Abuja

Wie Nigeria "talibanisiert" wird

Die Verfolgung aus religiösen Gründen, vor allem von Christen, nimmt in Nigeria von Tag zu Tag zu. Eine Analyse und ein Appell.

Neun Tote bei Anschlag von Boko Haram in Nigeria
Menschen versammeln sich um die Überreste eine Selbstmordanschlages, der auf das Konto von Boko Haram geht. Dieser Anschlag im April 2018 in Maiduguri,der größten Stadt im Nordosten Nigerias, ist nur von sehr vielen Beispielen für den Terror der islamistischen Miliz. Foto: Jossy Ola (AP)

An Erklärungen mangelt es nicht, dass die unveräußerlichen Grundrechte auf Gewissens- und Religionsfreiheit in Afrikas bevölkerungsreichstem Land Nigeria bedenklich ausgehöhlt und bedroht sind. Die Verfolgung aus religiösen Gründen – insbesondere von Christen – nimmt Tag für Tag zu, und die Statistiken deuten auf schockierende und äußerst schwerwiegende Enthüllungen hin. Denen zufolge wurden innerhalb von zehn Jahren mehr als 100.000 Menschen aus religiösen Motiven getötet – das ist derzeit die höchste Zahl in allen Ländern weltweit. Nigeria befindet sich mit keinem anderen Land im Krieg und hatte auch nie Krieg gegen ein anderes Land geführt. Dennoch beschreiten im Norden des Landes die terroristische Organisation Boko Haram, die Fulani-Hirten, die jetzt als „Banditen“ bezeichnet werden, sowie einige muslimische religiöse Fanatiker die Wege der Politiker, die im Jahr 2000 versucht hatten, die Demokratie in Nigeria zu untergraben, indem sie in zwölf Bundesstaaten des Landes das Scharia-Gesetz energisch und grundgesetzwidrig durchdrückten.

Der Präsident - ein bekennender islamischer Fundamentalist

Diese Maßnahme befeuert religiöse Intoleranz, Hass, Ignoranz, religiösen Fanatismus, islamischen Expansionsdrang sowie Bestrebungen zur Landnahme, um traditionelle einheimische und christliche Eigentümer aggressiv zu vertreiben – von der Politik medial gelenkt, um damit die Religion für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Präsident Mohammed Buhari ist bekennender islamischer Fundamentalist, der seine Präsidentschaft dazu nutzt, um die muslimische politische Hegemonie des Nordens durch politische Ernennungen in allen Militär-und Sicherheitseinrichtungen, im öffentlichen Dienst, in den politischen Positionen, in der Wirtschaft und sogar in den internationalen Positionen im übrigen Land zu institutionalisieren.

Es besteht die offensichtliche und zwingende Annahme, dass zum jetzigen Zeitpunkt in Nigeria die allmähliche, aber doch zügige „Talibanisierung“ und Islamisierung vor sich geht. Das Land ist mit einer wachsenden Bevölkerung von weit über 210 Millionen Menschen das bevölkerungsreichste Land des afrikanischen Kontinents. Nigeria ist weitgehend multikulturell, multiethnisch und multireligiös mit einer Sprachenvielfalt, die mehr als 400 Sprachen umfasst, auf einem Territorium voller Gegensätze und Möglichkeiten. Das Land wird von Menschen indigener afrikanischer Bantu-Abstammung bewohnt, doch es gab über Jahrzehnte Zuwanderungen von Afrikanern mit anderen Hintergründen, darunter Fulani-Nomaden, Migranten aus dem innerafrikanischen Handelsverkehr sowie Menschen mit arabischem und kaukasischem Hintergrund, die sich in dem Land niederließen. Die meiste Zeit über hatten die Menschen das Land friedlich bewohnt. Es gibt geschätzte 80 Millionen Muslime und 80 Millionen Christen, die übrigen Bewohner sind Anhänger der traditionellen afrikanischen Religionen. Katholiken stellen die Mehrheit der christlichen Bevölkerung dar.

Verwaltung von den Briten dezentralisiert

Da in Nigeria die höchste Anzahl von Muslimen sowie die höchste Anzahl von Christen in ein und demselben Land Afrikas leben, dezentralisierten die britischen Kolonialherren während der Kolonialzeit die Verwaltung des Landes, so dass jeder dieser Bevölkerungsteile mit seinen eigenen Traditionen und Systemen leben konnte. Unter dem Militärregime bildete sich seit 1966 zusehends eine zentralisierte Regierungsform heraus, und die muslimische Elite nutzte dieses System als Tarnung, um über die übrige Bevölkerung mit der religiösen und kulturellen Einseitigkeit ihrer eigenen Weltanschauung zu herrschen. Unter der Zivilverwaltung fehlte dem Land eine gute Führung, und 1967 brach ein Bürgerkrieg zwischen den hauptsächlich von Christen bewohnten südöstlichen Landesteilen (damals Biafra genannt) und den restlichen muslimischen Teilen Nordnigerias aus. Mehr als zwei Millionen Menschen – überwiegend Kinder – starben. Es gibt reiche Bodenschätze, und dynamische, hart arbeitende Menschen sind daran beteiligt, das Land und Afrika groß zu machen, doch der islamische Fanatismus bringt das Land weiterhin an den Rand der Katastrophe.

1985 schleuste der Militärdiktator Ibrahim Babangida Nigeria heimlich gegen den Willen der Mehrheit Nigeria in die Organisation der Islamischen Konferenz ein, was die Frontenbildung, verstärkte. 1999 erließen zwölf der 36 Staaten, die die Bundesrepublik Nigeria ausmachen, entgegen den Buchstaben und dem Geist der Bundesverfassung der Republik gleichzeitig Gesetze, um die islamische Scharia gegen die säkulare Verfassung auszutauschen, auf der Nigeria von Anfang an gegründet worden war.

In einigen Fällen gibt es eine stillschweigende Unterstützung durch Regierungsbeamte der höchsten Führungsebenen – wie es unter dem derzeitigen Präsidenten Muhammadu Buhari (2015 bis heute) bewiesen ist –, Straftäter wie die Fulani-Hirten zu dulden, die den einheimischen Bürgern durch Binnenvertreibung und Landnahme den Flüchtlingsstatus aufzwingen. Die steigende Zahl von Fällen internationaler Migration stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit diesen Formen der Unsicherheit. Städte in dem einst friedlichen „Middle Belt“ des Landes mit einem großen Bevölkerungsanteil von Christen und traditionellen nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen stehen unter einem enormen Druck, ihre Häuser zu verlassen.

Nordöstlicher Teil von Terroristen überfallen

Der gesamte nordöstliche Teil von Nigeria erlebt gerade Überfälle von einer Gruppe von Terroristen, die sich selbst „Sunnah Lid-Da'wah wa?-Jihad“ (Menschen der Sunnah für das Predigen des Dschihad) nennen und allgemein unter dem Namen Boko Haram bekannt sind. Boko Haram bedeutet, „westliche“ oder „nicht-islamische“ Bildung ist Sünde. Das Programm der Gruppe ist es, in Nigeria das islamische Gesetz als einziges einzuführen. Sie folgt dem sunnitischen Islam. Der sich dahinter verbergende Terrorismus hat die bestehenden Spannungen noch um ansteigende Todesfälle unschuldiger Bürger, um Zerstörungen von Eigentum sowie der allgemeinen Unsicherheit erhöht. Am überraschendsten bei all dem ist, dass in den vergangenen 30 Jahren in keinem einzigen Fall irgendjemand dafür verantwortlich oder haftbar gemacht wurde – was ein deutliches Anzeichen für die Mittäterschaft der derzeit von muslimischen Eliten, Militär- und Geheimdienstangehörigen kontrollierten Regierung von Nigeria ist.

Die internationale Gemeinschaft, insbesondere in Europa, in den USA und den Vereinten Nationen kann über die fortwährenden Widersprüche zu den Grundsätzen der Religionsfreiheit, der Gewissensfreiheit sowie den Abkommen, mit denen die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedstaaten Menschenrechts- und demokratische Normen für die Weltgemeinschaft festgelegt haben, nicht hinwegsehen.

Richtet den Blick auf Nigeria

Daher ergeht ein dringender und unerlässlicher Appell an die internationale Gemeinschaft, ihren Blick auf Nigeria zu richten – wo gegenwärtig ethnische Intoleranz, Terrorismus und staatlich unterstützter religiöser Fundamentalismus zunehmen –, bevor es zu spät ist. Die Migrations- und Sicherheitsprobleme sowie deren Gefährlichkeit für den gesamten Globus wären neben der Bewältigung einer humanitären Krise im Falle einer kompletten Konfrontation einfach zu viel. Die Katholische Bischofskonferenz von Nigeria und die Christliche Vereinigung Nigerias, gemäßigte Muslime, der Vatikan und einige aufgeklärte Stimmen rufen weiterhin zu gegenseitiger Verständigung, zu Frieden, Stabilität und Fortschritt in der größten Volkswirtschaft und dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas auf.

Leider glauben Christen und viele andere in Nigeria, dass der Westen, Handelsunternehmen, die internationale Gemeinschaft und ihre Diplomatie sich fernhalten und zuschauen, ohne sich dafür einzusetzen, Druck auf staatliche und pädagogische Eingriffe auszuüben, trotz allseitiger Versuche bei der Armutsbekämpfung und Anstrengungen zur nachhaltigen Entwicklung. Wenn dies ungehindert so weitergeht, können katastrophale Konsequenzen die Folge sein, da das Durchhaltevermögen der Zivilbevölkerung, die sich nicht ohne ausreichenden Selbstschutz ihres Lebens, ihres Glaubens und ihrer Existenzgrundlagen bereithalten möchte, langsam zur Neige geht.

Der Autor war von 1998 bis 2009 Generalvikar des nigerianischen Bistums Enuglu. Er ist jetzt Direktor der Stiftung Globalethics.net.

Aus dem Englischen von Katrin Krips-Schmidt

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