Portrait der Woche: Benjamin Gantz

Der Herausforderer. Von Till Magnus Steiner
Benjamin Gantz

Der bisher recht verschlafene Wahlkampf in Israel wurde vergangene Woche von einem 59-jährigen, pensionierten Generalstabschef der israelischen Armee revitalisiert. Benjamin Gantz hat seinen Wahlkampf mit einer 18-minütigen Rede begonnen, der zur Entthronung „King Bibis“ führen könnte, wie Premierminister Benjamin Netanjahu aufgrund seiner Amtszeit häufig genannt wird. Der Sohn einer Shoa-Überlebenden begann seine militärische Karriere als Fallschirmjäger und wurde 2011 von Benjamin Netanjahu als „ausgezeichneter Offizier und erfahrener Kommandant, der über reiche operative und logistische Erfahrung verfügt, mit allen Attributen, die man braucht, um ein erfolgreicher Armeekommandant zu sein“ gelobt.

DER HERAUSFORDERER

Als Benjamin Gantz im Dezember bekannt gab, mit einer eigenen Partei bei den vorgezogenen Neuwahlen anzutreten, rechneten verschiedene Umfragen – noch bevor bekannt war, wofür er politisch steht –, damit, dass seine Partei „Widerstandskraft für Israel“ elf Sitze in der 120 Mitglieder umfassenden Knesset erringen könnte. Nach seinem langen Schweigen hat er sich nun erstmals positioniert und den Israelis Lösungen für die gesamte Bandbreite der in der Gesellschaft bestehenden Probleme versprochen – ohne freilich konkrete Maßnahmen zu benennen. Sein Wahlkampf zielt darauf ab, möglichst ein breites Spektrum an Wählern für sich zu gewinnen: „Es gibt kein rechts oder links mehr, nur Israel – vor allem anderen“ ist sein Slogan. Nur im Bezug auf sicherheitspolitischen Fragen wurde er konkreter und wehrte sich gegen die Angriffe gegen ihn, er sei ein linksgerichteter, schwacher Politiker: „Im rauen und gewalttätigen Nahen Osten, der uns umgibt, gibt es keine Gnade für die Schwachen“, sagte er und verwendete eine Sprache, die wie aus dem Mund Benjamin Netanjahus klang. „Nur die Starken überleben.“ Seinen Kontrahenten griff er auch direkt an und zeigte, dass er dessen bevorstehende Anklage wegen Bestechlichkeit ins Zentrum seines Wahlkampfes stellen wird: „Die von uns eingesetzte nationale Regierung wird keinerlei Toleranz gegenüber Korruption jeglicher Art zeigen. Das Geld des Staates gehört allen seinen Bürgern und nicht einer kleinen und privilegierten Minderheit.“ Am vergangenen Freitag hat der israelische Generalstaatsanwalt bekannt gegeben, dass er vor der anstehenden Wahl entscheiden wird, ob gegen Benjamin Netanjahu Anklage erhoben wird.

Die neuesten Umfragen deuten nun daraufhin, dass es eine reale Chance gibt, dass der nächste israelische Premierminister ein anderer Benjamin sein wird.

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