Portrait der Woche: Nasrallah Boutros Kardinal Sfeir

Der Patriot: Nasrallah Boutros Kardinal Sfeir . Von Jens Hartner
Nasrallah Boutros Kardinal Sfeir

Der Libanon – und nicht nur seine Katholiken – nimmt mit einer zweitägigen Staatstrauer Abschied von einer prägenden Gestalt. Mit Kardinal Nasrallah Boutros Sfeir trägt die mit Rom unierte maronitische Kirche an diesem Donnerstag ihr ehemaliges Oberhaupt zu Grabe. Der am Samstag fast 99-jährig Verstorbene Altpatriarch leitete bis 2011 die Geschicke der Kirche, der die meisten libanesischen Christen angehören und aus der beispielsweise nach dem die Verfassung bestimmenden Proporzprinzip das Staatsoberhaupt stammen muss. Die Libanesen blicken, wenn sie jetzt auf das lange Leben des Verstorbenen schauen, zugleich auf die bewegte Geschichte ihres Landes im 20. Jahrhundert.

Als Sfeir 1920 geboren wurde, war das Osmanische Reich gerade zusammengebrochen. Die französische Mandatsmacht schuf den Zedernstaat in der bewussten Absicht, ein mehrheitlich christliches Land an der Levante zu etablieren. Schon im 19. Jahrhundert hatte sich Paris gegenüber der Hohen Pforte als Anwältin der orientalischen Christen gezeigt – nicht immer in selbstloser Absicht. Das nach dem 2. Weltkrieg wie der Libanon ebenfalls unabhängig gewordene Syrien tat sich schwer, die Souveränität des kleinen Nachbarn zu akzeptieren. Über Jahrhunderte waren schließlich Sunniten aus Damaskus im heutigen Libanon tonangebend.

DER PATRIOT

Als dann demografische Veränderungen – die staatstragenden Christen wurden weniger, die einst unterentwickelten Schiiten holten auf, die Sunniten wurden durch die PLO militarisiert – politisch zum Tragen kamen, trat der Libanon 1975 in einen blutigen Bürgerkrieg ein. Über 100 000 Menschen starben in dem bald auch zum regionalen Konflikt mutierenden Gemetzel. Inmitten desselben wurde der Konzilsteilnehmer Sfeir 1986 zum Patriarchen gewählt. Er gehörte zu den entschiedensten Anwälten des 1990 im saudischen Taif geschlossenen Abkommens, das den Bürgerkrieg beendete und ein bis heute den Frieden sicherndes fragiles Gleichgewicht im Libanon schuf. Patriarch Sfeir trat danach entschieden für die Unabhängigkeit seines Landes von Syrien ein, das seinen Einfluss weiter direkt und indirekt ausübte. 2001 weigerte er sich deshalb, am Besuch Johannes Pauls II. im Nachbarland teilzunehmen. 2005 unterstützte Sfeir entschlossen die Zedernrevolution, die den Rückzug der Syrer einleitete. Auch für die Aussöhnung mit den Drusen setzte er sich ein. Wie auch seinem Nachfolger Kardinal Rai kam es auch ihm zu, das nach Politdynastien zerstrittene christliche Lager zu einigen – oder wenigsten zur Einheit zu mahnen. Viel Erfolg hatte er damit nicht.

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