Türkei: Wulff zieht positive Bilanz

Am letzten Tag seiner Reise traf der deutsche Bundespräsident Patriarch Bartholomaios I. – Religionsfreiheit für Christen gefordert

Istanbul/Trasus (DT/KNA) Bundespräsident Christian Wulff hat zum Abschluss seines Türkeibesuches eine positive Bilanz gezogen. Er habe viele Fortschritte gesehen, aber natürlich auch Defizite, sagte Wulff am Freitag vor Journalisten in Istanbul. Es gebe aber „eine große Offenheit, auch über kritische Dinge zu sprechen“. Er habe eine „große Übereinstimmung mit der politischen Führung“ des Landes festgestellt. Der Bundespräsident hatte im Verlauf der Reise über die politischen Gespräche in Ankara hinaus drei Abende mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül verbracht.

In Tarsus, dem Geburtsort des Apostels Paulus, hatte er sich am Donnerstag mit Vertretern der christlichen Minderheiten getroffen. Wiederholt hatte er während seiner Reise mehr Religionsfreiheit für die Christen in der Türkei gefordert. Am letzten Tag seines Besuches traf Wulff den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., in dessen Amtssitz. Er habe mit dem Patriarchen „ein gutes Gespräch über die Lage der Kirchen in Deutschland und hier in der Türkei“ geführt, sagte er anschließend.

„Ich habe die große Hoffnung, dass wir den Dialog der Weltreligionen voranbringen.“ Das Problem des orthodoxen Priesterseminars Chalki, das seit fast 40 Jahren geschlossen ist, sprach Wulff nicht explizit an. Bartholomaios I. sagte, er habe mit dem Bundespräsidenten „über die großen Probleme der Menschheit, über das Problem der Religionsfreiheit, das Problem des religiösen Fanatismus und über die Notwendigkeit des Dialogs zwischen den getrennten Christen und zwischen den monotheistischen Religionen“ gesprochen. Der Patriarch sagte, er teile den Optimismus des Bundespräsidenten. An dem Treffen nahm auch der griechisch-orthodoxe Metropolit von Deutschland, Augoustinos, teil.

Wulff besuchte am Freitag auch die Blaue Moschee in Istanbul. Vom Imam der Moschee und vom stellvertretenden Mufti von Istanbul ließ der Bundespräsident sich das Bauwerk und verschiedene Glaubensfragen erklären. Die beiden islamischen Geistlichen lobten die Rede Wulffs zum Tag der Deutschen Einheit und seine Äußerungen zum Islam. Sie dankten ihm dafür, dass er bei dem Gottesdienst in Tarsus am Vortag auch für die Türkei gebetet habe.

Bei seinem Besuch in Tarsus am Donnerstag hatte Wulff gesagt, die Türkei sei bei der Stärkung der Religionsfreiheit der Christen „in der richtigen Richtung unterwegs“, aber noch nicht am Ziel. Am Rande eines ökumenischen Gottesdienstes in der südtürkischen Stadt Tarsus äußerte Wulff vor Journalisten die Hoffnung, dass die Türkei die Probleme der christlichen Minderheit „alsbald“ lösen werde. Als wichtigste Fragen nannte er die Anerkennung von Gemeinden als Rechtspersönlichkeiten, den Unterhalt der Kirchen und die Ausbildung von Priesternachwuchs. Er sei erfreut, „dass wir immer mehr Verständnis finden für unsere Wünsche“, sagte der Bundespräsident. Wulff nahm in Tarsus, dem Geburtsort des Apostels Paulus, an einem ökumenischen Gottesdienst in der Pauluskirche teil. Dafür gab es eine Sondergenehmigung. Das Gotteshaus wird sonst als Museum genutzt. Gefeiert wurde der Gottesdienst vom evangelischen Pfarrer der deutschen Gemeinde in Istanbul, Holger Nollmann, und seinem katholischen Kollegen Pater Christian Rolke. Auch führende Vertreter der christlichen Minderheiten der Türkei beteiligten sich an dem Gottesdienst: Der Segen wurde vom armenischen Erzbischof Aram Atesyan gesprochen. Das Vaterunser betete der syrisch-orthodoxe Bischof von Adiyaman, Gregorius Melki Ürek, auf Aramäisch. Pater Spiro Teymur von der griechisch-orthodoxen Kirche in Mersin las auf Arabisch aus dem Evangelium. „Ein unvergesslicher Tag“, sagte Wulff. Pfarrer Nollmann erinnerte in seiner Predigt daran, dass auf dem Gebiet der heutigen Türkei „die inhaltliche und konzeptionelle Entwicklung des Christentums zur Weltreligion begann“. Auch heute noch sei das Christentum ein Bestandteil des Landes, obwohl die Christen nur noch eine winzige Minderheit seien. „Wir sehnen uns nach vollständiger Religionsfreiheit“, sagte Nollmann. Dies sei mehr als nur Toleranz: „Toleranz wird gewährt oder versagt, aber Religionsfreiheit heißt, einen Rechtsanspruch zu haben.“ Der Pfarrer warnte zugleich vor „christlicher Überheblichkeit“ angesichts der Lage in der Türkei. „Es gibt keine Alternative zur Religionsfreiheit für alle und an allen Orten, für Christen in der Türkei und für Muslime in Deutschland.“ Wulff hatte bereits zu Beginn seiner Türkeireise in Ankara mehr Rechte und Freiheiten für die christliche Minderheit gefordert. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei“, hatte Wulff in einer Rede vor dem türkischen Parlament gesagt.

Bei einem Staatsbankett mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gühatte mahnte Wullf am Donnerstagabend Pluralismus und Toleranz als Richtschnur in Deutschland und der Türkei an. Dazu zitierte er den osmanischen Sultan Mahmud II., der im Beisein seines Militärberaters Helmuth von Moltke anlässlich einer Audienz im Jahr 1837 erklärt habe: „Ihr Griechen, Ihr Armenier, Ihr Juden seid alle Diener Gottes und meine Untertanen so gut wie die Moslems. Ihr seid verschieden im Glauben, aber Euch alle schützen mein Gesetz und mein kaiserlicher Wille.“ Übertragen auf die „heutigen, republikanischen Zeiten möge dieses Bekenntnis zu Pluralismus und Toleranz unseren beiden Völkern Orientierung sein“, führte Wulff laut Redemanuskript aus. Der Bundespräsident würdigte die Geschichte und Qualität der deutsch-türkischen Beziehungen und mahnte zugleich zu weiteren Anstrengungen, um das gegenseitige Verständnis zu vertiefen. „Es ist mein persönliches Anliegen und unsere gemeinsame Aufgabe, Brücken zu schlagen und den Dialog zu fördern“, sagte Wulff. Die Türkei brauche Europa, so wie Europa umgekehrt die Türkei brauche.

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