London

Porträt der Woche: Boris Johnson

Man könnte neuen britischen Premierminister als "Peter-Pan-Politiker" bezeichnen. Die Defizite zeigen sich, wenn es um verantwortungsvolles Handeln geht.
Der britische Premierminister Boris Johnson
| Seitdem Boris Johnson britischer Premierminister ist und der konservativen Partei vorsteht, kann man das Peter-Pan-Syndrom auch auf der Insel in politischer Reinkultur bewundern.

Der kanadische Psychiater Jordan B. Peterson warnt bei seinen Vorträgen vor dem Peter-Pan-Syndrom. Darunter leiden Männer, die sich weigern, erwachsen zu werden. Ihr Narzissmus sei zwar mit einem jugendlich charismatischen Auftreten übertüncht, doch die Defizite zeigen sich, wenn es um verantwortungsvolles Handeln geht: Da kneift der Peter-Pan-Mann und richtet sein Fähnlein nach dem Wind. Peterson nennt als Beispiel den kanadischen Premier Justin Trudeau, der seine Stellung allein der privilegierten Herkunft verdanke. Nicht Kompetenz.

Mit der Wahrheit nahm es der weltläufige Johnson nie so genau

Seitdem Boris Johnson britischer Premierminister ist und der konservativen Partei vorsteht, kann man das Peter-Pan-Syndrom auch auf der Insel in politischer Reinkultur bewundern. Mag der 55-Jährige auch nicht gerade wie ein Adonis ausschauen, so weist er doch die nötigen Peter- Pan-Charakteristika auf – und noch ein paar Schwächen mehr. Mit der Wahrheit nahm es der weltläufige Johnson schon als Journalist in den 80er Jahren nicht so genau, später als Bürgermeister von London ebenso wenig. Was hat er dort eigentlich bewirkt, außer sich für den öffentlichen Verkehr und seine Leidenschaft, das Fahrradfahren, einzusetzen?

Seine Einstellung zur EU änderte Johnson oft - genauso wie die Lebenspartnerinnen

Seine Einstellung zur EU änderte der Brutalo-Rhetoriker und Churchill-Fan, der in Brüssel und Eton zur Schule ging, so oft, wie es ihm politisch opportun erschien. Also häufig. Ebenso die Lebenspartnerinnen: 1987 bis 1993 war er zum ersten Mal verheiratet, 1993 bis 2018 mit einer Anwältin, die ihm vier Kinder schenkte. Ehebegleitend zeugte er mit einer Kunstexpertin ein Kind, während er eine andere Geliebte zu einer Abtreibung trieb.

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Nicht gerade die feine christliche Art, doch Johnson, der katholisch getauft und anglikanisch gefirmt wurde, liebt auch in religiösen Dingen das chaotische Spiel der Kräfte. Ebenso beim Umgang mit LGBTI-Claims: Nach einer Zeit diskriminierender Witze votierte er 2005 für das Lebenspartnerschaftsgesetz der Labour-Regierung. Als Außenminister genehmigte er das Hissen von Regenbogenflaggen an britischen Botschaftsgebäuden. Dass ausgerechnet Johnson den komplexen EU-Austritt seines Landes zum 31. Oktober managen soll, wirkt grotesk. Harter Brexit, Neuwahlen, gleiche Rechte für EU-Bürger? Alles, was er ausspricht, klingt nach neuen Kehrtwendungen. Oder dient der bullige Oxford-Zögling nur als Übergangslösung für den Vorzeige-Katholiken Jacob Rees-Mogg, der zum Leader of the House of Commons ernannt wurde? Wahr gemacht hat Johnson eines: Mehr Frauen ins Kabinett. Auch für den kanadischen Peter Pan ein wichtiger Faktor. Warum? Reiner Populismus.

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15.08.2021, 09  Uhr
Philip Plickert
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