„Schwarzer Freitag für Frauen und Schutz des Embryos“

„Pille danach“ nicht mehr verschreibungspflichtig – „Christdemokraten für das Leben“ kritisieren Beschluss, Gynäkologen warnen
Foto: dpa | Nach der Entscheidung des Bundesrates soll der rezeptfreie Verkauf der „Pille danach“ ab Mitte März beginnen.
Foto: dpa | Nach der Entscheidung des Bundesrates soll der rezeptfreie Verkauf der „Pille danach“ ab Mitte März beginnen.

Berlin (DT/Re/KNA) Die „Pille danach“ wird künftig ohne Verschreibungspflicht in Apotheken erhältlich sein. Der Bundesrat stimmte am Freitag für die Änderung der Arzneimittelverordnung. Ab Mitte März soll der Verkauf beginnen. Die rezeptfreie Abgabe betrifft vier Präparate: das Ulipristalacetathaltige „ellaOne“, sowie drei weitere levonorgestrelhaltige Präparate. Beide Wirkstoffe verzögern nach Herstellerangaben vor allem den Eisprung, um eine Befruchtung der Eizelle zu verhindern. Kritiker der „Pille danach“ weisen zudem daraufhin, dass eine frühabtreibende Wirkung nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden könne, beim Wirkstoff Levonorgestrel gelte diese als gesichert. Die Präparate sollen künftig in örtlichen Apotheken erhältlich sein und kommerziell nicht beworben werden dürfen. Für Frauen bis zum vollendeten 20. Lebensjahr soll die „Pille danach“ weiterhin kostenlos verfügbar sein. Bedingung ist, dass die Frauen sich die „Pille danach“ beim Arzt verschreiben lassen. Versandapotheken wurden von der Abgabe ohne Rezept ausgenommen, um Missbrauch zu verhindern. Gegen den Versandhandel sprechen demnach die notwendige schnelle Einnahme des Notfallkontrazeptivums binnen Stunden nach dem Geschlechtsverkehr sowie die fehlende Beratung im Netz. Auch ein Kauf auf Vorrat könne beim Internethandel kaum kontrolliert werden.

Die Handlungsempfehlungen der Bundesvereinigung der Apothekerverbände rät den Apothekern, die „Pille danach“ der betroffenen Patientin persönlich und möglichst nicht auf Vorrat zu verkaufen. Bei minderjährigen Kundinnen weisen die Verbände auf die besondere Sorgfaltspflicht hin. Eine Abgabe ist aber laut der Verordnung grundsätzlich an „Frauen im gebärfähigen Alter“ rechtens. Die endgültige Verkaufsentscheidung liegt daher beim Apotheker.

Die Verbände der Frauenärzte und Fortpflanzungsmediziner kritisieren, dass die Regelung nicht ausreichend vor Missbrauch schütze. Da nach derzeitigem Stand die „Pille danach“ auch an Dritte verkauft werden dürfe, gebe es in solchen Fällen keine vertrauliche und persönliche Beratung. Gerade nach einem möglichen sexuellen Missbrauch eines Mädchens oder einer Frau etwa innerhalb der Familie oder des Bekanntenkreises sei das ein erhebliches Gefahrenpotenzial für die Betroffenen. Die katholische Kirche lehnt eine rezeptfreie Abgabe grundsätzlich ab und ist zudem strikt gegen jedes Präparat mit abtreibender Wirkung.

Mit scharfer Kritik reagierten die „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) auf die Entscheidung des Bundesrates. CDL-Bundesvorsitzenden Mechthild Löhr sagte am Freitag gegenüber dieser Zeitung: „Das ist ein schwarzer Tag für die Gesundheit der Frauen und den Schutz des Embryos.“ Der Bundesrat sei schon in der vergangenen Legislaturperiode hochmotiviert gewesen, die „Pille danach“ rezeptfrei zu stellen. Nun habe man in dem „Diktat aus Brüssel“ ein „willkommenes Signal“ gesehen, das man bereitwillig aufgegriffen und „schneller als sonst“ umgesetzt habe, beklagte Löhr. Nach einer Entscheidung der Europäischen Kommission, die „Pille danach“ in der EU aus der Verschreibungspflicht zu entlassen, wurde mit der Entscheidung des Bundesrates am Freitag die deutsche Gesetzgebung entsprechend angepasst. Der Bundestag hatte unlängst die Aufhebung der Rezeptpflicht beschlossen.

In einem Brief an Gröhe hatten die „Christdemokraten für das Leben“ erst kürzlich davor gewarnt, die Verschreibungspflicht aufzuheben. Die CDL verwies auf die „ungesicherte, mehr als dürftige“ wissenschaftliche Datenlage zur Wirkweise. Zudem sei nicht zweifelsfrei widerlegt, dass auch eine nidationshemmende und damit frühabtreibende Wirkung der „Pille danach“ bestehe. Für den Wirkstoff Levonorgestrel (LNG) gelte die frühabtreibende Wirkung vielmehr als gesichert, heißt es in dem Schreiben. Die „Pille danach“ sei ein „hochdosiertes hormonelles Mittel, dessen Einnahme mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden ist.“ Sowohl die Hormonbelastung als auch die Risiken und Nebenwirkungen würden von den Befürwortern heruntergespielt, kritisierte die CDL.

Auch mehrere Gynäkologen-Verbände hatten vor der Bundesratsabstimmung mit Nachdruck vor der Rezeptfreiheit der „Pille danach“ gewarnt. Wie die dpa berichtete, hatten der Berufsverband der Frauenärzte, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF) deswegen einen Brief an Gesundheitsminister Gröhe geschickt. Darin heißt es nach dpa-Angaben, mit dem künftig rezeptfreien Kauf in Apotheken sei zu befürchten, dass Frauen nicht oder nicht ausreichend beraten würden. „Eine fehlerhafte Beratung erhöht jedoch die Gefahr unerwünschter Schwangerschaften dramatisch.“ Die Frauenärzte warnen davor, dass „die – weltweit niedrigste – Rate von Schwangerschaftsabbrüchen bei Teenagern in Deutschland als Folge einer lückenhaften Aufklärung künftig ansteigen könnte“.

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