtbaren und ressourcenreichen Landes liegt weiter am Boden. So hat Mnangagwa vor kurzem verfügt, der Liter Benzin werde künftig mehr als doppelt so teuer. Mit 3,31 US-Dollar hat Simbabwe jetzt einen der höchsten Spritpreise weltweit. In Massen zogen die Menschen auf die Straße, und dann war es eben wie bei Mugabe: Die Sicherheitskräfte schlugen den Protest brutal nieder.

Unterdessen ist die Lage für viele Exil-Simbabwer nicht viel besser. Etliche Flüchtlinge schlagen sich mit unterbezahlten Jobs im Nachbarland Südafrika durch, als billige Arbeitskräfte in den Minen, auf Farmen oder in den Haushalten wohlhabender Südafrikaner. Wer keinen festen Job hat, verdingt sich als Tagelöhner, Frauen oft als Prostituierte in den großen Zentren Johannesburg oder Kapstadt. Sie alle eint die Illegalität ihres Aufenthaltes in Südafrika. Es gibt aber auch Aufsteiger, etwa jene, die es bis nach Großbritannien geschafft haben und dort als Krankenpfleger den Fachkräftemangel in der britischen Gesundheitsversorgung lindern. Oder jene, die in den USA studiert haben und dort bleiben. Für sie gibt es augenscheinlich keinen guten Grund zurückzukehren.

Oder vielleicht doch? Fest steht, dass die allermeisten Simbabwer an ihrer schönen und kulturell reichen Heimat hängen. Oskar Wermter berichtet von einem simbabwischen Mediziner-Ehepaar, das aus den USA heimgekehrt ist, um seine Kinder zu Hause aufwachsen zu lassen. „Solche Leute brauchen wir. Die Chancen sind ja da. Das Hauptproblem ist die gewalttätige und korrupte Regierung, die nur an den Machterhalt denkt. Es könnte relativ rasch bergauf gehen nach einem Neustart“, so Wermter. Doch die Regierung kümmert sich nicht um die Exilanten. Ohne ihre Rücküberweisungen in harter Währung wäre die Wirtschaft des Landes vermutlich schon längst vollends zusammengebrochen. Außerdem würden die allermeisten Rückkehrer aus dem Exil bei Wahlen wohl für die Opposition stimmen. Machtpolitik ist unter Simbabwes derzeitigen Herrschern also immer noch wichtiger als nachhaltiger Wiederaufbau. Die simbabwischen Bischöfe haben Priester in einige der Zielländer als Seelsorger geschickt.

Es gibt Hirtenbriefe, die sich an die Landsleute im Exil richten. Doch ohne substanzielle Verbesserungen in Simbabwe selbst wird es kaum Rückkehrer geben, zumal viele Kinder der Exilanten sich mittlerweile als Bürger ihres Gastlandes fühlen. In Simbabwe, der vernachlässigten Schönheit unter Afrikas Nationen, werden diese Menschen trotzdem herbeigesehnt.

 

Zur Person

Geboren wurde Oskar Wermter 1942 in Ostpreußen, 1949 Flucht nach Köln. 1961 Eintritt in die Gesellschaft Jesu. 1963 erste Gelübde und Beginn des Philosophiestudiums am Berchmanskolleg. 1966 erster Aufenthalt in Rhodesien, aus dem später Simbabwe wurde. Sprachstudium English und Shona (die lokale Bantusprache). Ab 1968 Theologiestudium in St Georgen, Frankfurt und London. 1971 Priesterweihe. 1973 Pfarrer in der Bergwerkssiedlung Mhangura im Nordwesten Rhodesiens. Um diese Zeit beginnt der Guerilla-Krieg der afrikanischen Nationalisten gegen das Regime der Weißen. 25 katholische Missionare sind getötet worden. 1983 Pfarrer und Superior einer großen Mission (zwei Schulen, ein Krankenhaus) im Nordosten des Landes nahe Mozambique. Ab 1987 Medienreferent der simbabwischen Bischofskonferenz. 1988 mediale Begleitung des Besuchs von Papst Johannes Paul II. in Simbabwe. Kolumnen in unabhängigen Zeitungen.

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