Mainz/Würzburg

Pro und Contra: Sind Atomwaffen immer unmoralisch?

Papst Franziskus will den Besitz von Atomwaffen ächten und im Katechismus festschreiben. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf unterstützt den Vorstoß des Papstes. Der emeritierte Professor Manfred Spieker meint dagegen: Der Katechismus ist nicht der Ort, über Fragen der Militärstrategie zu entscheiden.

Sind Atomwaffen immer ummoralisch?
Papst Franziskus will schon den Besitz von Atomwaffen ächten und im Katechismus festschreiben. Das hat er im November 2019 auf dem Rückflug aus Japan angekündigt. Foto: dpa, stock.adobe.com

Am 6. August warfen die Amerikaner die erste Atombombe auf Hiroshima. Am 9. August wurde auch Nagasaki angegriffen. Hunderttausende starben. 75 Jahre später übertrifft die Zerstörungskraft heutiger Atombomben die damaligen um ein Vielfaches. Papst Franziskus will deshalb schon den Besitz von Atomwaffen ächten und im Katechismus festschreiben. Das hat er im November 2019 auf dem Rückflug aus Japan angekündigt.

Wörtlich sagte er: "Die Verwendung von Nuklearwaffen ist gegen die Moral   das muss in den Katechismus der Katholischen Kirche kommen  , und nicht nur die Verwendung, sondern auch der Besitz, denn ein Unfall wegen eines solchen Besitzes oder die Verrücktheit irgendeines Regierenden, die Verrücktheit von irgendjemandem kann die ganze Menschheit zerstören." Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz und Präsident der katholischen Friedensbewegung "pax christi", unterstützt den Vorstoß des Papstes. Franziskus folge der Bergpredigt. Manfred Spieker, emeritierter Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Osnabrück, hält dagegen. Er meint: Der Katechismus ist nicht der Ort, über Fragen der Militärstrategie zu entscheiden.

 

Ja. Denn Abschreckung gründet auf Angst. 
Daraus entsteht kein Friede   
Von Bischof Peter Kohlgraf

Aus tiefer Überzeugung möchte ich bekräftigen, dass der Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken heute mehr denn je ein Verbrechen ist, nicht nur gegen den Menschen und seine Würde, sondern auch gegen jede Zukunftsmöglichkeit in unserem gemeinsamen Haus. Der Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken ist unmoralisch, wie ebenso der Besitz von Atomwaffen unmoralisch ist ( )." Mit diesen Worten hat Papst Franziskus im November 2019 am Friedensdenkmal in Hiroshima vor den Augen der Weltöffentlichkeit den Besitz von Atomwaffen für unmoralisch erklärt - und damit zugleich der Politik der nuklearen Abschreckung eine Absage erteilt.

Bereits Johannes XXIII. forderte ein Verbot von Atomwaffen

Die katholische Friedenslehre lehnt den Einsatz von Massenvernichtungswaffen kategorisch ab. Dies stand nie in Zweifel. Bereits Johannes XXIII. forderte ein Verbot von Atomwaffen ("Pacem in terris" 60). "Gaudium et spes" spricht von der Gefahr, dass "wissenschaftliche Waffen" ihren Besitzern die Mittel zu einer verbrecherischen Kriegsführung in die Hände geben (GS 80,4); der Katechismus, der dies aufgreift, nennt ausdrücklich atomare (sowie biologische und chemische) Waffen (2314). Die atomare Abschreckungsstrategie galt allenfalls unter Vorbehalt als vertretbar, insofern sie die Verhütung eines Krieges zum Ziel hat. Sie war geduldet als Übergangslösung, gebunden an die Verpflichtung der Regierungen, ernsthaft nach der Überwindung dieses fragilen Sicherheitskonzepts zu streben und den Weg der Abrüstung und des Aufbaus einer Weltordnung zu beschreiten, die den Verzicht auf Atomwaffen möglich macht.

Wenn Papst Franziskus den Besitz von Atomwaffen und die atomare Abschreckungsstrategie verurteilt, dann nimmt er diese Bedingungen ernst. Er trägt der Erkenntnis Rechnung, dass das Abschreckungssystem allenfalls eine labile, stets bedrohte Sicherheit hervorgebracht hat, die weit entfernt ist von Frieden als einem "Werk der Gerechtigkeit" (Jes 32, 17). Das Vernichtungspotenzial der Atomwaffen ist letztlich nicht zu kontrollieren. Die Abrüstungsbemühungen der Vergangenheit waren nur von begrenztem Erfolg. Wir erleben die Auflösung der Architektur der nuklearen Abrüstung und Rüstungskontrolle, ein neues Wettrüsten zeichnet sich ab. Und schließlich: Die Abschreckungsstrategie gründet auf Angst und Misstrauen, auf einer Logik, die keinen echten Frieden ermöglicht: "Wie können wir Frieden anbieten, wenn wir beständig die Drohung eines Atomkrieges als legitimes Mittel zur Konfliktlösung einsetzen?", fragt der Papst in Hiroshima. An ihre Stelle muss eine "globale Ethik der Solidarität" treten, eine Friedenslogik, die getragen ist von Dialog, Vertrauen und der gemeinsamen Verantwortung für die Menschheit.

Richtschnur der kirchlichen Friedenslehre ist die Bergpredigt

Richtschnur der kirchlichen Friedenslehre ist die Bergpredigt mit ihrem Gebot der Gewaltlosigkeit und der Feindesliebe. Über weite Strecken ist die Auslegungsgeschichte der Bergpredigt jedoch eine Geschichte der Anpassung an die Realität einer von Sünde geprägten Welt - wobei sich die Frage stellt, warum manche Weisung als unbedingt gültig angesehen wird, während andere voll Verständnis für die sündhafte Begrenztheit der Welt "entschärft" werden. Auch die kirchliche Lehre von Krieg und Frieden ist ein Stück Realpolitik. Vielleicht gibt es tatsächlich Haltungen, die sich erst in der Vollendung des Reiches Gottes erfüllen. Ich bin Papst Franziskus dankbar, dass er mit seinem Eintreten gegen Atomwaffen und Abschreckungspolitik und für eine Logik des Friedens, sich von den Prinzipien der Bergpredigt leiten lässt. Er erinnert eindrücklich daran, dass Jesus seine Worte ernst meint, und sucht nach Wegen, sie in unserer Welt Wirklichkeit werden zu lassen.

 

Nein. Bei Abschreckung können Christen 
unterschiedlicher Meinung sein   
Von Manfred Spieker

Leben und Freiheit der Bürger gegen einen Angriff mit Waffen zu verteidigen, gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben staatlicher Gewalt. Daran hat die Soziallehre der katholischen Kirche, vom Römerbrief des Apostels Paulus über Augustinus und Thomas von Aquin bis zum II. Vatikanischen Konzil, nie gezweifelt. Auch Papst Franziskus hat sich in der Pressekonferenz auf dem Rückflug von Japan nach Rom am 26.11.2019 zu dieser Aufgabe bekannt.
Damit eine Verteidigung mit Waffen legitim ist, muss sie eine Reihe von Bedingungen erfüllen, die in der Lehre vom "bellum iustum" zusammengefasst sind, die der Katechismus der Katholischen Kirche (2309) bestätigt hat. Sie muss unter anderem den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit beachten, also das Schadensrisiko einer militärischen Verteidigung gegen das Schadensrisiko einer hingenommenen Aggression abwägen. Sie muss gewährleisten, dass die Wirkung der eingesetzten Waffe kontrollierbar und die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten möglich bleibt.

Gebunden an die Intention der Kriegführenden

Eine Verteidigung mit strategischen Atomwaffen, die über bewohnten Gebieten eingesetzt werden, würde diesen Bedingungen nie entsprechen. Das gilt auch für den Einsatz chemischer, biologischer und vieler herkömmlicher Waffen, die im Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten der Kriegsgegner zur Zerstörung vieler Städte führten. Das Konzil hat die Verurteilung des Krieges deshalb nicht an die Waffengattung, sondern an die Intention der Kriegführenden gebunden: "Jede Kriegshandlung, die auf die Vernichtung ganzer Städte oder weiter Gebiete und ihrer Bevölkerung unterschiedslos abstellt, ist ein Verbrechen gegen Gott und gegen den Menschen, das fest und entschieden zu verwerfen ist."

Denkbar ist aber eine Verteidigung mit taktischen Atomwaffen, die zielgenau eingesetzt werden und die Beachtung der Kriterien einer gerechten Verteidigung nicht von vornherein ausschließen. Sie muss sich allerdings immer des Risikos einer katastrophalen Eskalation bewusst bleiben. Die Beurteilung, ob alle Bedingungen einer gerechten Verteidigung vorliegen, kommt, so der Katechismus der Katholischen Kirche, "dem klugen Ermessen derer zu, die mit der Wahrung des Gemeinwohls betraut sind" (2309).

Das Konzil verurteilt Besitz von Atomwaffen nicht

Das Konzil hat zwar erklärt, dass die Entwicklung der "wissenschaftlichen Waffen" dazu zwinge, die Frage des Krieges mit einer ganz neuen inneren Einstellung zu prüfen. Aber es hat den Besitz von Atomwaffen, so die deutschen Bischöfe in ihrem Hirtenbrief "Gerechtigkeit schafft Frieden" 1983, nicht verurteilt und die sittliche Beurteilung der nuklearen Abschreckung offengelassen.

Es gibt Fragen, in denen Christen bei gleicher Gewissenhaftigkeit ihres Glaubens zu unterschiedlichen Antworten kommen können. Eine solche Frage war Anfang der 80er Jahre die Nachrüstung der NATO mit nuklearen Mittelstreckenraketen. In dieser Kontroverse führten die amerikanischen Bischöfe in ihrem Hirtenbrief zum Frieden 1983 eine wichtige Unterscheidung ein zwischen Urteilen zu moralischen Prinzipien einerseits, die für Katholiken verpflichtend sind, und Aussagen zu konkreten Fragen, sogenannte "prudential judgements", andererseits, die auf Bedingungen beruhen, "die sich ändern können oder die von Menschen guten Willens unterschiedlich interpretiert werden können". Christen können zu konkreten Fragen der Rüstungstechnologie und der Militärstrategie unterschiedlicher Meinung sein.

Frieden durch politische und kulturelle Kooperation

Der Katechismus ist nicht der geeignete Ort, um Fragen der Rüstungstechnologie oder der Militärstrategie zu entscheiden. Aufgabe der Kirche ist es vielmehr, einerseits die Staaten an ihre Pflicht zu erinnern, Konflikte nicht militärisch, sondern diplomatisch zu lösen und den Frieden nicht allein durch Abschreckung, sondern durch politische, ökonomische und kulturelle Kooperation zu sichern und andererseits alle Menschen daran zu erinnern, dass wir den Frieden in der Welt allein durch menschliche Kraft nicht erreichen können.

 

 

75 Jahre Atomwaffen in der Welt

"Trinity", "Little Boy" und "Fat Man" - hinter diesen harmlos klingenden, ja beinah infantilen Bezeichnungen verbergen sich die tödlichsten Waffen seit Menschengedenken. Dies sind die Namen der ersten drei Atombomben, die auf der Erde gezündet wurden. Als "Trinity", Dreifaltigkeit, wurde die Bombe benannt, die am 16. Juli 1945 zu Testzwecken im Rahmen des sogenannten Manhattan-Projektes in der Nähe von Los Alamos, New Mexico, gezündet wurde. Die erste Atombombe der Welt hatte eine Sprengkraft von 21 Kilotonnen TNT. Nur wenige Wochen später folgte diesem Test der erste Einsatz. Am 06. August vor 75 Jahren explodierte "Little Boy" um 8.16 Uhr Ortszeit in einer Höhe von 600 Metern über Hiroshima mit einer Sprengkraft von 12.500 Kilotonnen TNT. Innerhalb einer Sekunde wurden 80 Prozent der Innenstadt komplett zerstört, 70.000 bis 80.000 Menschen wurden unmittelbar getötet, abertausende starben - teils qualvoll - an den Folgen der Verstrahlung. Die Wucht der Atombombe war so groß, dass ihr Lichtblitz Schatten von Menschen auf Fassaden einbrannte. Am 09. August wurde schließlich auch Nagasaki, Zentrum des Christentums in Japan, mit der Atombombe "Fat Man" angegriffen. Insgesamt fielen beiden Atombombenabwürfen etwa 230.000 Menschen zum Opfer.

Wettrennen um die mächtigste Bombe

Nur wenige Jahre lang konnten sich die Vereinigten Staaten unangefochten als einzige Atommacht der Welt halten, ehe die Sowjetunion 1949 aufschloss. Es folgten Großbritannien 1952, Frankreich 1960 und China 1964. Was nun geschah, war ein bizarres Wettrennen um die mächtigste Bombe der Welt, die zu immer leistungsfähigeren Kernwaffen und größeren Arsenalen führte. Mit der Wasserstoffbombe wurde eine Kernwaffe entwickelt, die über das Vielfache an Sprengkraft im Vergleich zu den herkömmlichen Atombomben verfügte. Als die Sowjetunion 1961 die sogenannten Zar-Bombe testete, wurde die   bis heute   stärkste Bombe aller Zeiten gezündet. Sie entwickelte eine Sprengkraft von 57 Megatonnen, also umgerechnet etwa 57 Millionen Tonnen TNT, was dem etwa 4.000-fachen der Atombombe von Hiroshima entspricht.

Der "Overkill" - die mehrfache Auslöschung der Menschheit

Seither wurden über 2.000 Tests durchgeführt. Das weltweite Atombombenarsenal wäre dazu imstande, die Menschheit mehrere Male auszulöschen   man spricht hierbei vom sogenannten Overkill. Neben den USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China gelten inzwischen auch Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea als Atommächte. Dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) zufolge verfügen die neun Atommächte zusammen über ein Arsenal von knapp 13.000 Sprengköpfen, wobei die meisten   jeweils etwa 6.000 - auf die USA und Russland entfallen. Auch, wenn der Atomwaffensperrvertrag, den 191 Staaten ratifiziert oder unterzeichnet haben, eine Abrüstung der Atomwaffen sowie einen Verzicht auf Verbreitung vorsieht, nimmt die Anzahl an atomaren Sprengköpfen nur allmählich ab. Hinzu kommt, dass nach gegenseitigen Vorwürfen der Vertragsverletzung die USA und Russland 2019 den INF-Vertrag aufkündigten, der ein Verbot von atomar bestückten Kurz- und Mittelstreckenraketen vorsah. Von einer nuklearen Abrüstung kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt daher nur bedingt die Rede sein.

DT/ms

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