Pilger des Friedens im Jerusalem Europas

Beim Besuch in Sarajevo mahnte Franziskus, die Leiden der Märtyrer nicht zu vergessen, doch voranzuschreiten auf dem Weg der Versöhnung. Von Stephan Baier
Papst Franziskus und Sarajevos Kardinal Vinko Puljic
Foto: dpa | Der Papst und sein Gastgeber, Sarajevos Kardinal Vinko Puljic.
Papst Franziskus und Sarajevos Kardinal Vinko Puljic
Foto: dpa | Der Papst und sein Gastgeber, Sarajevos Kardinal Vinko Puljic.

Als Pilger des Friedens und der Versöhnung kam der Papst am Samstag nach Sarajevo. Deshalb hatte er neben Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin bei seiner achten Auslandsreise – der nach Straßburg und Tirana dritten innerhalb Europas – die für Ökumene und den interreligiösen Dialog zuständigen Kardinäle Kurt Koch und Jean-Louis Tauran im Gefolge. Denn in Bosnien-Herzegowina war der brutale, bei diesem Papstbesuch allgegenwärtige Krieg der Jahre 1992 bis 1995 ein Krieg der Ethnien des Landes, welche zugleich klar konfessionell identifiziert sind.

Am Flughafen wurde Franziskus von Sarajevos Kardinal Vinko Puljic, vom kroatischen – also katholischen – Mitglied des Staatspräsidiums, Dragan Covic, und von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Trachten des Landes begrüßt. Die Menschenmenge, die Franziskus vor dem mit vatikanischer und bosnischer Fahne geschmückten Präsidentenpalast willkommen hieß, gehörte überwiegend zur muslimischen Mehrheitsbevölkerung Sarajevos, denn die Katholiken stimmten sich im Kosevo-Stadion bereits seit Stunden auf die Messe ein. Als amtierender Vorsitzender des ethnisch gemischten dreiköpfigen Staatspräsidiums führte der orthodoxe Serbe Mladen Ivanic den Papst über den roten Teppich. In seiner Begrüßung wies Ivanic dann auch auf die multiethnische und multireligiöse Kultur des Landes hin. Gemeinsam eine humane Zivilisation zu bauen, sei „eine große Herausforderung für die politischen und religiösen Führer, aber auch für die Bevölkerung“. Bosnien-Herzegowina sei einst „Symbol des Verständnisses gewesen, aber auch der Entzweiung, der Konflikte und des Leidens“. Nun strebe man nach einer „Zeit der Versöhnung und der Zusammenarbeit“, doch noch sei die volle Gleichheit aller Bürger nicht verwirklicht. Ivanic appellierte an den Papst, das Land bei der Annäherung an die Europäische Union zu unterstützen. „Ich hoffe, dass die Türe der EU für alle Länder Südosteuropas offen ist und auch wir als gleichberechtigte Mitglieder mit vollen Rechten und Pflichten mitwirken dürfen.“

Tatsächlich verwies der Papst auf die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft und insbesondere der EU und betonte, Bosnien-Herzegowina sei „von besonderer Bedeutung für Europa und für die ganze Welt“. Und zwar als „Kreuzungspunkt von Kulturen, Nationen und Religionen“. Franziskus rief hier – wie mehrfach an diesem Tag – dazu auf, zu einer Kultur der Begegnung, des Dialogs und der Versöhnung zu finden. Vor dem Präsidentenpalast erwarteten den Papst weiße Tauben in einem kleinen Vogelkäfig aus Holz in Form einer Kirche, mit Glocke und Kreuz. Der Papst und die drei Präsidenten öffneten den Käfig, die Tauben flatterten davon. „Mir vama“ (Friede sei mit euch), rief einer.

Unterdessen stimmten sich die Gläubigen im Kosevo-Fußballstadion mit Sprechchören auf den Gast ein. „Papa, mi te volimo!“ (Heiliger Vater, wir lieben dich) und „Dobrodosli, Papa Franjo!“ (Willkommen, Papst Franziskus) skandierte die Menge. Vereinzelt waren kroatische Fahnen zu sehen. Franziskus benutzte die Ferula Johannes Pauls II., der schon während der Belagerung Sarajevos hierher eilen wollte und Bosnien 1997 und 2003 besuchte. Die Rückseite des Messgewandes zeigte ein Bild der Kathedrale der Stadt. Der Friede war das durchgehende Thema der Lesungen wie der Predigt. Frieden sei „der Traum Gottes, Gottes Plan für die Menschheit“, sagte der Papst auf Italienisch, um dann ganz deutlich zu werden: Es herrsche „eine Art dritter Weltkrieg, der stückweise geführt wird“. Im Bereich der globalen Kommunikation gebe es „ein Klima des Krieges“ und jene, „die ein solches Klima absichtlich schaffen und schüren wollen“. Der Friede sei eine Gabe Gottes, und nur der Mensch, der sich mit Gott versöhnen lasse, könne auch zum Friedensstifter werden.

In den auf Kroatisch gelesenen Fürbitten wurde für den Heiligen Vater gebetet, für das Volk und „sein Wachstum in der geschwisterlichen Liebe“, für Priester- und Ordensberufungen, für die Verantwortungsträger, für Frieden und Gerechtigkeit und für die Familien, „dass sie zu kleinen Hauskirchen werden“. Sarajevos Kardinal Vinko Puljic dankte dem Papst „für Ihr Mitsein mit uns“. Bosnien-Herzegowina habe im vergangenen Jahrhundert schreckliche Regime und Kriege durchlitten, sei verletzt und ausgelaugt, habe Märtyrer und Glaubenszeugen hervorgebracht, so Puljic. Die katholische Kirche des Landes sei seit 1991 halbiert worden. „Wir stellen jeden Tag fest, dass wir immer weniger werden. Wenn Gott uns das Leben in diesem Land geschenkt hat, sollen wir dieses Land dann nicht lieben? Hier liegen unsere jahrhundertealten Wurzeln.“ Puljic versicherte dem Papst, dass die Katholiken Bosniens trotz aller Leiden und Herausforderungen freudige Zeugen der Hoffnung sein wollten. Er dankte allen, „die vom Ausland kommen, um uns Liebe und Solidarität zu zeigen“, besonders der kroatischen Bischofskonferenz. Und das Volk stimmte ein Marienlied an: „Sei gegrüßt, Jungfrau voll der Gnade!“

Gläubige und Schaulustige erwarteten den Papst nachmittags vor der Herz-Jesu-Kathedrale in der Altstadt Sarajevos. Kaum Absperrungen, nur wenige Sicherheitskräfte säumten den kurzen Weg von der Nuntiatur zur Kathedrale, den Franziskus im Papamobil zurücklegte. Ordensleute streckten sich, um den Papst zu berühren. Franziskus umarmte einen alten Priester. Eine afrikanische „Missionarin der Nächstenliebe“ packte die Hand des Papstes und küsste sie.

Noch einmal referierte Kardinal Puljic dem Papst in der Kathedrale den Leidensweg der Kirche in Bosnien: „Viele von uns sind gezeichnet von der brutalen Erfahrung des kommunistischen Regimes, vom Krieg und heute vom Relativismus.“ Vor dem Krieg sei Bosnien eine Quelle von Priesterberufungen gewesen, heute gebe es nicht mehr viele – weil so viele Familien geflohen sind. „So gibt es hier nicht mehr viele Blumen für diesen Altar der Kirche.“

Dann berichten drei Zeitzeugen von den Leiden der bosnischen Katholiken. Zunächst der Priester Zvonimir Matijevic aus der Diözese Banja Luka, der am Palmsonntag 1992 von serbischen Soldaten gefangen genommen und nach Knin deportiert wurde. Er wurde geprügelt, bis er in Ohnmacht fiel. Die Soldaten wollten ihn zwingen, im Fernsehen zu sagen, dass er ein Kriegsverbrecher sei und die katholische Kirche Kriegsverbrecher ausbilde. Er sagte, er sei bereit zu sterben, aber nicht, die Kirche zu beschuldigen. Der Papst – sichtlich ergriffen – ging auf den Priester zu, küsste ihm die Hand und bat um seinen Segen. Und der bosnische Priester legte seine Hand auf den Kopf des Papstes und segnete ihn.

Den Franziskaner Jozo Puskaric hat, wie er formulierte, der Krieg 1992 eingeholt. „Bewaffnete serbische Polizisten kamen und brachten mich in ein Konzentrationslager, zusammen mit vielen Pfarrangehörigen. Die Pfarrei blieb ohne Katholiken, die meisten Häuser wurden zerstört.“ Vier Monate habe er hier verbracht, „aber eine solche Zeit misst sich nicht in Monaten, sondern in Sekunden und Minuten: 120 Tage voller Unsicherheit und Angst waren für mich wie 120 Jahre. Wir hatten zu jeder Zeit Hunger und Durst, wurden physisch misshandelt, geschlagen, gefoltert.“ In der Nacht wurde er oft geweckt, geschlagen, mit Füßen getreten. Oft habe er den Wunsch verspürt, zu sterben. Ja, er habe eine Wache gebeten, ihn zu töten. „Kein Mensch ist fähig, das alles zu ertragen, ohne die Hilfe Gottes und anderer Menschen“, meinte der Franziskaner vor dem Papst. „Gott schickte mir seine Hilfe durch eine muslimische Frau, Fatima, die heute mit ihrer Familie in den USA lebt.“ Letztlich habe er den Horror des Krieges überstanden. „Ich danke Gott, dass er in meinem Herzen keinen Hass gegen andere zugelassen hat. Das Vergeben schafft den Raum für das Kommen des Reiches Gottes in den Herzen der Menschen“, sagte Pater Jozo. Wieder sprang der Papst auf, eilte dem Franziskaner entgegen und umarmte ihn.

Die Ordensfrau Ljubica Sekerija von den „Töchtern der göttlichen Nächstenliebe“ wurde nicht von serbischen Soldaten, sondern von muslimischen Kämpfern aus arabischen Ländern entführt: Sie kümmerte sich in Travnik um ältere und behinderte Menschen, als Schwerbewaffnete ins Pfarrhaus eindrangen. Unter dem Applaus von Schaulustigen mussten sie und der Pfarrer auf einen Lastwagen steigen. „Sie nahmen mir meinen Rosenkranz weg, warfen ihn auf den Boden und zertraten ihn. Einer bedrohte den Pfarrer mit einem Spaten, um ihn zu zwingen, auf den Rosenkranz zu treten, aber der Pfarrer weigerte sich.“ Als die Entführer ihr auch den Ordensring nahmen, sagte der Pfarrer: „Habt keine Angst, ich habe euch allen Absolution erteilt, wir werden alle in Frieden gehen.“ Einige Male habe sie die Mündung einer Pistole im Nacken gespürt. „Jemand raunte mir zu, ich solle mich zum Islam bekennen und sagen, dass der Islam die einzige wahre Religion sei. Ich dachte, das sei das Ende meines Lebens.“ Durch die Hilfe Gottes seien alle Entführten damals gerettet worden.

Papst Franziskus verzichtete angesichts dieser Zeugnisse – wie im Vorjahr in Tirana – auf seine vorbereitete Rede. „Ihr habt kein Recht, eure Geschichte zu vergessen!“, meinte der Papst. „Nicht um euch zu rächen, sondern um Frieden zu stiften!“ Ein Gottgeweihter, der nicht zu vergeben wisse, sei nutzlos. Verweltlichte Schwestern, Priester, Bischöfe oder Seminaristen seien „eine Karikatur“ und „zu nichts nütze“. Eindringlich mahnte der Papst die anwesenden Kleriker, die Zeugnisse der Märtyrer und Bekenner nicht zu vergessen.

Einige Straßen weiter, im internationalen Franziskanischen Studentenzentrum erwartete den Papst ein buntes Spektrum der multireligiösen Gesellschaft Bosniens. „In diesem Land leben wir in der Verschiedenheit des Glaubens und der Volkszugehörigkeit“, sagte Kardinal Puljic, der seit einigen Wochen auch Vorsitzender der bosnischen Bischofskonferenz ist. „Gott hat uns die Gnade erwiesen, dass wir gemeinsam in dieser Region leben. Zum Dialog gibt es keine Alternative, das hat uns diese bittere Erfahrung beigebracht.“ Doch gebe es viele Wunden, die heilen müssen. „Wir hatten auch während des Krieges Kontakte zwischen den Religionen und Konfessionen. Wir konnten keine Strategie für den Frieden entwickeln, aber wir haben gebetet. Wir müssen uns in unseren Unterschieden respektieren und voneinander lernen.“

Dann richtete der Großmufti von Sarajevo, Reis ul-Ulema Husein Kavazovic, das Wort an den Papst: „Ihr Besuch ist für uns ein Ausdruck Ihrer Güte, Freude und Trost zu allen Menschen zu bringen.“ Heute bedrohe der Relativismus die Humanität der Menschheit. „Der Glaube an Gott scheint erlöschen zu wollen. Der Relativismus der Moral bedroht die Grundlage aller Religion. Deshalb müssen wir zurückkehren zu den menschlichen Werten aller Religionen.“ Nur die Versöhnung mit Gott führe zum Frieden zwischen den Menschen. Da dürfe es „keinen Platz für Hochmut geben“, stattdessen „eine enorme geistliche Anstrengung“. Es brauche eine echte „Umkehr weg von den Sünden“ und den „Blick auf die Barmherzigkeit Gottes“. Und es bedürfe gläubiger Menschen, um ökonomische und politische Blockaden zu überwinden, so der Großmufti, der sich zum „Respekt zwischen uns“ bekannte: „Wir glauben an die Barmherzigkeit Gottes und den gemeinsamen Einsatz für die Versöhnung in dieser unruhigen und geteilten Welt.“

Auch der serbisch-orthodoxe Bischof Vladika Grigorije sieht den Papstbesuch als Ermutigung: „Sie sind nach Sarajevo gekommen, weil Sie Unterstützung für unser leidendes Land anbieten wollen.“ In Bosnien werde über den vor 20 Jahren beendeten Krieg gesprochen, „als ob es gestern gewesen wäre“. Noch immer gebe es Opfer und viel Vergeltung. „Bosnien-Herzegowina kann unglaublich schön sein, wenn es ein friedliches Land ist. So viele verschiedene Kulturen leben hier zusammen. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um Vertrauen und Verständnis zu entwickeln.“ Jakob Finci, der Präsident der kleinen jüdischen Gemeinschaft, meinte, der Balkan sei nach wie vor ein Pulverfass. „Es gibt Probleme, aber wir wissen, dass es nur möglich ist, gemeinsam zu überleben. Gemeinsam können wir die Probleme überwinden, die wir nicht alle selbst geschaffen haben.“

Neuerlich würdigte der Papst Sarajevo als „Schnittpunkt von Völkern und Kulturen“, als „Jerusalem Europas“. Neuerlich mahnte er, dass „Verschiedenheit nicht eine Bedrohung darstellt“, sondern Chance und Reichtum sein kann. Neuerlich mahnte der Papst zum Weg der Vergebung und der Versöhnung und bekannte sich zum interreligiösen Dialog, der „so weit wie möglich auf alle Gläubigen ausgeweitet werden“ müsse. Als Franziskus dann zum gemeinsamen Gebet einlud, erhoben sich nicht nur die Religionsführer auf dem Podium, sondern alle im Auditorium.

Im Diözesanjugendzentrum „Johannes Paul II.“ schwenkten Jugendliche Banner mit dem Motto des Papst-Besuchs „Mir vama“ (Friede sei mit euch). „Ich habe auf meinem Lebensweg immer wieder die Kraft gefunden in Gott“, sagt ein junger kroatischer Katholik, der in der Serben-Hochburg Pale studierte und in Sarajevo lebt. Eine junge orthodoxe Serbin sagte, sie wisse „in diesem multikulturellen und multireligiösen Staat“ um ihre Verantwortung. „Ich muss beitragen zu einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig den Frieden wünscht und Frieden schafft zwischen den Menschen.“ Viele Vorurteile seien zu überwinden. Die Statements der Jugendlichen, die Kinder aus Srebrenica, die ihm ein Ständchen brachten, und die choreografischen Einlagen beeindruckten den Papst.

Wieder verzichtete Franziskus auf die vorbereitete Rede und antwortete direkt auf die Fragen von jungen Menschen. Und das überaus deutlich: Er mahnte, beim Fernsehkonsum verantwortungsvoll auszuwählen. „Wenn ich sehe, dass ein Programm mir nicht guttut, meine Werte abbaut, mich vulgär werden lässt, dann muss ich den Kanal wechseln!“ Wer ein Sklave des Computers wird, verliere seine Freiheit, wer dort die „schmutzigen Programme“ sucht, verliere seine Würde. Der Papst rief die Jugendlichen auf, den Frieden zu schaffen. Und er wiederholte seine Anklage aus der Predigt am Vormittag: „Alle sprechen vom Frieden. Einige Machthaber auf der Erde reden und haben schöne Worte über den Frieden, aber unter der Hand verkaufen sie Waffen! Von euch erwarte ich Ehrlichkeit!“ Das Denken, Fühlen und Tun müsse in Einklang stehen: „Das Gegenteil nennt sich Heuchelei!“

Dann überreichte Papst Franziskus den Jugendlichen eine Statue von Johannes Paul II., nach dem das Jugendzentrum benannt ist. Frei von allem Protokoll eroberte der Papst noch einmal das Mikrofon, um erstmals selbst kroatisch zu sprechen: „Mir vama!“ Und weiter auf Italienisch: „Schafft ihr den Frieden, alle gemeinsam. Damit dieses Land ein Land des Friedens werde. Mir vama! Gott segne euch!“

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