Tauwetter in Minsk?

Kardinal Bertone bringt bei seinem Weißrussland-Besuch das Konkordat auf den Weg

Keine Regierung Europas wird international so geächtet wie die weißrussische. Der Präsident der ehemaligen Sowjetrepublik, Alexander Lukaschenko, wird als der letzte Diktator des Kontinents bezeichnet. Ausgerechnet dieses Regime scheint nun zu einem Konkordat bereit. Die Verhandlungen über einen solchen Vertrag mit dem Vatikan spielen vermutlich eine zentrale Rolle beim ersten Besuch von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Die Nummer zwei des Heiligen Stuhls kommt am Mittwoch für fünf Tage nach Weißrussland.

Auf dem Programm stehen Begegnungen mit der nationalen Bischofskonferenz und Regierungsvertretern. Stationen der Reise Bertones sind neben der Hauptstadt Minsk die katholischen Hochburgen Grodno und Pinsk im Westen des mehrheitlich orthodox geprägten Landes. Die Initiative zu einem Konkordat geht sowohl von der Regierung als auch vom Erzbischof von Minsk-Mohilev, Tadeusz Kondrusiewicz, aus. Die Verhandlungen zwischen Kondrusiewicz und dem Regierungsbevollmächtigten für religiöse Angelegenheiten, Leonid Gulaka, laufen bereits, stehen jedoch offenbar noch am Anfang. Gulaka versicherte mehrmals öffentlich, Minsk sei bereit, ein Konkordat zu unterschreiben. Die Gespräche markieren das Ende der Eiszeit zwischen dem autoritären Staat und der katholischen Kirche. Noch vor einigen Monaten schlossen die Behörden laut Opposition Kirchen, weil die Pfarrer das Regime kritisiert hätten. Mehr als 30 Seelsorger seien zur Ausreise gezwungen worden, heißt es. Gegen einen katholischen Priester verhängte ein Gericht im Frühjahr wegen der Teilnahme an einer Demonstration gegen die Regierung eine Geldstrafe, wie unabhängige Medien des Landes berichteten. Gebetstreffen in Privathäusern sind in Weißrussland verboten. Wiederholt gab es deshalb Verhaftungen. Auch orthodoxe Priester gerieten im vergangenen Jahr ins Visier des Geheimdienstes. Die katholische Kirche meldet indes schon seit über einem Jahr Erfolge in den Beziehungen zur Regierung. So darf sie neue Kirchen bauen – selbst in Minsk. Der Staat finanziert die Restaurierung der Hauptstadt-Kathedrale mit. Höhepunkt der Annäherung war bislang der Besuch, den Lukaschenko am Ostermontag Kondrusiewicz in dessen Bischofsresidenz abstattete.

Der 62-jährige Metropolit schenkte dem Präsidenten eine Papst-Benedikt-XVI.-Gedenkmedaille; Lukaschenko brachte ihm ein Gemälde einer Kirche mit. Zu den Hauptstreitpunkten zwischen Staat und katholischer Kirche gehören die zahlreichen polnischen Priester im Land. „Wie kann man ein Konkordat mit Ausländern abschließen?“, fragte der Unterhändler der Regierung, Gulaka, in einem Interview der staatlichen Nachrichtenagentur Belta. Über die Hälfte der Pfarrer seien Ausländer, insgesamt 181 – davon 178 aus Polen. Ein Problem ist auch die noch nicht abgeschlossene Erstattung von kirchlichem Eigentum, das während der Sowjetzeit enteignet wurde.

Oppositionspolitiker befürchten, die Regierung könnte die katholische Kirche vor den im Herbst anstehenden Parlamentswahlen auf ihre Seite ziehen. Auch der Weißrussland-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung Stephan Malerius wertet den Annäherungskurs Lukaschenkos als „Schachzug, um das demokratische Spektrum einzufangen und ruhigzustellen“. Allerdings rechnet er nicht damit, dass sich Kondrusiewicz vom Regime vereinnahmen lässt. Dafür habe der Erzbischof eine viel zu starke Statur. Papst Benedikt XVI. lobte kürzlich das nach seinen Worten gute Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Weißrussland. Er sei sich sicher, dass die Regierung in Minsk die Kirche weiter in ihren Bedürfnissen unterstützen werde. Zugleich betonte er, der Heilige Stuhl werde nicht aufhören, Weißrussland in seinen „legitimen Bestrebungen“ nach Freiheit und seinen Anstrengungen zur Demokratie zu fördern. Für Benedikt XVI. wurde in Luchai im Norden des Landes bereits ein drei Meter großes Denkmal errichtet. Der Bischof von Witebsk, Wladyslaw Blin, weihte es am Sonntag ein.

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