Von Gott zu reden ist tabu

Nur eine kleine Bastion hält der Säkularisierung stand: der Karneval

Von guido Horst

Die Religionen haben sich in der Moderne erfolgreich behauptet. Die zweihundert Jahr lang unumstrittene These von der Säkularisierung der aufgeklärten Gesellschaften ist vom Tisch. Das ist die Einsicht des deutschen Philosophen Jürgen Habermas. Und sie gilt auch für die Politik. Anschauungsmaterial liefert der Präsidentschaftswahlkampf in den Vereinigten Staaten. Mein Gott, was wird da gebetet und im Namen des Allerhöchsten versprochen und beschworen. Die streng gläubigen Christen, wenn auch aller möglichen Couleur, sind dort wahlentscheidend. Und in Europa? Angesichts der Taubheit unserer Politiker und Politikerinnen – sorry: Politikerinnen und Politiker – für die religiösen Zusammenhänge in dieser Welt ist das Thema Gott hier tabu. Dafür sind allenfalls die Muslime da. Stattdessen verkauft man sich mit Leib und Seele einer „political correctness“, für die der Glaube als reine Privatsache zu gelten hat. Die Säkularisierungsthese hält nicht, was sie einst versprach. Aber in der deutschen Politik – und in Wahlkämpfen allzumal – bleibt es unanständig, Gott und Religion überhaupt nur zu erwähnen. Was den lieben Gott nicht gehindert hat, zu einer kleinen List zu greifen. Wer es versteht, auf krummen Zeilen gerade zu schreiben, für den ist es keine Kunst, die Religion auch andernorts im öffentlichen Bewusstsein einer Gesellschaft am Leben zu erhalten: Jawohl, im Karneval.

Alle diese Engelchen und Teufelchen, die Witzchen mit Petrus am Himmelstor, die Sinnenfreude – sehr katholisch! –, die sich vor der Fastenzeit nochmals austoben kann, die Selbstverständlichkeit, Gott Gott und Sünde Sünde zu nennen: All das hat tiefe religiöse Wurzeln. Womit deutsche Politiker nichts anzufangen wissen. Für sie geht das Leben erst am Aschermittwoch weiter. Wat sin dat für Stoffel!

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