„Von Weltverschwörung habe ich nichts mitbekommen“

Der Ex-Freimaurer Burkhardt Gorissen über seine Jahre in der Loge und warum Maurertum und christlicher Glaube nicht vereinbar sind

Dan Browns neuer Roman „Das verlorene Symbol“ stellt die Freimaurer als Lichtträger der Humanität und Toleranz dar. Sie waren bis letztes Jahr Mitglied. Jetzt mal unter Logenbrüdern: Ist Brown selber einer?

Keine Ahnung. Aber eine bessere PR hätte sich die Loge nicht wünschen können. Immerhin ist das Buch auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste.

Sie haben jetzt ein Buch über Ihre Zeit in der Loge geschrieben. Der Anti-Brown?

Ein bisschen vielleicht. Mit der Realität hat Browns neuer Roman so wenig zu tun wie schon die Vorgänger „Illuminati“ und „Sakrileg“: Man quetsche altbekanntes Verschwörungspalaver aus und mixe es mit Fantasy-Quark. Ungenießbar, verkauft sich aber blendend. Die Freimaurerei, wie ich sie kennengelernt habe, ist nicht der Ort großer geistiger Auseinandersetzungen oder ergreifender Mysterien. Von Weltverschwörung habe ich auch nichts mitbekommen.

Brown behauptet aber einen großen Einfluss der Freimaurer auf die amerikanische und die Weltpolitik. Immerhin war George Washington selber einer. Auch von Truman, Gerald Ford und Ronald Reagan sagt man das.

Historisch gesehen war der Einfluss der Maurerei gewaltig. Ein Unternehmen wie die Französische Revolution, auch die Amerikanische, ist ideell in den Tempeln der Loge vorbereitet und begleitet worden. Doch die Ideen der Aufklärung, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sind mittlerweile Gemeingut. Vor allem: Es gibt die Throne nicht mehr, die sie umstürzen half.

Kein bisschen Weltverschwörung also? In Italien war die Loge P2 unter ihrem Meister Licio Gelli in den Siebzigern bekanntermaßen ein Staat im Staate. Auch die CIA soll ihre Finger im Spiel gehabt haben?

Der P2 wurde rasch die freimaurerische Legitimation entzogen, weil die Freimaurerei offiziell nichts mit Gellis Machenschaften zu tun haben wollte. Aber es stimmt schon: In den romanischen Ländern gibt es eine andere maurerische Tradition. Sie ist auf ihre Art aggressiver, auch antiklerikaler als etwa im angelsächsischen Raum. 1917 zogen italienische Freimaurer auf den Petersplatz und sangen unter dem Fenster des Papstes die Satanshymne des Literaturnobelpreisträgers und Logenbruders Carducci. Übrigens, die französischen Maurer haben sich von der Londoner Mutterloge abgekoppelt, weil sie statt der Bibel im Ritual ein Buch mit weißen Blättern auflegen, was sie, um es in der Freimaurersprache zu sagen, zu „stupiden Atheisten“ machte. Und wenn wir schon in Frankreich sind: Dort saßen immer hochrangige Freimaurer in der Regierung. Engste Berater von Sarkozy sind es auch heute. Alain Bauer beispielsweise.

Bei uns soll ja die halbe FDP dazugehören...

Sie spielen wahrscheinlich auf Genscher und Scheel an. Davon ist mir nichts bekannt. Auch sonst muss ich Sie enttäuschen: Die Mitgliederlisten der Logen lesen sich wie das Branchenbuch des deutschen Mittelstandes. Es sind in der Regel gesetzte ältere Herren, die sich zu Runden treffen, die ungefähr so mystisch sind wie Schäferstündchen im Kuschelzoo. Tatsächlich gibt es in Berlin die Loge „Stresemann“. Da sind vielleicht ein paar Prominente dabei. Im Grunde ist der einzige einigermaßen bekannte Freimaurer in Deutschland ein Österreicher: der Ex-Chef von RTL, Helmut Thoma.

Warum sind Sie eigentlich aus der Loge ausgetreten?

Weil ich merkte, dass ich in der Idealistenfalle saß. Die Freimaurerei ist ein Weg ohne Ziel. Ich war auf spiritueller Suche und glaubte, Humanität und Toleranz zu erfahren. Tatsächlich habe ich Honoratiorenzauseleien und gekränkte Eitelkeiten vorgefunden. Die Bedeutung von internen Blechorden ist ebenso groß wie der Neid auf ihre Träger. Man feiert die Aufklärung mit viel Pathos. Im Grunde aber sind es ganz durchschnittliche Zeitgeistpositionen a la: Jeder hat seine Wahrheit, und die Religionen sind eh alle gleich. Im 32. Grad, der höchsten Stufe der Freimaurerei, findet eine rituelle Gegenüberstellung von Jesus, Zarathustra, Buddha, Konfuzius, Platon und Mohammed statt. Und Ihnen wird gesagt, dass diese Philosophen oder Religionsgründer alle gleichberechtigt seien. Als Christ können sie aber nicht sagen, dass Jesus Christus auf derselben Stufe wie Zarathustra steht. Ich musste also Jesus verleugnen. Wenn auch nicht ausdrücklich, so doch implizit, indem ich im Namen des Großen Baumeisters aller Welten aufgenommen wurde. Niemand weiß, wer das überhaupt ist. Im Grunde ist es der Demiurg der Gnosis, etwas zutiefst Anti-christliches also. Das hat auch die Kommission unter Kardinal König und Bischof Stimpfle festgestellt, die Anfang der Achtziger offizielle Gespräche mit der Freimaurerei geführt hat. Es ist Katholiken bis heute verboten, Freimaurer zu sein. Sie leben ansonsten „im Stand der schweren Sünde“, was der jetzige Papst als Präfekt der Glaubenskongregation zuletzt 1983 festgestellt hat.

Aber was ist die Freimaurerei jetzt eigentlich?

Wenn Sie mit Freimaurern sprechen, bekommen Sie zu hören: Wir sind keine Selbsterfahrungsgruppe, kein Geschäftsanbahnungsinstitut, kein Geselligkeitsverein, keine Esoterikgruppe, keine Religion, kein, kein: Was sie positiv sind, das habe ich selbst nach jahrelanger Mitgliedschaft nicht herausfinden können. Immerhin war ich als Großredner der „Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland“ so etwas wie der Chef der Werbeabteilung. All der rituelle Mummenschanz mit Kerzenschein und Totenkopf verdeckt letztlich eine große Leere. Das wollte ich nicht länger mitmachen.

Sind sie jetzt der Feme verfallen?

Nein. Aber ich habe eine ganze Reihe Freunde aus der Loge verloren. Mehr noch als dass ich mich von der Loge abgewandt habe nehmen sie mir übel, dass ich mich der katholischen Kirche zuwandte. Da kommt die Toleranz sehr schnell an ihre Grenzen. Ich weiß, dass gezielt versucht wird, mein Buch zu attackieren. Auf den Bestellseiten im Internet standen Negativrezensionen, bevor es überhaupt erschienen war.

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