Stabwechsel in Angola

Langzeitpräsident José Eduardo dos Santos tritt ab – Ändern wird das wenig. Von Carl-Heinz Pierk
Wahl in Angola
Foto: dpa | Voraussichtlich Angolas neuer Präsident: Verteidigungsminister Joao Lourenço.

Es dürfte nicht so leicht sein, Barmherzigkeit im Kugelhagel zu praktizieren. Doch die Klarissenschwestern von Malanje im Norden Angolas haben genau das getan: Im jahrzehntelangen Bürgerkrieg geriet ihr Kloster mehrmals zwischen die Fronten. „Während das Kloster angegriffen wurde, mussten wir uns im Backofen verstecken, um nicht erschossen zu werden“, berichtete die aus Spanien stammende Oberin Schwester Maria del Carmen Reinoso gegenüber dem Hilfswerk „Kirche in Not“. Noch heute seien die Hauswände mit Einschusslöchern übersät. „Es ist ein Wunder, dass wir überlebt haben.“ Flucht kam den Schwestern nie in den Sinn: „Wir haben immer ausgeharrt“, betonte Schwester Maria del Carmen. „Als kontemplative Ordensfrauen haben wir getan, was wir konnten: um Frieden und für die Opfer beten.“

Der mit dem Handel von Diamanten und Öl finanzierte Bürgerkrieg war nach der Unabhängigkeit von der portugiesischen Kolonialherrschaft 1974 ausgebrochen und dauerte mit Unterbrechungen bis 2002. Der Krieg zwischen der MPLA (Volksbewegung für die Befreiung Angolas) und den Rebellen der UNITA (Nationalunion für die volle Unabhängigkeit Angolas) wurde von der Sowjetunion und Kuba, auf der Seite der Rebellen von Südafrika und den USA unterstützt. Es war der erste und schwerste Stellvertreterkrieg auf dem afrikanischen Kontinent – auch mit bizarren Folgen: Kubanische und angolanische Regierungssoldaten schützten amerikanische Ölförderanlagen vor Angriffen von wiederum durch die Amerikaner unterstützten UNITA-Truppen.

Nach den Geschehnissen der Anfangsjahre verschwand das internationale Interesse am angolanischen Krieg bis zur Schlacht von Cuito Cuanavale, einer der größten Kampfhandlungen 1988 auf dem afrikanischen Kontinent. Etwa 20 000 Soldaten und Zivilisten kamen dabei ums Leben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Abzug der kubanischen Truppen wandte sich die seit 1975 regierende MPLA vom Marxismus ab und ließ Anfang der 90er Jahre ein Mehrparteiensystem zu. Der in der Schweiz promovierte UNITA-Führer Jonas Savimbi zweifelte jedoch den Wahlsieg der MPLA an, der Bürgerkrieg ging weiter – mit Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Als Savimbi im Alter von 67 Jahren am 22. Februar 2002 bei einer Militäroperation der Regierungstruppen mit Gefolgsleuten in der Provinz Moxico in einen Hinterhalt geriet und bei einem Feuergefecht getötet wurde, sah sich die ohnehin geschwächte Rebellentruppe mit ihrem schwarzen Hahn als Emblem zu Friedensgesprächen gezwungen. Die neue Führung formierte sich zu einer politischen Partei und ließ sich entwaffnen.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs erlebte das südwestafrikanische Land einen beispiellosen Wirtschaftsboom, dank reicher Ölvorkommen. Man nannte sich stolz das „Kuwait Afrikas“, die Hauptstadt Luanda wurde zur teuersten Stadt der Welt, mit pompös glitzernden Hochhäusern an der Meerespromenade. Doch von dem Boom ist bei der Bevölkerung kaum etwas angekommen. Ein Drittel der Angolaner lebt in großer Armut. Defizite zeigt auch das Demokratiemodell auf. Die UNITA als größte Oppositionspartei galt bei der jüngsten Parlamentswahl vom Mittwoch als chancenlos. Die Regierungspartei dominierte den vierwöchigen Wahlkampf.

An einer Mehrheit für die MPLA-Partei des scheidenden Präsidenten José Eduardo dos Santos gab es bereits vor der Abstimmung kaum Zweifel. Der schwerkranke Langzeitpräsident trat nicht mehr an. Der 74-jährige Dos Santos war seit dem 20. September 1979 Präsident der früheren portugiesischen Kolonie und damit der dienstältesten Staatschefs Afrikas – nach Äquatorialguineas Langzeitherrscher Teodoro Obiang. Keine Überraschung war es, dass die Wahlkommission die Regierungspartei zur Gewinnerin der Parlamentswahl erklärte. Die MPLA habe vorläufigen Ergebnissen zufolge 64 Prozent der Stimmen erhalten, teilte die Kommission mit. Deren Mitglieder sollen nach dem Wahlgesetz von 2011 eigentlich unabhängig sein. Aber 10 der 17 Mitglieder des Kommissariats wurden von der Regierungspartei bestimmt. In Angola wird der Präsident nicht direkt gewählt, sondern von der Partei mit den meisten Stimmen gestellt. Demzufolge wird aller Voraussicht nach Verteidigungsminister Joao Lourenço (63) Nachfolger von dos Santos. Joao Lourenço soll zwar zu den wenigen Führungskräften gehören, die ihre Finger nicht im Korruptionssumpf schmutzig gemacht haben. Doch vom Verteidigungsminister dürften kaum Reformen zu erwarten sein. Es ist gewiss das Ende einer Ära, doch ändern wird sich trotzdem nicht viel in Angola. Denn José Eduardo dos Santos hat in den letzten Jahren alle wichtigen Positionen im Staat und in den vielen Staatsbetrieben mit Menschen seines Vertrauens besetzt. Das sind vor allem Familienangehörige. Seine Tochter Isabel dos Santos gilt als reichste Frau Afrikas. Der Präsident ernannte sie im vergangenen Jahr zur Chefin des staatlichen Ölkonzerns Sonangol. Heute kontrolliert sie die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Ein neues Gesetz sieht vor, dass Personalentscheidungen des scheidenden Präsidenten nicht angetastet werden dürfen.

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