Pflicht oder Gefahr?

Manche politische Diskussionen der aktuellen Zeit besitzen stärkere nationale Akzentuierungen. Dies kann den fast verschwundenen Gedanken einer wohlverstandenen christlichen Vaterlandsliebe wieder deutlicher zur Geltung bringen. Von Felix Dirsch
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Die großen Kontroversen der Zeit können die kirchliche Verkündigung nicht kaltlassen. Das trifft auch auf gegenwärtige Fundamentalkonflikte zu. In etlichen europäischen Ländern (wie auch in den USA) verlaufen drei fundamental-unversöhnliche Frontlinien: eine zwischen denjenigen, die den Migrantenzustrom aufgrund der begrenzten Ressourcen des eigenen Landes begrenzen wollen, und denjenigen, die die Offenheit der Grenzen propagieren und somit gegenüber neuen Einwanderungswellen aufgeschlossen sind; eine andere zwischen denen, welche die direkte Demokratie befürworten, und jenen, die in toto das herkömmliche Repräsentativsystem präferieren; und schließlich eine dritte zwischen denen, die mehr Rechte nach Brüssel verlagern wollen, und denjenigen, die eine Rückverlagerung von der EU-Zentrale in die einzelnen Mitgliedsländer fordern.

Der schwer zu definierende Begriff „Populismus“, im westlichen Europa zumeist auf die politische Rechte bezogen, fordert Urteile von amtskirchlicher Seite heraus. In Stellungnahmen des höheren Klerus, etwa in Hirtenbriefen zur Flüchtlingsfrage, ist die Positionierung eindeutig: Die Toleranz- und Weltoffenheitsfraktion wird klar unterstützt. Dafür gibt es Gründe. Für die Kirche existieren grundsätzlich weder Ausland noch Grenzen. Die Wirkung der sakramentalen Taufe ist überall gleich. Kein Christ ist irgendwo fremd. Erst recht ist jeder Ansatz von Fremdenfeindlichkeit mit dem Glauben unvereinbar. Darüber hinaus sind für das christliche wie auch nichtchristlich-säkulare Bewusstsein der Trend zur Internationalisierung des Lebens von entscheidender Relevanz. Wohin man auch blickt: Christlicher Glaube gilt weithin als mit ethischem Universalismus identisch. Christus waren indessen partikulare Herkunftstraditionen wichtig, fühlte er sich doch nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt (Matthäus 15,24). Diese Worte müssen nicht unbedingt in einem Spannungsverhältnis zum Missionsbefehl der Jünger stehen.

Der Erzbischof von Köln, Rainer M. Woelki, um ein prominentes Beispiel anzuführen, macht sich entschieden für Menschenwürde und Menschenrechte stark, unter anderem in seinem Beitrag in dem von Stefan Orth und Volker Resing herausgegebenen Sammelband „AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion?“. Fraglich ist freilich, ob die von ihm ins Visier genommenen Gruppen tatsächlich anderen – gemeint sind vor allem Fremde – Menschenwürde und -rechte streitig machen wollen. Wer für restriktivere Einwanderungsregeln plädiert, muss noch kein Gegner der entsprechenden Passagen des Grundgesetzes sein.

Die Theologin Angelika Sonja Strube verfolgt, auf der gleichen Linie liegend, ein ganzes Forschungsprojekt über neurechte Christen. Im laufenden Semester hält sie dazu Lehrveranstaltungen an der Universität Tübingen ab. Die Tendenz ist klar: Selbst dem Bündnis „Demo für alle“, das sich gegen die Relativierung der klassischen Ehe einsetzt, wird neurechtes Gedankengut unterstellt. Ebenso versucht die Publizistin und Juristin Liane Bednarz („Die Angstprediger“) emsig, Rechtskatholiken aufzuspüren. Der Einfluss dieser Autoren hält sich allerdings in Grenzen.

Ohne etliche fragwürdige Aspekte des facettenreichen Phänomens „Rechtspopulismus“ bestreiten zu wollen, kann doch dessen patriotischer Grundzug einige Saiten im katholischen Lager zum Klingen bringen, die in den letzten Jahren kaum debattiert wurden. Eine angemessene Bewertung der angesprochenen Erscheinungen hat die Verhältnisse in anderen Ländern zu beachten. Nicht nur in Polen kristallisierte sich in den letzten Jahren eine nationalpopulistische Kraft heraus, die maßgebliche katholische Impulse erkennen lässt und quer zur üblichen Rechts-Links-Verortung steht. Katholische und nationale Identitäten sind dabei – vor dem Hintergrund einer langen geschichtlichen Tradition – eng verbunden. Dass eine Islamisierung gerade christliche Grundwerte negativ tangiert, dürfte von einer Mehrheit im Nachbarland nicht bestritten werden.

Zu den hierzulande lange ignorierten Themen gehört die christliche Vaterlandsliebe. Der Trierer Bischof Franz Rudolf Bornewasser hat bald nach dem Zweiten Weltkrieg einen damals viel beachteten Hirtenbrief über die christliche Vaterlandsliebe verfasst. Darin heißt es an einer Stelle: „Es steht dem Menschen nicht frei, ob er sein Vaterland lieben will oder nicht. Vaterlandsliebe ist keine Nützlichkeitserwägung, sondern eine religiöse Pflicht. Vaterlandsliebe ist auch kein bloßes Gefühl, sondern Willenstugend, freie, bewusste Hingabe an das Land der Väter. Vaterlandsliebe bedeutet: sich freuen an der Blüte des Vaterlandes, leiden an seinem Leid und stets beten für sein Wohlergehen. … Aus rein egoistischen Gründen in der Flucht vor verlangten Opfern das Vaterland zu verlassen, widerstreitet dem Geist des Christentums, welches Treue und Opferbereitschaft höher wertet als materielle Güter.“ Ein Jahrzehnt später hielt Papst Pius XII. an eine deutsche Volksgruppe eine Ansprache über den „harmonischen Dreiklang von Heimatliebe, Vaterlandsliebe und Liebe zur Kirche“.

Um den scharfen Gegner der nationalsozialistischen Euthanasiemorde, Kardinal Clemens August Graf von Galen, ist es schon längere Zeit still geworden. Nicht nur einen zeitgeistkonformistischen Autor wie den Theologen und Psychologen Eugen Drewermann stört dessen patriotische Haltung, die dazu führte, dass der „Löwe von Münster“ auch Willküraktionen der Alliierten nach Kriegsende anprangerte. Als von Galen von einem General der Siegermächte besucht wurde, äußerte er: „Ich trage schwer an dem Unglück meines Volkes.“ Ähnliches war aus dem Mund des Erzbischofs von Köln, Kardinal Joseph Frings, zu hören.

Jahrzehntelange materialistische Tendenzen und ein verbreiteter, krasser Individualismus brachten auch im katholischen Lage eine Wende mit sich. Die einst unübersehbaren patriotischen Grundhaltungen verschwanden weithin. Vor Jahrzehnten war sich der Großteil des höheren Klerus dieses Verlustes zumindest bewusst. Der seinerzeitige Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Höffner, stellte 1985 anlässlich des Neujahrsempfangs des Diözesanrates der Katholiken in seinem Bistum fest: „Mir scheint, dass die Zeit gekommen ist, sich auch bei uns wieder auf die christliche Botschaft vom Verhältnis des Menschen zum Volk, zum Vaterland, zum Staat zu besinnen. Nach christlichem Verständnis gründet die Liebe zum Vaterland in der ehrfürchtigen Hingabe jenen gegenüber, denen wir unseren Ursprung verdanken: Gott, unseren Eltern und dem Land unserer Väter, wo unsere Wiege stand, dem Land, dem wir durch die gemeinsame Heimat, die gemeinsame Abstammung, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Kultur, die gemeinsame Sprache schicksalhaft verbunden sind.“ Bis Mitte der 1960er Jahre waren Bittgebete für Volk und Vaterland im Gottesdienst selbstverständlich.

In der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ ruft das Zweite Vatikanische Konzil zu einer „hochherzigen Vaterlandsliebe“ auf. Sie sei, „ohne geistige Enge“, geöffnet zur „ganzen Menschheitsfamilie …, die ja durch mannigfache Bande zwischen den Rassen, Völkern und Nationen miteinander verbunden ist“. Ein anderer Konzilstext mahnt die Gläubigen „in Liebe gegenüber ihrer Nation“ dem Gemeinwohl zu dienen.

In der Heimatpfarrei des Verfassers im oberbayerischen Erding hielt der zuständige Pfarrer 1987 einen Gottesdienst für Volk und Vaterland ab, um auf den Skandal der deutschen Teilung aufmerksam zu machen. Das rief zwar einige spöttische Bemerkungen hervor, doch nicht lange danach wurde die Aktualität des Inhalts offenkundig.

Es ist überflüssig zu betonen, dass die christliche Liebe zu Volk und Vaterland nichts mit Chauvinismus, Nationalismus und so fort zu tun hat. Der Nationalist unterscheidet sich vom Patrioten dadurch, dass er die Nation als obersten Wert setzt. Für Patrioten ist die Nation wichtig, aber nicht an erster Stelle.

Von einem wohlverstandenen christlichen Patriotismus ausgehend, lassen sich die Gefahren einer unverhältnismäßigen Einwanderung, der Deutschland bereits vor den Ereignissen von 2015 ausgesetzt war, besser erkennen. Der von den dominanten Eliten im Allgemeinen verfochtene Humanitarismus ist nicht mit personaler christlicher Nächstenliebe zu verwechseln. Diese kommt besonders im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zum Vorschein. Diese Stelle ist sehr wohl für den einzelnen Christen maßgeblich, taugt aber nicht als Grundlage für eine Staatsethik. Hilfe im Einzelfall, am besten in der vertrauten Umgebung des Notleidenden, bedeutet nicht unbedingt, Masseneinwanderung zu befürworten. Diese hat, wenigstens auf längere Sicht, eine nachhaltige bevölkerungspolitische Umstrukturierung zur Folge. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat zu dieser Problematik eindeutige Worte gefunden. Im Interview-Band „Letzte Gespräche“ (mit Peter Seewald) heißt es an einer Stelle: „Wie Europa sich entwickeln wird, wie weit es noch Europa sein wird, wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren, wissen wir nicht […]. Das Wort des Evangeliums kann natürlich aus Kontinenten verschwinden. Wir sehen ja, die christlichen Kontinente des Anfangs, Kleinasien und Nordafrika, sind nicht mehr christlich. Es kann auch in Räumen verschwinden, wo es groß war.“ Welche weitreichende Aussagekraft diese Anspielung besitzt, kann der Interessierte in dem jüngst viel diskutierten Roman „Die Moschee Notre-Dame. Anno 2048“ von Jelena Tschudinowa nachlesen. Es handelt sich um die vielleicht eindringlichste Dystopie des „katholischen“ Europa Mitte des 21. Jahrhunderts. Willkommen in der Zukunft.

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