Scharfe Kritik an Familienbegriff der EKD

Präses Schneider um Schadensbegrenzung bemüht – Katholische Bischöfe alarmiert – Heftige Kontroverse unter Protestanten

Berlin (DT/KNA/dpa/idea) Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat Kritik am neuen Familienpapier der EKD zurückgewiesen. Es gebe weder einen Kurswechsel, noch verabschiede sich die EKD vom Ideal der auf Dauer angelegten Ehe, behauptete Schneider gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ (Freitag). Allerdings solle künftig nicht mehr der Status einer Beziehung zählen, sondern deren Qualität. Der moralisch erhobene Zeigefinger habe in der Vergangenheit viel Leid gebracht, so der Ratsvorsitzende. Die katholische Kirche hatte die am Mittwoch in Berlin vorgestellte „Orientierungshilfe“ der EKD scharf kritisiert. Familienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst warf der evangelischen Kirche eine „Relativierung der lebenslang in Treue gelebten Ehe“ vor. Problematisch sei auch, dass dem Text ein „sehr einseitiger Gerechtigkeitsbegriff“ zugrunde liege. „Familie ist viel mehr als nur die Verteilung von Verantwortungslasten“, betonte Tebartz-van Elst (siehe Interview Seite 4).

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, warnte davor, Ehe und Familie mit anderen Lebensformen gleichzustellen. Das neue EKD-Papier erwecke den Eindruck, „alles ist möglich, und alles ist irgendwie gleichwertig“. Glück hob hervor: „Wenn die Positionen der Kommission die offizielle Leitlinie der Evangelischen Kirche werden, erschwert dies die Zusammenarbeit bei den anstehenden familienpolitischen Aufgaben und Entscheidungen sehr. Die dringlichste Aufgabe ist gegenwärtig, Artikel 6 des Grundgesetzes, den besonderen Schutz von Ehe und Familie, (...) kreativ und entschieden mit neuem Inhalt zu füllen.“

In ihrem Papier rückt die Evangelische Kirche von der lebenslangen Ehe als alleinigen Norm ab und ruft zur Unterstützung auch anderer Lebensformen, etwa homosexuellen Partnerschaften, auf. (siehe DT vom 20. Juni). Auch unter Protestanten wird dies als Kurswechsel verstanden und heftig krisiert. Die stellvertretende Vorsitzende der Kommission, die das Papier im Auftrag des Rates der EKD erarbeitet hat, Soziologin Ute Gerhard, spricht von einem „Kurswechsel“. Die Schrift orientiere sich am „neuen Leitbild einer partnerschaftlichen, an Gerechtigkeit orientierten Familie, das eine Vielfalt unterschiedlicher Formen des privaten Lebens zulässt“. Während die evangelikale Bewegung scharfe Kritik an dem Papier übt, stößt es in der Politik weithin auf positives Echo. Die Vertreterin der Pietisten im Rat der EKD, Tabea Dölker, steht der Orientierungshilfe kritisch gegenüber. „Während der Entstehung des Papiers habe ich immer wieder deutlich darauf hingewiesen, dass ehe- und familienfördernde Orientierung eine andere Ausrichtung braucht als die Nachzeichnung der oft einseitigen aktuellen öffentlichen Debatten“, erklärte sie gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Ehe und Familie stünden unter „Gottes ausdrücklichem Segen und seinem schützenden Gebot“. Mut machen zur Familie heiße Schutz und Förderung der Ehe zwischen Frau und Mann als einem lebenslangen Versprechen.“ Widerspruch kommt auch vom Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Württemberg, die Apis. Nach den Worten seines Vorsitzenden Steffen Kern könnte das Papier verheerend wirken: „Ausgerechnet eine der beiden großen Kirchen macht sich zum Schrittmacher der Kritik an der Ehe.“ In einer der wichtigsten gesellschaftlichen Debatten spiele die EKD damit „eine ungute, äußerst einseitige Rolle“. Auch ökumenisch sei die Veröffentlichung eine Belastung.

Dagegen lobt die Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften, Kerstin Griese, „das moderne Verständnis von Familie der EKD“. Sie grenze nicht aus, sondern begleite Familie auch beim Scheitern und bei Neuaufbrüchen. Die EKD trage so zu einem offenen Umgang mit veränderten Realitäten bei. Ihr Kollege der FDP-Fraktion, Stefan Ruppert, meint: „Die EKD versucht einen neuen Aufbruch in ihrer Familienethik und nimmt den Vorwurf der Diskontinuität sowie die zu erwartende Distanz in der Ökumene und im interreligiösen Dialog in Kauf. Ob die Absage an die traditionellen Tendenzen innerhalb einiger Landeskirchen damit endgültig besiegelt wurde, ist unsicher.“ Die Kirchenbeauftragte der Unions-Bundestagsfraktion, Maria Flachsbarth, nannte das Papier „eine gute Grundlage für die Diskussion dieses wichtigen Themas zwischen den Kirchen und auch einzelnen evangelischen Strömungen und vielleicht sogar im Dialog mit Vertretern anderer Religionen“. (Zum Thema siehe Blickpunkt Seite 2)

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