Minsk

Porträt der Woche: Vitali Shkliarov

Der Politikberater Vitali Shkliarov wurde bereits vor der Wahl in Belarus verhaftet. Womöglich wurde er Opfer des Versuchs von Lukaschenko, sich als Kämpfer gegen ausländische Einflussnahme darzustellen.

Vitali Shkliarov
Shkliarov, der bereits vor der Wahl verhaftet wurde, ist eng mit Deutschland und den USA verbunden. Foto: privat

Der Politikberater Vitali Shkliarov wurde am 11. Juli 1976 in Homel, im Südosten von Belarus geboren, am 29. Juli 2020 ist er dort auch verhaftet worden, als er mit seinem Sohn den Markt besuchte.

Der Vorwurf: grobe Verletzung der öffentlichen Ordnung und Organisation illegaler Versammlungen. Im Zuge der Proteste nach der Präsidentschaftswahl am 8. August wurden mittlerweile über 7.000 Belarusen verhaftet. Der Fall Shkliarov sticht heraus, weil er bereits vor der Wahl in Belarus verhaftet wurde; zudem ist er sehr eng mit Deutschland und den USA verbunden.

Nach Tschernobyl-Katastrophe evakuiert

Nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 wurden Kinder aus besonders betroffenen Gebieten evakuiert, auch der gerade zehnjährige Vitali Shkliarov. Die Zeit bei Gastfamilien in Deutschland weckt in ihm die Liebe zu Land und Sprache: Er fasst den Entschluss, deutsche Literatur zu studieren und wird Gasthörer in der kleinen Universitätsstadt Vechta. Drei Professoren dort ermöglichen dem begabten Belarussen die Immatrikulation, er findet Unterkunft im Vechtaer Dominikanerkloster.

Nach mehreren Ausflügen in unterschiedliche Berufsfelder sieht Shkliarov  2008 den charismatischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bei seinem Berlin-Besuch – und ist so begeistert, dass er fast ohne Englisch-Kenntnisse in die USA reist, um Wahlkampfhelfer zu werden. Shkliarov ist talentiert darin, Wähler zu mobilisieren und wird schnell zum hochrangigen Politikberater, zuletzt für den Sozialisten Bernie Sanders. Ab 2014 arbeitet er außerdem für Oppositionelle in Russland und Georgien. War Lukaschenko also gut beraten, ihn festzunehmen?

Zwei Faktoren führten wohl zur Verhaftung

Der russische Politiker Ilja Ponomarjow bestreitet das: Shkliarov habe ihm gegenüber gesagt, dass er wegen seiner emotionalen Einstellung gegenüber seinem Heimatland nicht in Belarus arbeiten wolle und nur wegen seiner Familie dort war. Vermutlich haben zwei Faktoren zu seiner Verhaftung geführt. Zum einen die veränderte Strategie des Regimes: Bei den Protesten 2010 ließ man die Opposition zunächst gewähren, bis schließlich die Versammlungen gewaltsam aufgelöst wurden. Diesmal wollte man klüger sein und hat präventiv wichtige Oppositionelle eingesperrt, darunter auch den Christdemokraten Pavel Seviarynets. Zum anderen bezeichnete das Staatsfernsehen Shkliarov als „russischen PR-Spezialisten“ und am Tag seiner Verhaftung wurden außerdem in Minsk über dreißig russische Söldner der Wagner-Gruppe festgenommen. Womöglich wurde Shkliarov also Opfer des Versuchs von Lukaschenko, sich als Kämpfer gegen ausländische Einflussnahme darzustellen.

 

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