„Syriens Christen bewaffnen sich“

Die zunehmende Islamisierung der Anti-Assad-Opposition führt zur Militarisierung der christlichen Minderheit Syriens, meint eine Studie – Für die Zukunft der Christen verheißt das nichts Gutes. Von Oliver Maksan
Foto: dpa | Ein syrischer Soldat steigt mit Munition beladen über die Trümmer von Homs. Auch bewaffnete Christen werden inzwischen mit Geschossen versorgt.
Foto: dpa | Ein syrischer Soldat steigt mit Munition beladen über die Trümmer von Homs. Auch bewaffnete Christen werden inzwischen mit Geschossen versorgt.

Alle Syrer leiden, doch die Christen des Landes sind als Minderheit besonders verwundbar, teilweise sind sie sogar spezifischen Bedrohungen ausgesetzt: Das ist eines der Ergebnisse einer umfänglichen und bemerkenswert differenzierten Studie, die das überkonfessionelle christliche Hilfswerk „Open Doors” kürzlich vorgelegt hat.

Wie der Rest Syriens auch litten Christen unter den Kampfhandlungen, der Zerstörung der Infrastruktur, der prekären Versorgungslage und mangelnder gesundheitlicher Betreuung. Mehr als die Hälfte der Krankenhäuser sei zerstört. Die pharmazeutische Produktion sei zusammengebrochen. Die große Konzentration christlicher Bevölkerung in sowohl für die Regierung als auch die Rebellen strategisch relevanten Gebieten wie Aleppo, Damaskus und Homs trägt zu ihrer hohen Verwundbarkeit bei. Im Frühjahr hatte der melkitische Patriarch Gregor III. Laham, der in Damaskus residiert, von über 1 000 toten Christen, 400 000 christlichen Flüchtlingen inner- und außerhalb Syriens und etwa 40 zerstörten Kirchen und anderen christlichen Einrichtungen gesprochen, zitiert ihn der Bericht.

Mehr als andere Syrer litten Christen indes unter der allgemeinen Unsicherheit und dem Fehlen rechtsstaatlicher Normalität. So gebe es Berichte von Christen, die über den Raub ihrer Felder durch einen sunnitischen Clan geklagt hätten. Die örtliche Polizei, so der Bericht weiter, habe sich außerstande gesehen, den Christen zu helfen, weil man sich den mächtigen Clan nicht zum Feind machen wollte.

Christen seien zudem leichter Opfer für kriminelle Akte wie Entführungen, da sie häufig eher wohlhabenden Klassen angehörten und hinter ihnen kein bewaffneter Clan stehe. Christliche Mädchen und Frauen seien zudem besonders häufig Opfer von Vergewaltigungen.

Hinzu komme, dass christliche Männer stärker als andere Gruppen Syriens Zwangsrekrutierungen sowohl von Seiten der Regierung wie der Rebellen ausgesetzt seien. Spezifisch anti-christlich seien indes die Bedrohungen durch Islamisten. Diese seien nicht politisch motiviert, weil man die Christen für Loyalisten des Regimes halte, sondern religiös. In die Lager im benachbarten Ausland geflüchtete Christen seien zudem besonders häufig Opfer islamistischer Übergriffe. Aus diesem Grunde würde etwa in der Türkei derzeit versucht, Lager nur für syrische Christen einzurichten. Dennoch, so die Studie, gebe es bislang keine systematische Gewalt gegen Christen aufgrund ihres Glaubens. Wegen der zunehmenden Militarisierung der Christen und ihrer Anlehnung an das Assad-Regime aus Furcht vor der sunnitisch dominierten Opposition könnte sich dies allerdings ändern. Die Entführung zweier für ihre politische Neutralität bekannten Bischöfe Ende April habe innerhalb der christlichen Gemeinschaft Syriens für erhebliche Beunruhigung gesorgt.

Die Studie hebt dabei hervor, dass anders als etwa die Alaviten und entgegen der Wahrnehmung im Westen die diversen christlichen Gemeinschaften des Landes keineswegs geschlossen hinter Assad stünden. Angeführt werden in diesem Zusammenhang christliche Dissidenten wie der Journalist Michel Kilo oder der Vorsitzende des Opositionsbündnisses „Syrischer Nationalrat“, George Sabra. Außerdem hätten Christen im ganzen Land an den Demonstrationen für wirtschaftliche und politische Reformen im Frühjahr 2011 teilgenommen, ehe sich die Gewalt im Land entlud. Zudem kämpften auf Seiten der oppositionellen „Freien Syrischen Armee“ eigene christliche Einheiten für ein einiges Syrien ohne das Assad-Regime.

Besonders die sogenannte Brigade der Partisanen Gottes wird in diesem Zusammenhang genannt. Diese sei in und um Damaskus stationiert. Wie viele Christen sich dem Kampf gegen Präsident Assad angeschlossen hätten, sei schwer zu sagen. Von christlichen Kämpfern hochgeladene Videos auf Youtube erlaubten indes den Schluss, einige Hundert bis Tausend anzunehmen.

Allerdings, so die Studie, sei die Unterstützung der Opposition nicht die vorherrschende Tendenz unter Syriens Christen. Viele Christen hätten sich von den Demonstrationen ferngehalten. Zudem gebe es eine große Unterstützung für die Regierungsseite. Manche seien direkt Teil der berüchtigten paramilitärischen Schabiha-Milizen des Regimes. Zehntausende Christen, so wird geschätzt, seien mittlerweile in Volkskomitees organisiert, die mit Waffen der Regierung versorgt und von Seiten der Armee im Umgang mit ihnen geschult würden, um sich und ihre Wohngebiete zu schützen. Das Regime kalkuliere fest mit diesen Gruppen und erhofft sich lokale Entlastung in stark umkämpften Gebieten.

Als Fallbeispiel für diese Entwicklung führt die Studie das Governatorat Homs an. Dort gibt es eine hohe Konzentration von Christen. Etwa 250 000 lebten dort. Weil das Gebiet nahe zur libanesischen Grenze liegt, ist es sowohl für die Regierung als auch die Rebellen von entscheidender logistischer Bedeutung. Das Regime sieht in ihm ein entscheidendes Verbindungsstück zwischen der Hauptstadt Damaskus und den alavitischen Stammgebieten an der Küste und dem angrenzenden Bergland im Nordwesten Syriens. Die Opposition bezieht ihrerseits einen wesentlichen Teil ihres militärischen Nachschubs über den Libanon und die dortigen Sunni-Hochburgen Tripoli und Akkar. Zuletzt hatte die Regierung bei erbitterten Kämpfen die Provinzhauptstadt Homs von den Rebellen zurückerobern können. Die Studie stellt fest, dass Christen im Laufe des Jahres 2012 von den Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Brigaden und anderen salafistischen Gruppen bedroht worden seien. Dies sei auch von Seiten etwa des christlichen Dissidenten Michel Kilo bestätigt worden. In der Folge hätten sich christliche Großfamilien dem Beispiel alavitischer Clans folgend bewaffnet und in sogenannten Volkskomitees organisiert. Aufgrund der bleibenden strategischen Bedeutung dieses Gebiets und der zunehmenden Identifizierung der Christen mit dem Assad-Regime bleibe das Governatorat von Homs auch künftig ein Gebiet, das Anlass zu Sorge um die Christen dort gebe. „Die unter der militanten bewaffneten Sunni-dominierten Opposition verbreitete Annahme, dass die christliche Bevölkerung des Landes als Konfessionsgruppe mit dem Assad-Regime sympathisiert, hat bedeutenden Einfluss auf die Sicherheit und das tägliche Leben der christlichen Gemeinschaften in Homs.“ Es sei wahrscheinlich, dass die Militarisierung und Bewaffnung der Christen in konfessionell und ethnisch gemischten Gebieten Syriens in naher Zukunft ein bedeutender Trend werde, so der Bericht zusammenfassend. Der Unterschied zur Selbstverteidigung sei, dass aktiv für oder gegen eine bestimmte Seite in die Kampfhandlungen eingegriffen würde. Obwohl dieser Prozess sich erst in einem Anfangsstadium befinde und erst seit etwa sechs Monaten erkennbare Formen annehme, werde er ermutigt durch die Mobilisierung der „Nationalen Verteidigungs-Armee“ der Assad-Regierung. Diese organisiert und koordiniert die lokalen Volkskomitees.

Diese Entwicklung könne zu dem Kreislauf lokaler Konflikte führen, die die christlichen Führer immer vermeiden wollten. Diese würden nach Einschätzung der Studie in ihren Aufrufen zu Versöhnung und Frieden fortfahren. „Die christliche Gemeinschaft Syriens insgesamt wird aber keinen erkennbaren Nutzen aus dem Ruf nach Assads Beseitigung ziehen können und wird dies in naher Zukunft wahrscheinlich auch nicht tun. Sie kann sogar ein aktiverer Teilnehmer an den konterrevolutionären Bestrebungen der syrischen Regierung gegen die bewaffnete Opposition werden.“

Die Studie schließt mit vier möglichen, aber unterschiedlich wahrscheinlichen Szenarien in Bezug auf die künftige Lage der Christen. Sollte Assad seine Autorität über ganz Syrien wiederherstellen, würde dies zwei wesentliche Gefahren für die Christen beseitigen: Die allgemeine Gesetzeslosigkeit und die islamistische Bedrohung. Das schlimmste Szenario für die Christen bestehe indes in einer Machtübernahme der Islamisten und der Ausschaltung der nicht-islamistischen Opposition. Syrien könnte eine Entwicklung wie Saudi-Arabien nehmen.

Ein weiteres Szenario sieht einen unvollständigen Sieg der islamistisch dominierten Opposition vor. Assad sei nicht vollständig besiegt und die Kämpfe würden auf unabsehbare Zeit weitergehen. Dies sei das wahrscheinlichste Szenario. Schließlich wäre der Studie zufolge denkbar, dass der Bürgerkrieg weitergehe, aber seine konfessionelle Dimension verliere. Dies sei indes unwahrscheinlich. Denn längst sei der konfessionelle Faktor für den syrischen Konflikt bestimmend geworden.

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