Heidelberg

„Sterbehilfe wird nicht mehr zu bremsen sein“

Welche Rolle spielt das Selbstbestimmungsrecht im Zusammenhang mit der Rechtsprechung des Bundesverfassunsgerichtes zur sogenannten Sterbehilfe? Ein Interview mit dem Medizinethiker Professor Axel W. Bauer.

Axel W. Bauer
Axel W. Bauer Foto: privat

Herr Professor Bauer, in einem Interview kritisierte Caritaspräsident Prälat Peter Neher, dass das Bundesverfassungsgericht einzig die Selbstbestimmung als Kriterium für Leben und Tod angesehen hat. Welcher Begriff liegt der Selbstbestimmung in der Medizinethik zugrunde?

Oft wird in der Medizinethik von „Autonomie“ gesprochen. Die Kantische Autonomie bedeutet, der Mensch gibt sich eigene Gesetze der Vernunft und handelt vernünftig.

Das ist etwas anderes, als es das Bundesverfassungsgericht definiert hat?

Die Kantische Autonomie ist das Gegenteil einer Form der Selbstbestimmung, die in die Beliebigkeit mündet. Das Bundesverfassungsgericht versteht Selbstbestimmung nicht wie Kant, sondern im Sinne des Persönlichkeitsrechts nach Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG. Das ist die Fähigkeit des Menschen, frei zu handeln, solange er Dritten keinen Schaden zufügt. Das kann unter Umständen bis zur „Unvernünftigkeit“ gehen. So können selbstbestimmte Handlungen aus der Sicht Dritter durchaus als „unvernünftig“ erscheinen.

Was heißt das für den sogenannten  assistierten Suizid?

Es gibt nach dem Urteil eine Art Grundrecht auf Selbsttötung. Damit gibt es ein Recht, angebotene Hilfe bei der Selbsttötung anzunehmen. Die Sterbehilfe und der assistierte Suizid werden in Deutschland jetzt nicht mehr zu bremsen sein.

Geraten Mediziner durch das Urteil unter Druck?

Die Landesärztekammern Bayern und Baden-Württemberg beispielsweise lassen den assistierten Suizid in ihren Berufsordnungen bereits zu. Es werden sich genügend Ärzte finden, die diese Hilfe auch gewähren werden. Der einzelne Arzt mag zwar in moralische Konflikte geraten, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass es zahlreiche Ärzte gibt, die dabei mitwirken werden.

Die Kantische Autonomie ist das Gegenteil
einer Form der Selbstbestimmung,
die in die Beliebigkeit mündet.

Entsteht dadurch ein Ausweg aus dem Kostendruck, der auf dem Gesundheitssystem lastet?

Ich habe schon 2013 in dem Buch „Wir sollen sterben wollen“ angedeutet, dass ich der Ansicht bin, das alles habe etwas mit den demografischen Veränderungen zu tun, die wir erleben. Es gibt künftig immer mehr ältere „Babyboomer“, zu denen ich selber gehöre, und schon heute weiß niemand, wie diese gepflegt und versorgt werden sollen. Da wäre aus der Sicht des Staates ein freiwilliges Zurückgreifen der Senioren auf den assistierten Suizid finanziell gesehen nicht unpassend.Das wird nicht heute oder morgen so sein. Es wird durchaus noch fünf bis  zehn Jahre dauern. Moralische Tabus fallen in aller Regel nicht unmittelbar nach einem überraschenden Gerichtsurteil.

Wie stellt sich das konkret dar?

Wenn ich ins Jahr 2030 sehe, dann kann ich mir vorstellen, dass im Rahmen einer ärztlichen Beratung Alternativen zur laufenden Therapie erörtert werden oder gar erörtert werden müssen. Da wird man manchem Patienten alternativ zur Chemotherapie etwa gegen den Krebs, die starke Nebenwirkungen hat, auch die Möglichkeit des assistierten Suizids aufzeigen.

Wäre, wie Prälat Neher sagt, eine Stärkung der Palliativmedizin die Lösung?

Die Palliativmedizin hat sich sehr stark ausgeweitet und wird immer gerne gepriesen als das Nonplusultra gegen die Sterbehilfe. Es wird aber immer Fälle geben, die von der Palliativmedizin nicht erfasst werden. Menschen, die sterben wollen, weil sie verzweifelt sind, sich in einer aussichtslosen Lage befinden, aber die durchaus noch eine Weile leben würden. Es wird ein Teil von Menschen übrig bleiben, die einfach nicht mehr weiterleben wollen. Das sind Menschen, die dieses Grundrecht einfordern werden und bei denen palliativmedizinische Behandlung gar nicht indiziert wäre.

Welchen Ausweg sehen Sie?

Ehrlich gesagt, ich sehe leider keinen Ausweg mehr. Das Bundesverfassungsgericht nimmt im säkularen Staat die Rolle ein, die das Wort Gottes in der Kirche hat. Selbst Vertreter der Sterbehilfe waren überrascht davon, wie sehr ihnen das Bundesverfassungsgericht entgegengekommen ist. Ich wüsste nicht, dass irgendwo sonst im europäischen Kontext ein Verfassungsgericht ein derartiges Grundrecht auf Suizid geschaffen hätte.

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