Berlin

Steinmeier ist zum Symbol erstarrt

Frank-Walter Steinmeier würde auch nach 2022 gerne noch einmal fünf Jahre als Bundespräsident im Schloss Bellevue residieren. Doch so redlich er sich auch bemüht: Im Gedächtnis bleiben die Worte seiner Reden bislang nie.

Bundespräsident Steinmeier
Steinmeier ist das Bundes-Sandmännchen: Statt seine Zuhörer für die res publica zu begeistern, schläfert er sie ein. Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa)

Staatsnotar, Ersatzmonarch, Hoher Priester der Zivilreligion - zwischen diesen Polen changiert die Rolle des Staatsoberhauptes in der Bundesrepublik. Allzu viele Möglichkeiten hat der Bundespräsident nicht, Akzente zu setzen. Eigentlich bleiben ihm nur sein Wort und sein Füllfederhalter. Sein Wort, um durch seine Reden Einfluss auf die politische Kultur zu nehmen, der Füller, um Gesetze zu unterschreiben (wie wichtig diese Unterschrift ist, zeigt sich vor allem dann, wenn er sie verweigert, was in ganz seltenen Fällen vorkommt).

Er hält Reden, aber kein Satz bleibt im Gedächtnis

Frank-Walter Steinmeier residiert seit 2017 im Schloss Bellevue und würde gerne, wie er nun mitgeteilt hat, auch nach 2022 noch mal fünf Jahre dort bleiben. Steinmeier ist ein solider Staatsnotar  - als Gesetzabzeichnungsmaschine funktioniert er geradezu geräuschlos. Ersatzmonarch will er nicht sein - dafür ist der Sozialdemokrat, der darum bemüht ist, das Andenken an die 1848er Revolution neu zu beleben, zu sehr Republikaner. Die Hohe Priester-Rolle passt da schon besser. Zumal der evangelisch-reformierte Christ sich hier an einem geradezu klassischen Vorbilder-Trio protestantischer Polit-Prediger orientieren könnte: Richard von Weizsäcker, Johannes Rau und Joachim Gauck. Dass ihm eine solche Rolle durchaus zugetraut wird, zeigt sich daran, dass er 2019 als Präsident des Evangelischen Kirchentages amtieren sollte, dann aber verzichtete, weil er inzwischen Bundespräsident geworden war.

Doch Steinmeier verfügt nicht über das Charisma Weizsäckers, zelebriert nicht öffentlich seine Bibelkenntnis wie Rau, hat nicht die rhetorische Begabung Gaucks. Steinmeier kommt über die redliche Bemühung nicht hinaus: Er hält ja Reden, aber kein Satz bleibt im Gedächtnis. Er sagt nichts Falsches - etwa wenn er nach den Anschlägen in Hanau oder in Halle das Wort ergreift. Er sagt sogar viel Richtiges, wenn er dann die Bürger zu Solidarität mit den Opfern oder mehr Einsatz für die Demokratie auffordert. Aber es spricht eben immer nur der Staatsnotar, niemals Leidenschaft, alles klingt nach Büroklammer. Steinmeier ist das Bundes-Sandmännchen: Statt seine Zuhörer für die res publica zu begeistern, schläfert er sie ein. Über ihn ärgert man sich nicht, man reibt sich nicht an ihm - er ist zum Symbol erstarrt. Und so einem Symbol kann auch jeder ohne Probleme Respekt zollen - das kostet nichts.

Dabei wäre die Umbruchphase, in der sich die politische Kultur befindet, eigentlich die Zeit für einen Bundespräsidenten. Doch Steinmeier fehlen die Worte: Dieser zivilreligiöse Hohe Priester predigt immer vor leerer Kirche, selbst wenn der Festsaal voll ist. Ihm bleibt der Füllfederhalter.

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