Vermehrte Angriffe auf Nigerias Christen

Die Terrormiliz Boko Haram kämpft offenbar mit neuem Anführer und unter der Kontrolle des „Islamischen Staates“ weiter. Von Carl-Heinz Pierk
Foto: dpa | Mehr als 200 Mädchen, die in dieser Schule im nordnigerianischen Chibok im Vorjahr von Boko Haram entführt wurden, werden bis heute vermisst.

Im Nordosten Nigerias, in den kaum zugänglichen Sumpfgebieten der Sambisa-Waldregion, versteckt die nigerianische islamistische Terrorgruppe Boko Haram Frauen und Kinder, die sie aus den Dörfern der Region entführt hat. Unter ihnen die Chibok-Mädchen. In der Nacht zum 15. April 2014 hatte Boko Haram 276 überwiegend christliche Schülerinnen einer staatlichen Schule in Chibok im Nordosten Nigerias entführt. Mehr als 200 werden noch immer vermisst.

Nun meldet ein Wochenmagazin des „Islamischen Staates“ (IS), Boko Haram habe einen neuen Anführer. Angeblich sei Abu Musab al-Barnawi neuer Chef der Miliz. Bisher war er als Sprecher der Terrorgruppe aufgetreten, die eine Blutspur mit weit mehr als 20 000 Opfern hinterlassen hat. Um den bisherigen Führer der Terrormiliz, Abubakar Shekau, war es zuletzt ruhig geworden. Dass Shekau, der dem „Islamischen Staat“ die Treue geschworen hatte, sich zurückgezogen hat, darf allerdings bezweifelt werden. Wer also führt Boko Haram? Nur einen Tag, nachdem der IS in einer Onlinezeitung Musab al-Barnawi zum Führer von Boko Haram gekürt hatte, meldete sich Shekau mit einer Audiobotschaft zurück. Die Menschen sollten wissen, dass es die Miliz noch gebe, sagte er und nannte den arabischen Namen für Boko Haram: „Anhänger der Verbreitung der Lehren des Propheten und des Heiligen Krieges“. Die Führungsansprüche al-Barnawis wies Shekau zurück. Die Meldungen bestätigen Vermutungen, dass die Terror-Gruppe schon seit Monaten in verschiedene Fraktionen zerfallen ist.

„Es scheint tatsächlich eine Spaltung von Boko Haram gegeben zu haben, aber sie liegt wahrscheinlich schon mehrere Monate zurück. Denn die Antwort von Shekau auf die Inthronisierung von al-Banarwi durch den IS ist sprachidentisch mit einer anderen Erklärung Shekaus vor einigen Monaten“, meint Ulrich Delius, Afrika-Referent der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, gegenüber der „Tagespost“. Es gebe darin die gleichen Pausen und Versprecher wie in einer im März verbreiteten Erklärung. Militärisch sei seine Gruppe stark unter Druck, habe viel Terrain verloren. „Deshalb scheint der IS nun die Lage in die Hand nehmen zu wollen, um mit neuen Leuten wieder militärisch auf sich aufmerksam zu machen. Es ist aber nicht die erste Abspaltung von Boko Haram, es gab schon früher Abspaltungen von Kämpfern, die Gewalt gegen Muslime ablehnten“, erläutert Delius.

Die Nachricht, der „Islamische Staat“ habe Shekau abgesetzt und al-Barnawi zum neuen Anführer ausgerufen, wurde gezielt in den eigenen Medien veröffentlicht. Die Ernennung von al-Barnawi könnte daher bedeuten, dass der „Islamische Staat“ seinen Einfluss in Westafrika ausdehnen will. Der Terrorismusforscher Philippe Hugon vom Institut für internationale und strategische Studien in Paris verdeutlichte in einem Beitrag des Deutschlandfunks, warum der „Islamische Staat“ die Expansion in Afrika sucht: „Der IS will offensichtlich seinen Einfluss ausweiten. Boko Haram war früher nur im Nordwesten von Nigeria aktiv. Dann hat Boko Haram schrittweise seine Angriffe in die Region um den Tschad-See ausgeweitet. Also in Niger, Kamerun und Tschad. Dann haben sie dem IS Gefolgschaft geschworen. Das bedeutet nicht, dass sie vollständig in den IS integriert sind, aber es gibt die Verbindung.“ Al Kaida weite seine Angriffsziele immer weiter auf das südliche Westafrika aus, erklärte Hugon. Unterdessen versuche der sogenannte IS zunehmend südlich von Libyen Einfluss zu gewinnen. Von dort aus gingen Waffentransporte in Richtung Westafrika.

Im ideologischen Richtungsstreit setzt sich nun offenbar die von al-Barnawi geführte Gruppierung durch, die weniger muslimische Opfer in der Bevölkerung fordert. Im Interview mit der Online-Zeitung „Al-Naba“ kündigte al-Barnawi zwar an, Städte und Dörfer zu zerstören, die sich Boko Haram widersetzten. Ausführlicher aber sprach er über christliche Anschlagsziele. Eine Ausweitung des Terrors in den bisher weitgehend verschonten Süden des Landes ist zu befürchten. „Wir werden jede Kirche, die wir erreichen können, in die Luft sprengen und alle christlichen Bewohner töten“, sagte al-Barnawi.

Der Terror gegen Christen ist nicht neu. Gab es auch immer wieder tödliche Anschläge gegen moderate Muslime, sogar gegen Emire und Moscheen, so richteten sich seit 2010 die Terrorakte zunehmend auch gegen Christen. Weihnachten 2010 zündete Boko Haram zwei Bomben in Jos im Bundesstaat Plateau und traf damit viele Kirchgänger. Unzählige Angriffe auf Christen und Kirchen vor allem in den Bundesstaaten Yobe, Borno und Adamawa folgten. Bei einem Bombenanschlag zu Weihnachten auf die katholische St.-Theresa-Kirche in Madalla nahe der Hauptstadt Abuja starben 43 Gottesdienstbesucher, zahlreiche Gläubige wurden schwer verletzt. Im Januar 2012 stellte Boko Haram den Christen ein Ultimatum. Sie sollten den Norden verlassen oder würden umgebracht. Dass Boko Haram jetzt unter IS-Führung steht, verheißt nichts Gutes für die Christen.

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