Stammzellen statt Tierversuche

Europa will die Zahl der Tierversuche spürbar reduzieren – Neue EU-Richtlinie ermöglicht Versuche mit menschlichen

embryonalen Stammzellen als denkbarer Alternative Von Stefan Rehder

Straßburg (DT) Mit überwältigender Mehrheit hat das Europäische Parlament gestern in Strassburg die umstrittene Richtlinie „zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere“ verabschiedet. Mit der neuen Richtlinie soll die Zahl von Tierversuchen in Europa reduziert und Versuchstiere in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union besser geschützt werden.

Umstritten ist die Richtlinie vor allem, weil sie einem Einsatz humaner embryonaler Stammzellen als Ersatzmethode für Tierversuche keinen Riegel vorschiebt. Humane embryonale Stammzellen werden aus künstlich erzeugten Embryonen gewonnen, die dabei getötet werden.

In Artikel 4 der Richtlinie heißt es: „Die Mitgliedstaaten gewährleisten, dass, wo immer dies möglich ist, anstelle eines Verfahrens eine wissenschaftlich zufrieden stellende Methode oder Versuchsstrategie angewendet wird, bei der keine lebende Tiere verwendet werden.“ Das bedeutet, dass Versuche mit humanen embryonalen Stammzellen Tierversuche künftig überall dort ersetzen könnten, wo dies von der nationalen Gesetzgebung nicht ausdrücklich verboten ist. Tierversuche werden in der Forschung etwa bei der Entwicklung von Medikamenten sowie zur Einschätzung der chemischen Toxizität und der Verträglichkeit von Produkten wie Kosmetika, Lebensmittelzusatzstoffe oder Gifte wie Pestizide, die in der Landwirtschaft zu Einsatz kommen, für den Menschen durchgeführt.

Die Europäische Bischofskonferenz (COMECE) hatte sich im Vorfeld der Abstimmung besorgt über die Richtlinie gezeigt und gefordert, dass Tests mit humanen embryonalen Stammzellen nicht als Ersatz für Tierversuche gelten dürften. Die COMECE erklärte, sie befürworte das grundsätzliche Ziel der Richtlinie. Zugleich müsse aber an die „grundlegend unterschiedliche Würde von Tieren und Menschen“ erinnert werden.

Hintergrund für die Besorgnis der Bischöfe ist ein Bericht der Europäischen Kommission mit dem Titel „Alternative Testmethoden – Forschungsbericht 2009“ In ihm finden sich Beispiele für alternative Methoden zu Tierversuchen, die alle derzeit noch entwickelt und mit Geldern aus dem EU-Forschungsrahmenprogramm gefördert werden. Fünf von 21 Strategien machen dabei von embryonalen Stammzellen Gebrauch. Befürworter der Richtlinie verweisen dagegen darauf, dass keine dieser Strategien bislang zugelassen worden sei und sprechen von einer „hypothetischen Debatte“.

Die Berichterstatterin, die baden-württembergische Europaparlamentarierin Elisabeth Jeggle (CDU), die den nun verabschiedeten Kompromiss mit dem EU-Ministerrat aushandelte, sprach gestern Mittag von einem „Durchbruch für den Tierschutz“. Es sei gelungen, den Schutz von VersuchStieren zu verbessern und den Forschungsstandort Europa zu erhalten. „Die medizinische Erforschung schwerer Krankheiten“ sei „weiter möglich“. Zugleich werde verhindert, dass Forschungsprojekte in Staaten verlagert würden, die der Europäischen Union nicht angehörten und „geringere Tierschutzanforderungen“ besäßen.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Peter Liese (CDU), lobte die neue Tierversuchsrichtlinie als „ausgewogenen Kompromiss zwischen dem Tierschutz und der medizinischen Forschung und damit den Interessen der Patienten“ Als „unbefriedigend“ bezeichnete Liese die Frage, wie im Konfliktfall mit embryonalen Stammzellen umgegangen werden soll. Der CSU-Europaabgeordnete Martin Kastler, der auch stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Bioethik der EVP-Fraktion ist, kritisierte: „Die Frage der Menschenwürde bei alternativen Versuchsmethoden“ sei „nicht ausreichend berücksichtigt worden“. Kastler: „Leider ist derzeit in einigen wenigen Fällen die einzige Alternative zum Tierversuch die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen. Ich halte es für falsch, wenn die Europäische Union hier die Alternative embryonale Stammzellen auferlegt.“ Deutschland habe damit „wahrscheinlich kein Problem“, da embryonale Stammzellforschung hierzulande grundsätzlich verboten und nur in Ausnahmefällen erlaubt sei. Länder, „wie Polen und oder die Slowakei, die keine klare Gesetzgebung haben“, könnten aber Probleme bekommen.

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