Religionsfreiheit stark bedroht

„Kirche in Not“ legt Report vor – Hyper-Extremismus neues Phänomen – Aber auch: Positiver Trend in islamischen Mehrheitsgesellschaften
Minarett und Kirche
Foto: dpa | Das friedliche Nebeneinander von Islam und Christentum – hier symbolisiert durch die Kirchturmspitze der Liebfrauenkirche (r.) und das Minarett der Yavus Sultan Selim Moschee in Mannheim – ist, global ...
Minarett und Kirche
Foto: dpa | Das friedliche Nebeneinander von Islam und Christentum – hier symbolisiert durch die Kirchturmspitze der Liebfrauenkirche (r.) und das Minarett der Yavus Sultan Selim Moschee in Mannheim – ist, global ...

München (DT/KIN) Religiöser Fundamentalismus tötet, zerstört und macht heute Menschen heimatlos in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) heute veröffentlicht hat. Der „Bericht zur Religionsfreiheit weltweit 2016“ warnt vor den globalen Auswirkungen „eines neuen Phänomens religiös-motivierter Gewalt“, die in dem Bericht als „islamistischer Hyper-Extremismus“ bezeichnet wird.

Zu den zentralen Merkmalen dieser neuen Dimension von Extremismus gehören systematische Versuche, alle andersdenkenden Gruppen zu vernichten oder zu vertreiben, die nicht mit den Anschauungen der Extremisten konform gehen, darunter auch Angehörige derselben Religion (Gemäßigte und Anhänger anderer Traditionen), die grausame Behandlung der Opfer sowie die Nutzung modernster sozialer Medien, besonders zur Rekrutierung von Anhängern und zur Einschüchterung von Gegnern durch Zurschaustellung von extremer Gewalt.

Diese Faktoren bedrohen den Weltfrieden. In den vergangenen zwei Jahren habe es in jedem fünften Land der Welt Anschläge gegeben, die mit Hyper-Extremismus in Verbindung zu bringen sind – von Australien bis Schweden sowie in 17 afrikanischen Ländern. Die Autoren des Berichts schließen sich den Forderungen an, die Verfolgungen religiöser Minderheiten durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ als Völkermord einzustufen und warnen vor einem breit angelegten Versuch, Pluralismus durch eine religiöse Monokultur zu ersetzen. Der Bericht über die Beachtung der Religionsfreiheit in 196 Ländern der Welt kommt zu dem Ergebnis: „In Teilen des Nahen Ostens, einschließlich Irak und Syrien, eliminiert dieser Hyper-Extremismus alle Formen religiöser Vielfalt. Es besteht die Gefahr, dass dies auch in Teilen Afrikas und Asiens geschieht.“

Jacques Mourad, Ex-Geisel des IS, verfasste das Vorwort

Das Vorwort zum Bericht verfasste die frühere IS-Geisel Pater Jacques Mourad aus Syrien. Fünf Monate wurde er vom IS gefangen gehalten, bis er im Oktober 2015 fliehen konnte. Pater Mourad schreibt: „Unsere Welt steht am Abgrund einer völligen Katastrophe, da der Extremismus alle Spuren der Vielfalt in der Gesellschaft auszulöschen droht.“ Und weiter: „Wenn wir den Kreislauf der Gewalt, der unsere Welt zu verschlingen droht, durchbrechen wollen, müssen wir Krieg durch Frieden ersetzen. In der heutigen Zeit ist es dringender denn je erforderlich, religiösen Hass und persönliche Interessen beiseitezuschieben und zu lernen, einander zu lieben, so wie es uns auch unsere Religionen lehren.“ Denn wenn die Religion eines lehre, dann sei das „der Wert des Menschen und das Erfordernis, dass ein jeder den anderen als ein Geschenk Gottes achtet“.

Der alle zwei Jahre veröffentlichte Bericht stützt sich auf Untersuchungen von Journalisten, Wissenschaftlern und Seelsorgern. Entgegen der weitläufig vertretenen Ansicht, dass in der Regel die Regierungen für Verfolgung religiöser Minderheiten verantwortlich sind, sieht der Bericht die Schuld bei nicht-staatlichen militanten Gruppen in zwölf der 23 am stärksten betroffenen Länder. Angesichts von Flüchtlingszahlen in einer neuen Rekordhöhe von 65,3 Millionen benennt der Bericht den extremistischen Islamismus als treibende Kraft der massiven Vertreibung, wie etwa in Afghanistan, Somalia und Syrien.

Die Religionsfreiheit sei aber nicht nur durch den militanten Islamismus bedroht. So werde aus China und Turkmenistan über ein „erneutes hartes Durchgreifen“ gegen religiöse Gruppen berichtet sowie über eine fortwährende Missachtung der Menschenrechte für Gläubige in Nordkorea und Eritrea. In den Ländern mit den schwerwiegendsten Verstößen – darunter Nordkorea und Eritrea – werde die Religionsausübung weiterhin mit der vollständigen Verweigerung von Rechten und Freiheiten bestraft – zum Beispiel in Form von langfristiger Inhaftierung ohne faires Verfahren, Vergewaltigung und Mord.

Der Bericht hält auch positive Befunde bereit

Der Bericht zur Religionsfreiheit umfasst auch erfreuliche Nachrichten. So hätten religiöse Minderheiten in Bhutan, Ägypten und Katar in den letzten beiden Jahren bessere Möglichkeiten bekommen, ihren Glauben zu praktizieren. Auch setzten Islamische Mehrheitsgemeinschaften dem Phänomen des Hyper-Extremismus zunehmend öffentliche Stellungnahmen und andere Initiativen entgegen, mit denen sie die Gewalt und deren Urheber verurteilten.

Der „Bericht zur Religionsfreiheit weltweit 2016“ kann online eingesehen und kostenlos heruntergeladen werden unter: www.religionsfreiheit-weltweit.de. Eine Zusammenfassung des Berichts kann für einen Euro zzgl. Versandkosten bei „Kirche in Not“ in München bestellt werden. Das 32-seitige Heft trägt den Titel: „Religionsfreiheit weltweit. 2014–2016. Ein Überblick“.

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