Wiederaufbau startet

Nach der Vertreibung des IS beginnt in der irakischen Ninive-Ebene wieder christliches Leben – Erzbischof von Mossul fordert mehr Hilfe
Erzbischof von Mossul
Foto: dpa | Der Erzbischof von Mossul richtete von Hamburg aus einen Appell an die Weltgemeinschaft um Hilfe für die Christen im Irak.

Erbil/Hamburg (DT/KAP/KNA) Nach der Vertreibung des „Islamischen Staates“ (IS) aus der Ninive-Ebene werden dort erste Schritte in Richtung Wiederaufbau gesetzt. Zurzeit herrscht dort gespannte Ruhe. Kampfhandlungen zwischen den kurdischen Peshmerga und der irakischen Armee gibt es keine, „und alle hoffen hier auf eine politische Lösung“. Das hat der chaldäische Priester Salar Bodagh gegenüber der Hilfsorganisation „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) berichtet. Bodagh ist Pfarrer in der Kleinstadt Telskof und Hauptverantwortlicher für den Wiederaufbau der vom IS zerstörten christlichen Dörfer und Städte in der nördlichen Ninive-Ebene. Er koordiniert ein Team von 14 Ingenieuren, die den Wiederaufbau vorantreiben.

Nach der Vertreibung des IS aus der Ninive-Ebene – die Kurden und irakische Armee kämpften dabei noch Seite an Seite – waren viele ehemals geflohene Christen zurückgekehrt; fest entschlossen, ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Mit dem kurdischen Unabhängigkeitsreferendum vom 25. September wurde die Lage wieder unübersichtlich.

Über das Frühjahr und den Sommer habe es einen starken Rückzug der Menschen in ihre Dörfer gegeben, „denn die Identität unserer Leute ist mit dem Leben in den Dörfern verbunden“, so Bodagh in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Information Christlicher Orient“. In Telskof habe das alltägliche Leben wieder begonnen. Rund tausend Familien seien zurückgekehrt. Viele weitere hätten das noch vor dem Winter vor, so Bodagh. Neben der Instandsetzung der Häuser musste auch die Strom- und Wasserversorgung wieder errichtet werden. Im nahen Dorf Baqofa seien von ehemals 91 Familien bisher 41 zurückgekehrt. Solange die Schulen noch nicht fertig renoviert sind, bringe die Kirche die Kinder und Jugendlichen mit angekauften Busse in die nächste Stadt Alkosh, so Bodagh.

Anders die Situation in der nahen Kleinstadt Batnaya: Diese wurde fast völlig zerstört. Früher lebten dort mehr als tausend Familien. Erst eine einzige sei zurückgekehrt. Dann kam Ende September das Unabhängigkeitsreferendum. Die irakischen Kurden hatten praktisch geschlossen für die Abspaltung von Bagdad gestimmt. In Folge startete die irakische Zentralregierung eine Militäroffensive, bei der sie den Kurden fast alle Gebiete außerhalb der offiziellen Autonomieregion abnahm. Das betraf auch die nordirakische Ninive-Ebene, wo viele christliche Städte und Dörfer liegen. Kurdenpräsident Massud Barzani trat damals zurück.

Viele eben erst zurückgekehrte Christen flohen abermals aus den Dörfern und Städten. Bodagh hatte aber mit 75 Familien in Telskof ausgeharrt. Die Ninive-Ebene sei nun praktisch wieder geteilt, berichtete der Priester gestern gegenüber der ICO. In Telskof und Baqofa seien nach wie vor die Peshmerga-Kämpfer, im nahen Batnaya liege die irakische Armee. Dorthin zu gelangen sei derzeit kaum möglich. Trotzdem gebe es Anzeichen für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Kurden und irakischer Zentralregierung, zeigte sich der chaldäische Priester zuversichtlich.

Es sind einige christliche Hilfswerke vor Ort. Die ICO-Geschäftsführerin Romana Kugler hat angekündigt, dass das Hilfswerk trotz der schwierigen Situation vor Ort tätig bleiben wird. Derzeit ist die ICO unter anderem gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV), CSI-Österreich, Kirche in Not und der Kardinal König Stiftung im Einsatz. Es geht etwa um die Finanzierung von Brunnen.

Derweil hat der syrisch-katholische Erzbischof von Mossul, Boutros Moshe, erklärt, die Christen im Nordirak fühlten sich im Stich gelassen. „Wir erwarten, dass die Weltgemeinschaft politischen Druck auf unsere Regierung ausübt“, sagte er gestern bei einem Interview in Hamburg. Er wolle nicht länger schöne Worte hören, sondern endlich Taten sehen. Die Christen, die in den vergangenen Jahren besonders unter den Angriffen der Terrormiliz IS zu leiden hatten, müssten als gleichberechtigte Bürger des Irak anerkannt werden, forderte Moshe. Zwar sei die Terrororganisation nun besiegt, aber die extremistische Ideologie sei immer noch präsent. Die irakische Millionenstadt Mossul war drei Jahre lang in den Händen des IS. Nach der Befreiung der Stadt im Juli liegt auch das christliche Erbe, das die Region rund 2 000 Jahre lang geprägt hat, in Trümmern. Moshe, seit 2011 Erzbischof von Mossul, lebt wie viele andere Christen auch seit Jahren im Umland im Exil. Der 74-Jährige gehört zur syrisch-katholischen Kirche, einer von mehreren christlichen Konfessionen im Irak. „Wir möchten unsere Kultur und unsere Geschichte, auf die wir sehr stolz sind, bewahren“, so der Geistliche. Dazu brauche es allerdings Frieden und Sicherheit sowie eine starke, säkulare Regierung, die die Verfassung richtig umsetze. Aktuell habe er wenig Hoffnung, dass christliches Leben in die geschichtsträchtige Stadt Mossul zurückkehre, sagte Moshe. Viele Christen seien im Moment dabei, ihre Häuser dort zu verkaufen und die Stadt endgültig zu verlassen.

Der Irak zählt zu den ältesten Siedlungsgebieten des Christentums. Dessen Ursprünge im Zweistromland werden bis auf den heiligen Apostel Thomas zurückgeführt. Im irakischen Kernland, dem früheren Mesopotamien, stellten Christen vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit. Ihr Anteil nahm danach immer weiter ab. Unter dem Regime von Saddam Hussein genossen die Christen vergleichsweise große Freiheiten.

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