Erfurt

Ramelow und Neymeyr: Ziemlich beste Freunde

Plauderei am Kamin: Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr trifft auf den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow von der Linkspartei. Es geht um „Heimat im Umbruch“.

Ramelow im Gespräch mit Bischof Neymeyr
Ministerpräsident Bodo Ramelow und der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr verstanden sich gut bei ihrem Kamingespräch. Organisiert wurde es von der Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Foto: DT/ Youtube

Die Stimmung ist entspannt und friedlich, die Gesprächspartner lassen einander ausreden. Der Geistliche und der Politiker sehen sich immer wieder an, gegen Schluss des Gesprächs lacht der Bischof herzlich über einen Witz des Linken-Abgeordneten. Bodo Ramelow betont, er und Bischof Neymeyr haben sich „fest im Blick“, da sie in etwa gleichzeitig ihre Ämter angetreten hätten. Im Gegensatz zu den tagespolitischen Diskussionen geht es dem Ministerpräsidenten von Thüringen, dem Bischof von Erfurt und der Moderatorin Claudia Nothelle bei dem Kamingespräch zum Thema „Heimat im Umbruch“ nicht nur darum, ihre Argumente loszuwerden, sondern hören einander zu. Das könnte auch daran liegen, dass „wir uns hier alle sehr einig sind“, wie die Professorin der Uni Magdeburg und TV-Journalistin Claudia Nothelle zum Thema DDR und Wiedervereinigung feststellt. Besonders Ramelow zeigt sich fasziniert von dem Fall der Berliner Mauer: „Dass die Leute durch Beten und mit Lichtern Umbruch gebracht haben, gab es kein zweites Mal.“

Auf Youtube geht es nicht so friedlich zu

Doch in den Youtube-Kommentaren der Live-Übertragung von der theologischen Fakultät Erfurt geht es nicht so friedlich zu. So schreibt ein Zuhörer im Bezug auf Offenheit für Veränderung: „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht. Es ist grauenhaft, diese Heuchler zu hören.“ Eine Frau mit dem Youtube-Kanal-Namen „Wahrheit“ meinte zum Thema Flüchtlinge, man solle die Heimat dort finden, wo man herkomme. Im Jahr 2015 hat der Bischof auch vermehrt Post bekommen, in denen die Bewohner Thüringens sich beklagten. „Unsere Heimat hat sich in den 90er Jahren komplett verändert. Wir können und wollen das nicht noch einmal machen.“ Der Bischof verstehe zwar deren Bedenken und bezeichnete die Leistungen der ehemaligen DDR-Bewohner in der Umbruchsphase als „großartig“, habe aber auch Mitleid mit allen, die ihre Heimat verlassen müssen: „Es schmerzt mich, dass jugendliche Flüchtlinge zum Spielball der EU-Politik geworden sind“, so Neymeyr.

Dass ein katholischer Bischof und ein linker Politiker ein so freundschaftliches Gespräch führen, stößt unter den Zuschauern teilweise auf Widerstand, auch die Moderatorin betont, dass bestimmt Einige ein Problem damit hätten. „Viele Katholiken tun sich schwer damit, besonders jene, die unter der SED litten“, stimmt der Erfurter Bischof zu. Er rechne es Ramelow jedoch hoch an, dass er sein Amt als Ministerpräsident überparteilich ausübe. Er sehe den 64-Jährigen in erster Linie als Amtsträger, außerdem könne er mit dem Politiker Probleme der Kirche gegenüber der Linken kritisch diskutieren.  Ob er das mit einem Ministerpräsidenten der AfD wohl auch tun würde, ist zu bezweifeln: Während einer Demonstration der rechten Partei schaltete der Bischof das Licht im Erfurter Dom ab. In einem Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur im November 2015 hatte Bischof Neymeyr etwa festgestellt, bei AfD-Kundgebungen seien Äußerungen über ihn und die Kirche gefallen, „die erst einmal zwischen uns stehen“.

Vielen sehen die Plauderei kritisch

Claudia Heber, Sprecherin des Katholischen Arbeitskreises in der CDU Thüringen, sieht die Plauderei zwischen Bischof und dem Linkspartei-Politiker kritisch: „Dieser Ministerpräsident vertritt die Partei, die dieses damals überwundene Unrechtsregieme getragen und ermöglicht hat. Und so ein Gespräch über ,Gott und die Welt' in der Nähe eines solchen Datums und Ereignisses, ohne es auch nur einmal zu erwähnen, zeugt nicht unbedingt von politischem Fingerspitzengefühl“, erklärte sie gegenüber dieser Zeitung. Es werde völlig ausgeblendet, „dass hinter dem Machtapparat und dem Alleinvertretungsanspruch der SED eine Ideologie steht, die diese Partei bis heute nicht abgelegt hat und Bodo Ramelow ist das Aushängeschild dieser Partei. Auch wenn er sich gern als Eigenmarke sieht. Darüber hätte man sprechen können.“ Hebers Bilanz: „Natürlich zieht es gerade Christen an, wenn eine Partei sich vehement als Anti-Kriegspartei feiert. Die Wahrheit ist aber, dass die Linke den Austritt aus der NATO fordert und damit humanitäre Hilfe ablehnt und auf der anderen Seite autokratische Systeme hofiert.“. Für Heber ist klar: „ Nein, die Linke ist mehr als die netten Erzählungen des Ministerpräsidenten und ich wünsche mir, dass auch meine Kirche hinter diese Fassade schaut und kritische Fragen stellt.“

Der  Bischof und der Ministerpräsident sprachen auch über aktuelle kirchenpolitische Fragen verbunden mit einem Lob für die Bedeutung von Minderheiten. Gerade in einem Bundesland, in dem ein Katholik der Minderheit angehört und von Nicht-Gläubigen umgeben ist, empfindet etwa der Bischof große Aufgeschlossenheit und Toleranz von Konfessionslosen. Auch Ministerpräsident Ramelow sieht Minderheiten als eine Stärke an: Sie seien feinfühliger für gefährliche Entwicklungen, da sie anders denken würden als die große Masse und diesen gefährlichen Entwicklungen oft ausgesetzt seien, wie beispielsweise immer wieder die Juden.  Deswegen loben beide die neue Enzyklika „Fratelli tutti“ und dass der Papst sich gerade jetzt für mehr Brüderlichkeit und Nächstenliebe ausspreche. Ramelow bezeichnete es als „bedeutsam“, dass der Papst als religiöser Vertreter politisch das Wort ergreife. Das Fazit nach gut zwei Stunden Gespräch von Moderatorin Claudia Nothelle:   „Unsere Heimat ist im Himmel. Wir können diese Heimat aber auch hier erfahrbar machen.“