„Suche und ersetze“

Der Deutsche Ethikrat befasste sich mit Eingriffen in das menschliche Erbgut, welche die neue CRISPR/Cas9-Technologie ermöglicht. Von Stefan Rehder
Foto: Ethikrat | „Suche und Ersetze“: Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Darbrock, verglich in seiner Eröffnungsrede die neuen Genscheren mit einem Textverarbeitungsprogramm.

Sollen Eingriffe in die Keimbahn beim menschlichen Embryo verboten bleiben oder erlaubt werden? Sind sie womöglich gar geboten? Was gebietet die Verantwortung für zukünftige Generationen? Setzt „Natürlichkeit“ dem Zugriff auf das menschliche Genom Grenzen? Und wenn ja, welche? Gefährdet die Niedrigschwelligkeit der neuartigen CRISPR/Cas9-Technologie grundlegende moralische Standards? Führt sie zu vorschneller oder ausufernder Anwendung oder gar zu Dammbrüchen? So lauteten einige der Fragen, die der Deutsche Ethikrat auf seiner von vielen mit Spannung erwarteten Jahrestagung in Berlin am Mittwoch dieser Woche einer Klärung zuführen wollte.

Und offensichtlich elektrisiert das Thema, trotz Kürzeln wie CRISPR/Cas9 und Begriffen wie „Genome Editing“, „Gen Drive“ und „Enhancement“ nicht nur Experten, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Obwohl der bestuhlte Saal „Femina“ im Berliner Hotels Elligton in der Nürnberger Straße, das mit seiner geschätzt knapp 200 Meter langen Fassade im Architekturstil der 20er Jahre zu den auffälligsten Bauten der Bundeshauptstadt zählt, 600 Besuchern Platz bietet, war die Veranstaltung schon Wochen vorher derart hoffnungslos überbucht, dass der Ethikrat kurzerhand einen „Livestream“ einrichtete. Vorgesehen ist ferner, dass sämtliche Vorträge und Streitgespräche der Tagung demnächst über die Internetseite des Gremiums, das Bundesregierung und Bundestag in bioethischen Fragen beraten soll, abgerufen werden können.

Dabei wird man das gewaltige öffentliche Interesse an den neuartigen molekularen Genscheren gar nicht hoch genug veranschlagen können. Denn die Entdeckung von Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier, dass die zelleigenen Reparaturmechanismen, mit denen sich Bakterien gegen Viren zu Wehr setzen, zu einem hochpotenten Werkzeug entwickeln lassen, mit dem sich Informationen aus dem Erbgut sämtlicher Organismen gezielt herausschneiden und durch andere ersetzen lassen, katapultiert die Biotechnologie in eine völlig neue Ära.

Zwar nutzen Molekularbiologen ähnliche „Genscheren“, mit denen sich der genetische Code von Lebewesen gezielt verändern lässt, bereits seit rund 40 Jahren, doch stellt die von Doudna und Charpentier entschlüsselte und modifizierte Technologie alle bislang verwandten Werkzeuge in den Schatten. Nachdem die US-Amerikanerin und die Französin 2011 damit begonnen hatten, zusammenzuarbeiten, veröffentlichten sie im August 2012 in der renommierten Fachzeitschrift „Science“ gemeinsam eine Arbeit, die es Forschern heute überall auf der Welt ermöglicht, die DNA eines jeden Lebewesens – und damit prinzipiell auch die von Menschen – gezielt zu verändern. Und zwar wie bei einem Textverarbeitungsprogramm: Buchstabe für Buchstabe. Dabei sind die unter dem Namen CRISPR-Cas9 firmierenden Genscheren von den Wissenschaftlern so programmierbar, dass sie nahezu jeden beliebigen Ort der DNA-Sequenz eines Genoms ansteuern und dort einen Schnitt setzen können. Schadhaft mutierte oder auch nur unliebsame Gene können mittels dieser Technologie herausgeschnitten und durch gesunde oder auch nur für besser befundene ersetzt werden. Bei Pflanzen und Tieren geschieht das im Labor heute täglich und das weltweit.

Es gebe, befand daher der Würzburger Molekularbiologe Jörg Vogel, der die Teilnehmer der Tagung über den naturwissenschaftlichen Sachstand des Verfahrens informierte, „eine Welt vor CRISPR/Cas9 und eine Welt nach CRISPR/Cas9“. Denn mit diesem Werkzeug sei es möglich, „jeden Organismus, den wir in die Hände bekommen“, gezielt zu verändern. Dabei sei es „tatsächlich so wirkungsvoll wie angenommen“. Bereits heute gäbe es vermutlich keine einzige Nutzpflanze mehr, bei der CRISPR/Cas9 noch nicht zum Einsatz gekommen sei, meinte Vogel, der darauf hinwies, dass CRISPR/Cas9 „keinerlei Spuren“ hinterlasse. Dass man eine mit den neuen Genscheren vorgenommene Veränderung des Erbgutes anschließend nicht nachweisen könne, mache die Methode – Stichwort gentechnisch veränderte Nahrungsmittel – auch für die Industrie hochinteressant. Doch nicht nur das. Hochpotent sei CRISPR/Cas9 nicht nur, weil es vergleichsweise einfach zu handhaben, preiswert und präzise sei, sondern auch, weil es „multiplexe Anwendungen“ ermögliche. So könnten mit einen einzigen Eingriff mehrere verschiedene Stellen auf der DNA angesteuert und gezielt verändert werden.

Dem Kinderarzt Karl Welte von der Universität Tübingen kam es zu, die medizinischen Handlungsoptionen, welche die CRISPR/Cas9-Technologie bietet, näher zu beleuchten. Dabei machte Welte kein Hehl aus seiner Überzeugung, die neue Technologie sei so einfach, dass zu erwarten sei, „dass sie sich durchsetzt“. „Wir können die Macht dieser Entwicklung nicht aufhalten“, sagte der Mediziner, der gleichwohl einräumte, dass die Medizin derzeit noch „weit entfernt davon ist, das Konzert der Gene zu verstehen“. Welte plädierte daher, dass sich die Medizin solange mit „Alternativen“ wie der Präimplantationsdiagnostik (PID) und der Stammzelltransplantation begnügen solle, wie nicht klar sei, welche unvorhersehbaren Auswirkungen die gezielten Veränderungen der genetischen Information in der menschlichen Keimbahn mit sich brächten. Dabei ließ Welte keinen Zweifel daran, dass es eine letzte Gewissheit, ob ein genetisch veränderter Embryo bei dem Eingriff in die Keimbahn geschädigt würde, nicht geben könne. „Erst wenn ein Kind geboren wird, wissen wir, was wir getan haben.“

Der Medizinrechtler Jochen Taupitz von der Universität Mannheim legte die geltende Rechtslage dar, wenn auch – wie andere Referenten im weiteren Verlauf der Veranstaltung bemerkten – „mit einem hohen Maß an Kreativität“. Laut Taupitz verbiete zwar das Embryonenschutzgesetz eine künstliche Veränderung der menschlichen Keimbahn. Die inzwischen 26 Jahre alte Regelung weise jedoch inzwischen „erhebliche Lücken und Unklarheiten“ auf.

Den sicher anspruchsvollsten Beitrag lieferte der Ethiker und evangelische Theologe Wolfgang Huber. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchen in Deutschland plädierte dafür, „weder den Heils- noch den Unheilspropheten das Feld zu überlassen, sondern von Menschen erdachte Innovationen als Feld verantwortlicher Gestaltung anzusehen“. Eingriffe in die menschliche Keimbahn seien zumindest solange nicht zu verantworten, wie die damit verbundenen Risiken nicht absehbar und daher auch nicht gegen die Chancen abgewogen werden könnten. In diesem Zusammenhang forderte Huber ein internationales Verbot von Keimbahnmanipulationen beim Menschen. Ein bloßes zeitlich begrenztes Moratorium greife zu kurz. Notwendig sei es auch, denkbare medizinische Therapien klar von ethisch problematischen genetischen Verbesserungen – dem sogenannten Enhancement – zu unterscheiden. Wohl auch, um zu zeigen wie schwer dies fallen könne, zitierte Huber in seinen Ausführungen eine längere Passage aus Jürgen Habermas' Essay „Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Der Streit um das ethische Selbstverständnis der Gattung“. Darin entwirft der Philosoph folgendes Szenario: „In Bevölkerung, politischer Öffentlichkeit und Parlament setzt sich zunächst die Auffassung durch, dass der Einsatz der Präimplantationsdiagnostik für sich betrachtet moralisch zulässig oder rechtlich hinnehmbar sei, wenn man deren Anwendung auf wenige wohl definierte Fälle von schwerer, auch den potenziell Betroffenen selbst nicht zumutbarer Erbkrankheit beschränkt. Im Zuge biotechnischer Fortschritte und gentherapeutischer Erfolge wird die Erlaubnis später auf genetische Interventionen in Köperzellen (oder gar Keimbahnen) zum Zwecke der Prävention dieser (und ähnlicher) Erbkrankheiten ausgedehnt. Mit diesem zweiten, unter den Prämissen der ersten Entscheidung nicht nur unbedenklichen, sondern konsequenten Schritt ergibt sich die Notwendigkeit, diese (wie angenommen gerechtfertigte) ,negative‘ Eugenik von der (zunächst als ungerechtfertigt betrachteten) ,positiven‘ Eugenik abzugrenzen. Weil diese Grenze aus begrifflichen und praktischen Gründen fließend ist, konfrontiert uns jedoch der Vorsatz, die genetischen Eingriffe an der Grenze zur verbessernden genetischen Merkmalsveränderung anzuhalten, mit einer paradoxen Herausforderung: Wir sollen genau in den Dimensionen, wo die Grenzen fließend sind, besonders präzise Grenzen ziehen und durchsetzen. Dieses Argument dient heute schon zur Verteidigung einer liberalen Eugenik, die die Grenze zwischen therapeutischen und verbessernden Eingriffen nicht anerkennt, aber die Auswahl der Ziele merkmalsverändernder Eingriffe den individuellen Präferenzen von Marktteilnehmern überlässt.“

Im Anschluss an Habermas stellte Huber klar, dass es zur Unverfügbarkeit der menschlichen Würde gehöre, dass der Mensch nicht gemäß „einem von anderen entworfenen Bauplan konstruiert und produziert“ würde. Damit traf er sich mit dem katholischen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff. Der machte im Verlauf eines von vier Streitgesprächen am Nachmittag deutlich, dass das „Naturbelassene“ zwar „kein Wert an sich“ sei, dass aber die Veränderung der Natur durch aktives Handeln der Menschen auch Grenzen kenne. In demokratischen Gesellschaften sei es notwendig, dass sich die einzelnen Mitglieder „gegenseitig als unverfügbar“ anerkennen. Keimbahnmanipulationen stellten aber eine Determinierung der Zukunft anderer dar. Es gebe daher ein „Recht auf den zufälligen Ursprung der eigenen Identität“, der den Einzelnen vor Fremdbestimmung durch Dritte schütze.

Themen & Autoren

Kirche