Würzburg

Coronahelden müssen gerecht entlohnt werden

Leistung und Verdienst gehen oft nicht Hand in Hand. Nirgendwo wird dies so deutlich wie in den Branchen, die im Verlauf der Pandemie als "systemrelevant" identifiziert wurden. Ein Perspektivwechsel ist gefragt - dabei könnte auch Johannes Paul II. helfen.
Coronavirus - Abschluss-Applaus
Foto: Ricardo Rubio (EUROPA PRESS) | Coronahelden verdienen eine bessere Entlohnung. Applaus allein reicht nicht aus.

Applaus: Ende November meldete der Paketzusteller DHL einen neuen Rekord: 1,6 Milliarden Pakete habe das Unternehmen im laufenden Jahr bereits zugestellt. 20 Millionen mehr als im gesamten Jahr 2019. Bis Weihnachten erwartet der Paketzusteller "neue tägliche Höchstmengen". Bis Jahresende könnten auf diese Weise weitere 200 Millionen Pakete hinzukommen, rechnet das Unternehmen vor.

Der Grund: Der Online-Handel boomt. Und das bereits seit einigen Jahren. Bedingt durch die Corona-Pandemie in diesem Jahr aber besonders. Laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden schnellten die Umsätze im Online-Handel zwischen Januar und September gegenüber dem Vorjahreszeitraum preisbereinigt um satte 21,2 Prozent in die Höhe. Davon profitieren neben DHL auch andere Post-, Kurier- und Expressdienste wie DPD, Hermes, TNT, UPS und viele andere mehr. Auch die Preise der Zusteller klettern seit Jahren fleißig in die Höhe. Laut der Wiesbadener Behörde seit 2015 um mehr als elf Prozent. Nur: Die Beschäftigten profitieren von all dem kaum.

Auf den Wohnort kommt es an

Vollzeitbeschäftigte Fachkräfte, die immerhin 63 Prozent der in der Branche Beschäftigten ausmachen, verdienten 2019 durchschnittlich rund 2.900 Euro brutto im Monat. Und damit rund 1.000 Euro weniger als der Durchschnitt aller Beschäftigten in Deutschland. Ergibt bei Steuerklasse 1 einen Nettoverdienst von rund 1.800 Euro. Bei Angelernten und Ungelernten sieht es noch düsterer aus. Angelernte Vollzeitbeschäftigte (19 Prozent) gingen in der Branche 2019 im Schnitt mit einem Bruttomonatslohn von rund 2.400 Euro, Ungelernte (11 Prozent) mit rund 2.000 Euro nach Hause. Dabei arbeiten zwei von drei Branchenbeschäftigten 2019 auch am Wochenende und an Feiertagen. Selbst Nachtarbeit ist keine Seltenheit und betraf im vergangenen Jahr immerhin 15 Prozent der Beschäftigten.

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Keine Frage: Mit 1.800 Euro netto kann man beinah fürstlich leben. Vorausgesetzt man schlägt seine Zelte in Borgentreich auf. Die zwischen Göttingen und Paderborn gelegenen kleine Gemeinde nennt im deutschlandweiten Vergleich mit 3,93 Euro/m2 die niedrigste Kaltmiete ihr eigen. Auch die Städte Elsterberg in Sachsen und Treffurt in Thüringen verstehen es, mit durchschnittlichen Kaltmieten von vier beziehungsweise 4,17 Euro/m2 zu punkten.

Erheblich senken muss ein vollzeitbeschäftigter Paketzusteller seine Ansprüche, sollte er sich als mitpflegender Angehöriger oder aus irgendeinem anderen Grund gezwungen sehen, in einer deutschen Metropole zu wohnen. In diesem Fall nämlich muss er mit durchschnittlichen Kaltmieten von 10,49 Euro/m2 in Berlin, oder 11,13 Euro/m2 in Köln sowie 11,59 Euro/m2 in Hamburg rechnen. Nicht, dass das nicht auch zu stemmen wäre. Selbst in München, wo die durchschnittliche Kaltmiete 17,51 Euro/m2 beträgt, könnte der 38,5 Stunden arbeitende Paketzusteller für die Hälfte seines Nettogehaltes ganze 50 Quadratmeter bewohnen. Verblieben noch ganze 900 Euro für sämtliche Mietnebenkosten, Essen, Kleidung et cetera. So lässt sich zweifellos existieren. Seit dem 1. Juli 2019 beträgt das pfändungsfreie Existenzminimum für eine alleinstehende Person 1178,58 Euro. Davon trennen eine Vollzeit arbeitende Fachkraft in der Branche der Post-, Kurier- und Expressdienste ganze 621,42 Euro. Kein Grund also, um nach Feierabend noch Pfandflaschen zu sammeln. Nur auf die wahnwitzige Idee, eine Familie ernähren zu wollen, sollte die Vollzeit arbeitende Fachkraft nicht kommen.

Diese Menschen leisten Akkordarbeit

Natürlich geht es auch schlimmer. Ordentlich ausgebildete Vollzeitbeschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel (Kaufleute im Einzelhandel) toppen mit einem durchschnittlichen Bruttomonatslohn von 2.186 Euro auf dem Weg in den Gehaltskeller auch die Paketzusteller. Laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden verdienen sie fast 41 Prozent weniger als der Durchschnittsbeschäftigte in der Gesamtwirtschaft. Mit einem Nettogehalt von rund 1.500 Euro (bei Steuerklasse I) verblieben der Kassiererin einer Supermarktkette in München im vergangenen Jahr nur noch 600 Euro, um in dem oben genannten Rechenbeispiel sämtliche Mietneben- und sonstige Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Dabei leisten diese Menschen Akkordarbeit. Pro Tag spricht eine Kassiererin mit bis zu 1.000 Kunden und zieht dabei pro Minute rund 40 Artikel über den Scanner, wobei die Kasse die Scan-Rate jedes Angestellten automatisch erfasst und seine Arbeitsleistung so messbar und vergleichbar macht.

Natürlich lässt sich argumentieren, 50 Quadratmeter Wohnraum seien purer Luxus. Und in der Tat: Laut Tierschutzgesetz muss der Zwinger für einen Hund mit einer Widerristhöhe von mehr als 65 cm auch nur 10 m2 betragen. Selbst eine Kassiererin, die vom Scheitel bis zur Sohle 1,95 Meter mäße, wäre demnach mit 30 m2 gut bedient. Man könnte allerdings auch die Ansicht vertreten, Menschen seien kategorial etwas völlig anderes als sprechende Hunde. Und vielleicht, nur vielleicht, sei der Mensch ja auch gar nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen.

Einer, der das nicht bloß eventuell für möglich gehalten, sondern exakt so gesehen hat, war der heilige Papst Johannes Paul II. In seiner Enzyklika "Laborem excercens" hielt er fest: "(...) Zweck der Arbeit, jeder vom Menschen verrichteten Arbeit - gelte sie auch in der allgemeinen Wertschätzung als die niedrigste Dienstleistung, als völlig monotone, ja als geächtete Arbeit - , bleibt letztlich immer der Mensch selbst." Der arbeitende Mensch dürfe daher, so Johannes Paul II., "nicht wie ein Instrument behandelt" und "dem Gesamt der materiellen Produktionsmittel gleichgeschaltet" werden. Vielmehr sei der Mensch als "Subjekt und Urheber" der Arbeit das "wahre Ziel des ganzen Produktionsprozesses".

Mensch als Ziel des Produktionsprozesses

Nirgendwo ist die Gesellschaft davon so weit weg, wie ausgerechnet im Gesundheitswesen. Laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden verdienten Vollzeit angestellte Pflegefachkräfte in Krankenhäusern, das sind rund die Hälfte der dort Beschäftigten, im vergangenen Jahr durchschnittlich rund 3.500 Euro brutto im Monat. Wer es mit einer nochmals drei Jahre dauernden Zusatzausbildung bis auf die Intensivstation gebracht hat, ging 2019 anschließend mit rund 1.000 Euro brutto mehr nach Hause.

Davon können Altenpflegerinnen nur träumen. Ordentlich ausgebildete Fachkräfte verdienten im vergangenen Jahr durchschnittlich rund 3.100 Euro brutto im Monat. Geld, das sich die im Pflegewesen Beschäftigte oft derart hart erarbeiten müssen, dass sie signifikant häufiger und länger erkranken und sich öfter frühverrenten lassen, als Beschäftigte in allen anderen Branchen.

Anfang Dezember stellten Wissenschaftler des Forschungszentrums Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM) der Universität Bremen im Rahmen einer digitalen Pressekonferenz den "Barmer Pflegereport 2020" vor. Ganze 84 der insgesamt 243 Seiten widmeten die Forscher um Professor Heinz Rothgang darin den "Belastungen der Pflegekräfte".

Hoher Krankenstand in Pflegeberufen

Dabei ermittelten die Forscher einen Krankenstand für Altenpflegefachkräfte von 7,2 Prozent. Bei den Altenpflegehilfskräften lag dieser sogar bei 8,7 Prozent. Bei Krankenpflegekräften sieht es nur wenig besser aus. Hier errechneten die Forscher Krankenstände bei Fachkräften von 6,5 Prozent und bei Hilfskräften von 7,9 Prozent. Zum Vergleich: In sonstigen Berufen liegt der Krankenstand bei rund 5,0 Prozent. Auch kehren deutlich mehr in der Kranken- und Altenpflege Beschäftigte dem Beruf ganz den Rücken, als in anderen Branchen. Laut der Studie gehen von 1.000 Altenpflegefachkräften durchschnittlich 3,9 innerhalb eines Jahres in die Erwerbsminderungsrente. Bei den Altenpflegehilfskräften sind es sogar sechs. Bei den Krankenpflegefachkräften sind es 3,9 und bei den Krankenpflegehilfskräften 4,2 von 1.000, die so verfahren. In den sonstigen Berufen tun dies lediglich drei von 1.000 Beschäftigten.

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Die Bremer Forscher sprechen denn auch von einem "Teufelskreis". Aufgrund "unzureichender Personalausstattung" komme es zu einer "erhöhten Beanspruchung" und "Überlastung" der Pflegekräfte. Vermehrte Fehlzeiten und Berufsaustritte führten für die verbleibenden Pflegekräfte zu einer erneuten Erhöhung der Arbeitsbelastung. Ihr Fazit: "Diesen Teufelskreis gilt es aufzubrechen, wenn die Pflege dauerhaft qualitatsgesichert geleistet werden soll."

"Das Pflegepersonal ist krankgespart geworden und das wird im aktuellen Pflegereport noch einmal besonders deutlich", sagt Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK). Durch die überdurchschnittlich starken körperlichen und psychischen Belastungen seien 2017 rund 26000 Stellen in den Pflegeberufen quasi unbesetzt geblieben, da die Mitarbeitenden erkrankt oder vorzeitig in Rente gegangen seien. "Wenn wir es schaffen würden, die Ausfallzeiten auf den Durchschnitt aller Berufe zu senken, würde das - zusammen mit einem Stellenaufbau - zum Abbau der Belastungen beitragen", meint Bienstein.

Mag sein. Nur ist es damit nicht getan. Im Grunde brauchen wir weit mehr. Einen völligen Perspektivwechsel. Einen, bei dem der Mensch nicht von der zu verrichtenden Arbeit her gedacht wird, sondern jede Arbeit von dem sie verrichtenden Menschen her. Dann etwa wäre auch klar, dass ein ordentlich ausgebildeter, Vollzeit arbeitender Mensch von seiner Hände Arbeit nicht bloß sich selbst, sondern auch eine Familie ernähren können muss. Und das nicht nur in Borgentreich, sondern auch in München.

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