Berlin

Wie tief verwurzelt ist das esoterische Denken?

Impfgegnerschaft und Alternativmedizin: Die Antroposophie Rudolf Steiners definiert sich nicht als Religion, hat aber parallelgesellschaftliche Züge entwickelt. Wie weit diese reichen, zeigt sich im Zuge der Demonstrationen von Gegnern der Anti-Corona-Maßnahmen besonders deutlich.

Wie verbreitet ist Esoterik?
Portrait von Rudolf Steiner, dem Begründer der antroposophischen Weltanschauung, an der Wand des Ganges einer Waldorfschule. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

Bunte Röcke flatterten durch die Luft, als die Organisatoren von "Querdenken 711" zum Protest gegen die Corona-Maßnahmen aufriefen. Dass die Demonstration vom 29. August merkwürdig "grün" geriet, erstaunte etablierte wie alternative Medien, die eine Querfront von Esoterikern und Verschwörungstheoretikern mit anderen Corona-Demonstranten ausmachten. Zuvor war es schon in Baden-Württemberg zu Allianzen zwischen Gegnern der Corona-Maßnahmen und esoterischen Waldorfschulen gekommen. Pendel, Tarot und Wahrsagerei sind dabei keine Erscheinungen eines überkommenen Aberglaubens. Im Gegenteil: Die Esoterik hat sich in den letzten Jahrzehnten professionell organisiert. Ihre wichtigste Strömung ist die Anthroposophie, die in Deutschland ein weitreichendes Netzwerk aus Firmen, Stiftungen und öffentlichen Einrichtungen unterhält.

Begründer ist der Esoteriker Rudolf Steiner

Der Begründer der Anthroposophie ist der österreichische Esoteriker Rudolf Steiner (1861-1925). Steiner galt als Hellseher, der "höhere Welten" erblicken konnte. Der damalige Zeitgeist, der von der asiatischen Reinkarnationslehre, okkultem Geheimwissen und Goetheverehrung ebenso geprägt war wie der Rassentheorie, schlug sich deutlich in seinen Lehren nieder. Aber gerade wegen seiner auf "Ganzheit" angelegten "Weltanschauung" bleibt Steiner, dessen schriftlicher Nachlass 340 Buchbände umfasst, schwer einzuordnen. 4.500 Vorträge sind stenografisch erhalten: Steiner war zu Lebzeiten ein Phänomen, dem auch Prominente wie Christian Morgenstern und Michael Ende erlagen. Von seinen Anhängern wird Steiner häufig als "der Doktor" tituliert. Anthroposophen zitieren seine Aussagen salbungsvoll wie Bibel- oder Koranverse.

Die Anthroposophie definiert sich nicht als Religion, hat aber parallelgesellschaftliche Züge entwickelt. Während der hiesige Empörungsstrom gegen Halal-Essen in Schulkantinen gerichtet ist, stört sich niemand am anthroposophischen Kreuzzug gegen das Impfen. Mit den Waldorfschulen verfügen Anthroposophen über eigene Bildungseinrichtungen, anthroposophische Krankenhäuser stehen für Alternativmedizin zur Verfügung, und Firmen wie Weleda und Alnatura versorgen den anthroposophischen Haushalt mit passenden Kosmetikprodukten und Lebensmitteln. Der Anbauverband Demeter exerziert eine "biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise", die direkt auf Steiners Lehren zurückgeht - und im Vertrauen auf kosmische Kräfte Kuhhörner mit Rindermist befüllt, um diese bei Vollmond in die Erde einzugraben. Bei der Variante mit gemahlenem Quarz erfolgt das Ritual bei Neumond. Dass bei Porsche ein Anthroposoph im Aufsichtsrat sitzt, und der dm-Werbespruch "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein" ein gut gewählter Code der goetheaffinen Steiner-Anhänger ist, bleibt weithin unbekannt. Mit der GLS Gemeinschaftsbank verfügen die Esoteriker über eine eigene Kreditanstalt.

Vernetzt in Bildung, Medizin und Wirtschaft

Wie der Brückenschlag zwischen Corona-Demonstranten und der Anthroposophen-Szene funktioniert, zeigt Christoph Hueck. Der Mitbegründer der AKANTHOS-Akademie für anthroposophische Forschung und Entwicklung hielt mehrfach Vorträge auf den Demonstrationen von Querdenken 711. "Wir haben die Gehirnwäsche und das diktatorische Regierungshandeln satt", sagt er auf einer Veranstaltung im Mai. Dabei betrifft die Diktatur wohl nicht allein die Corona-Maßnahmen als solche. Krankheiten, so gibt der Impfgegner zu verstehen, seien wichtig für die Entwicklung. 

Das entspricht der anthroposophischen Ansicht, die in Krankheiten Entwicklungspotenziale vermutet: Mensch und Geist wüchsen an der Herausforderung. Im Zuge der Corona-Pandemie stellte die Webseite eine Empfehlung des anthroposophischen Mediziners Friedwart Husemann hoch, der zur Vorbeugung Produkte mit Phosphor - darunter die Marke Weleda - empfahl. Zugleich hob er die "spirituelle" Ebene einer Krankheit hervor, denn der Leib bestünde auch aus "Hoffnungsmächten". "Steiner hat sich an vielen Stellen seiner Vorträge zu den Ursachen von Infektionskrankheiten geäußert", schreibt Husemann, "aus der Sicht der Widersachermächte, karmisch, soziologisch, kollektive Ängste, Standeshass, diätetische Maßnahmen, innere Haltung des Erkrankten usw." 

Misteltherapie zur Krebsheilung in Arztpraxen beworben

Für den Außenstehenden ist es da nicht weit zur Trommelmedizin des Querdenken-Pressesprechers Stephan Bergmann, dem "Entdecker des Motherdrum-Healings und Schöpfer des "Heal-The-Earth-Dances" mit dem "körperliche und geistliche Heilung" erreicht werden könne. Mit dem Unterschied, dass die anthroposophische Misteltherapie zur Krebsheilung heute in Arztpraxen beworben wird. Die Mediziner an der anthroposophischen Universität Witten-Herdecke sind staatlich approbiert. Steiner beharrte darauf, dass anthroposophische Ärzte Medizin studieren müssten, nicht zuletzt in der Hoffnung darauf, dass die Anthroposophie irgendwann als Wissenschaft anerkannt werden würde. Dank Lobbyarbeit sind zumindest anthroposophische Medikamente - wie ihre homöopathischen Geschwister - von einer Nachweispflicht außerhalb der eigenen Entwicklung befreit.

Die "freie Impfentscheidung" liegt in den Milieus, die hinter Corona einen Hoax erblicken, mehr denn je im Trend. Die Anthroposophie grätscht in diese Lücke. Doch schon längst zeigt sich gerade an Steiners pädagogischem Erbe der Bumerang anthroposophischer Phobie vor der Schulmedizin. So waren 2013 gleich zwei Waldorfschulen von einem Masernausbruch betroffen. An der Schule im rheinischen Erftstadt waren laut Kölner Stadtanzeiger nur 25 Prozent der Schüler geimpft. 29 Schüler und ein Erwachsener erkrankten. Die Masern sind dabei alles andere als eine "Kinderkrankheit" - sie können Ursache einer Gehirnentzündung sein, die tödlich endet. In Drittweltländern wie der Demokratischen Republik Kongo, wo Masernepidemien bis heute keine Seltenheit sind, starben im letzten Jahr über 5.000 Menschen an der Infektionskrankheit. Im Jahr 2018 starben nach Informationen der WHO rund 140.000 Menschen weltweit an den Masern.

Bastion der Anthrosophie mit niedrigster Impfquote

Dass Baden-Württemberg als Bastion der Anthroposophie zugleich das Bundesland mit der niedrigsten Impfquote ist, ist wohl kein Zufall. Die Region ist aber nicht nur bekannt dafür, dass dort die erste Waldorfschule eröffnete, sondern sie ist zugleich die Heimat der "Querdenker" - und Stammsitz der Grünen. Als Erben der Lebensreformbewegung hatten diese nicht nur ein Faible für alternative Medizin, Öko-Landbau und Reformpädagogik, sondern in ihrer Gründerzeit auch einflussreiche Anthroposophen in den eigenen Reihen. Dass ausgerechnet eine Heilpraktikerin aus der Eifel, die man eher dem grünalternativem Spektrum zuordnen würde, auf ihrer Webpräsenz Rudolf Steiner zitiert und auf der anderen Seite zum "Sturm" auf den Reichstag aufrief, verwundert deswegen nur auf den ersten Blick. Das anthroposophische Milieu gilt als außerordentlich affin, wenn es um Verschwörungstheorien geht. So sah Steiner bereits den Ersten Weltkrieg von deutschlandfeindlichen Mächten orchestriert.

Dass man um diese Verbindungen weiß, machten die Reaktionen auf die Corona-Demo vom 29. August deutlich. Die Sprecherin der Grünen Jugend in Niedersachsen, Svenja Appuhn, twitterte tags darauf: "Ich hoffe, dass die Grünen spätestens nach den Vorgängen gestern verstehen, dass eine klare Abgrenzung zu esoterischem Gehabe dringend notwendig ist. Das bedeutet dann auch eine klare Haltung gegenüber sog. Impfkritiker*innen." Mit 650 Retweets und fast 7.000 Likes traf die Botschaft innerhalb wie außerhalb des grünen Milieus einen Nerv. Gerade auf Orts- und Kreisebene, so Appuhn weiter, herrsche keine Einigkeit über Themen wie Homöopathie, Impflicht und dem Verhältnis zu Waldorfschulen. Noch im September 2018 warben die Grünen für ein Treffen mit Robert F. Kennedy, der die Eröffnungsrede auf einer Veranstaltung der Grünen im EU-Parlament zum Thema Glyphosat hielt. Der Neffe des US-Präsidenten trat auch bei der Berliner Demo als Aushängeschild der Impfgegnerbewegung auf und bekräftigte Verschwörungstheorien über die gefährliche Wirkung des Mobilfunkstandards 5G.

Wie aus einem Alchemitenbuch aus dem 16. Jahrhundert

Auch für den Ministerpräsidenten im "Ländle", Winfried Kretschmann, war es selbstverständlich, zum 100. Jubiläum des schwäbischen Erfolgsprojektes Waldorfschule seine Aufwartung zu machen. Dabei ist Steiners esoterisches Erbe auch noch dort wach, wo der Laie Klatschen, Tanzen und notenbefreites Lernen vermutet. Anthroposophischen Frontalunterricht gibt es zwar nicht. In der Lehrerausbildung nimmt Steiner dennoch eine zentrale Stellung ein. Im Geschichtsbild der Anthroposophen tauchen "lemurische" und "atlantische" Wurzelrassen auf   sowie "geistige Mondwesen", die Steiner als "Urlehrer der Menschheit" bezeichnet. Dazu kommt ein Menschenbild, das unterschiedliche, zum Teil "feinstoffliche" Körperhüllen kennt, neben den physischen Leib den Ätherleib und den Astralleib. Steiner hat dabei genaue Vorstellungen, wie ein Pädagoge mit Kindern in diesen Phasen umzugehen hat. Teile der Waldorfpädagogik könnten auch einem Alchemistenbuch des 16. Jahrhunderts entstammen.

Anthroposophie in Deutschland gehört demnach zur Normalität: nicht nur in New-Age-Bioprodukten, Naturmedizin und neuhermetischer Pädagogik. Mit Otto Schily hat die Bundesrepublik einen Innenminister hervorgebracht, der einem anthroposophischen Haushalt entstammt und Steiner als "Ausnahmepersönlichkeit mit ungeheurem Wissen und Fähigkeiten" bewertete. Sein Bruder Konrad war als Gründer und Präsident der Hochschule Witten-Herdecke und arbeitete als Mediziner am nach anthroposophischen Grundsätzen geführten Krankenhaus Heredecke. Zwar äußerte Schily, dass er "kein Anthroposoph" sei. An die geistigen Wesen "Ahriman" und Luzifer", die er in der Tagespolitik wiedererkennen könne, glaubte Schily trotzdem.

 

 

https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/feuilleton/berlin-eine-bunte-mischung-gegen-die-regierung;art310,

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