Satt, sauber, beschäftigt

Die gerade aus den Flitterwochen in die Niederungen des politischen Alltags zurückgekehrte Familienministerin hat einen beachtlichen Vorschlag vorgelegt. Er betrifft die Pflege. Angehörige sollen bis zu zwei Jahre auf Teilzeit (50 Prozent) gehen und dabei 75 Prozent ihres Gehalts beziehen dürfen und danach wieder bei Vollzeit so lange 75 Prozent des Gehalts bekommen, wie sie in Pflegezeit waren. Frau Schröder (vormals Köhler, sie hat ohne Umschweife noch Bindestriche den Namen ihres Mannes angenommen) hat für diesen Vorschlag viel Kritik ernten müssen. Sie ist zum Teil berechtigt, trifft aber nicht den Kern, ist somit Teil der Verfügungs- und Verbesserungsmasse. Denn das Bemerkenswerte des Vorschlags spielt sich auf zwei Ebenen ab, einer praktischen und einer politischen.

Die Kritik betrifft vorwiegend die praktische Ebene. Hier lauten die Einwände: Die Pflege von Angehörigen dauert meist länger als zwei Jahre, sie ist oft halbtags nicht zu bewältigen, sie betrifft in der Regel die Frauen, die dadurch einen Knick in der Erwerbsbiographie erleiden, sie belastet Wirtschaft mit Kosten und Risiken. Es ist richtig, dem Vorschlag fehlt noch der Praxistest. Aber die Einwände spiegeln das typische Anspruchsverhalten im deutschen Sozialstaat wieder: Darf nichts kosten, muss risikolos sein, Vater Staat soll's richten. Pflege jedoch ist keine mathematische Angelegenheit. Sie ist das Summum der Solidarität. Natürlich kann man nach der Devise verfahren „satt, sauber, beschäftigt“, und in der Tat verfahren viele, auch luxuriöse Altersheime nach diesem preußischen Prinzip. Aber dieses Prinzip minimalistischer Humanität findet man auch in Kasernen. Zu mehr ist der Staat nicht in der Lage. Frau Schröder hat expressis verbis einen Begriff genannt, wofür man ihr dankbar sein sollte: Sie sprach von Liebe. Die ist in der Familie zuhause. Natürlich gibt es auch da Verfehlungen und die staatsgläubigen Politiker, angefangen bei Ursula von der Leyen bis hin zu Renate Künast, werden ihre Einzelfälle schon finden, bei denen ältere Menschen in ihren Familien misshandelt wurden. Aber man darf vermuten, dass in weit über neunzig Prozent der Pflegefälle in Familien Liebe und Dankbarkeit die Leitmotive für die Melodien der letzten Jahre bilden. Diese Motive sind nicht bezahlbar. Einsamkeit verfliegt auch dann erst, wenn die Liebe in den Herzen Perspektiven des Lebensmuts freilegt und so Dimensionen der Hoffnung eröffnet. Das ist mit dem Kasernenprinzip „satt, sauber, beschäftigt“ nicht zu machen.

Nun stimmt es, dass Pflege oft länger dauert und liebende Solidarität nicht auf ein paar Stunden zu begrenzen ist. Hier ist eine Schwachstelle des Vorschlags, man könnte aber auch sagen, eine Stellschraube. Hier muss der Vorschlag flexibler gestaltet werden und wird, auch das lässt sich ohne Prophetengabe vorhersagen, auf den Widerstand der Wirtschaft stoßen. Denn flexibler heißt, dass man dem Erwerbsberuf auch weniger oder mehr Stunden nachgehen können sollte; es wäre also so etwas wie ein Zeitkonto einzurichten – und das kostet. Manche Firmen führen indes schon solche Zeitkonten für ihre jungen Mitarbeiter, die sich dann für ein halbes Jahr verabschieden, um auf eine Weltreise zu gehen. Das motiviert, das finden alle toll. Wenn jemand aber auf eine „Pflegereise“ geht, legt sich bei manchem Kollegen die Stirn in mitleidsvolle Sorgenfalten. Niemand bedenkt, dass auch die „Welt der Sorge“ (Norbert Bolz) kleine Entdeckungen bereithält, die das Leben selbst der Pflegenden erfüllen können. Erfolg misst sich eben nicht nur in Karrieresprüngen, sondern vor allem in Erfüllung. Das hat viel mit Emotionen zu tun. Aber das ist von den meist ich-bezogenen Karrieristen in Politik und Medien kaum nachzuvollziehen. Frau Schröder ist hier auf dem richtigen Weg. Es ist zu hoffen, dass sie sich von den Bedenkenträgern im Berliner Establishment nicht entmutigen lässt.

Diese Hoffnung ist nicht unberechtigt. Hier beginnt die genuin politische Ebene. Zum Widerstand der Wirtschaft wird sich das Gemecker der Radikalfeministinnen gesellen. Frau Künast hat ihr langweiliges Mantra von der Fesselei an Heim und Herd schon über den kleinen Zaun ihrer engen Welt hinausgemeckert. Das sind reaktionäre Lautstöße aus der Vergangenheit. Frau von der Leyen wird es geschickter machen, und sie hat schon gemerkt, dass ihre Nachfolgerin wieder Begriffe verwendet, die sie in den letzten Jahren sorgsam vermieden hat, zum Beispiel den Begriff der Wahlfreiheit oder eben den der Liebe. Sie ist jetzt auf dem Feld, das sie de facto aus dem Familienministerium beackerte: Die Arbeitsmarktpolitik. Dort tummeln sich die Sozialstaatsmechaniker. Für die Pflege braucht es mehr. Auch für die Familie braucht es mehr. Die üblichen Konzepte der Ganztagsfremdbetreuung, sei es in Kinder- oder Altenkrippen, offenbaren ein Schubladendenken, das weder dem Kleinkind noch dem älteren Menschen gerecht wird, schon weil es die Herzensbindung ausklammert. Das Wohnzimmer des Humanum bleibt die Familie. Das scheint Frau Schröder zumindest zu ahnen. Sie versucht in der Pflege die Institution zu stärken, die das am besten – und billigsten – kann: die Familie. Wenn man jetzt die Elternzeit mit dem Pflegemodell verbände, dann käme man zu einem Konzept, das manche Verbände schon lange fordern: Einen Erziehungs-und Pflegelohn. Das wäre systemisches, umfassendes, zukunftsträchtiges Denken. Bis dahin ist vermutlich auch für Frau Schröder der Weg noch ziemlich lang.

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