Papst geht Menschenhandel an

Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften tagt zu „moderner Sklaverei“ – Berlin soll Prostitutionsgesetz ändern. Von Jürgen Liminski
Foto: dpa | Menschenhandel wird zum lukrativsten Geschäftszweig der organisierten Kriminalität. Die Mehrheit der Opfer ist weiblich, und die meisten von ihnen werden sexuell ausgebeutet.
Foto: dpa | Menschenhandel wird zum lukrativsten Geschäftszweig der organisierten Kriminalität. Die Mehrheit der Opfer ist weiblich, und die meisten von ihnen werden sexuell ausgebeutet.

Würzburg/Rom (DT) Auf Wunsch von Papst Franziskus befassen sich die Päpstliche Akademie der Wissenschaften und Sozialwissenschaften sowie der Internationale Bund der Verbände katholischer Ärzte mit dem Thema Menschenhandel. Unter dem Titel „Menschenhandel – die moderne Sklaverei“ treffen zwei Dutzend Wissenschaftler in diesen Tagen zu einem Seminar im Vatikan zusammen. Das Thema wird unter finanziellen, wirtschaftlichen, pädagogischen, juristischen und humanitär-theologischen Aspekten beleuchtet. Fallbeispiele einzelner Länder aus Südamerika und Asien runden den ersten Tag ab. Am zweiten Tag werden gesellschaftliche Ursachen wie die „sexuelle Revolution“ und „Neo-Kolonialismus durch Internationale Agenturen“ untersucht und polizeiliche und politische Gegenstrategien erörtert.

In seinem Vorwort zu Programm und Einladung weist der Kanzler der Päpstlichen Akademie für die Wissenschaften, Bischof Marcelo Sanchez Sorondo, darauf hin, dass das Seminar sich ganz nach den Empfehlungen des Papstes ausrichteten. Schon das Zweite Vatikanum habe darauf hingewiesen, dass Sklaverei, Prostitution und Menschenhandel die menschliche Zivilisation erniedrigten. Papst Johannes Paul II. habe in der erschreckenden Zunahme dieser Verbrechen eine „Herausforderung für die Sozialwissenschaften im Kontext der Globalisierung“ gesehen.

Die globalen Zahlen der Vereinten Nationen sind in der Tat erschreckend. Zwischen 2002 und 2010 seien knapp 21 Millionen Personen versklavt worden, um sexuell ausgebeutet oder zu Arbeiten gezwungen zu werden. Seit dem Jahr 2000 führt die UNO Statistiken über diese Verbrechen. Die Zahlen dürften aber nur die Spitze des Eisbergs in einem Meer von Dunkelziffern sein, meint der Kanzler der Akademie und verweist auf Experten, die davon ausgehen, „dass in wenigen Jahren der Menschenhandel den Drogen- und Waffenhandel übertreffen und zum lukrativsten Verbrechen der Welt werden wird.“ Die Nachfrage komme vor allem „aus den Ländern mit einer meist legalen Sexindustrie“. Diese reichen Regionen würden mehrheitlich aus den wirtschaftlich armen Ländern beliefert.

Dieser Befund wird von der EU-Kommission bestätigt. Nach ihrem Bericht über Menschenhandel ist in den Mitgliedstaaten der EU die Zahl der Opfer zwischen 2008 und 2010 um 18 Prozent gestiegen. Gleichzeitig würden immer weniger Menschenhändler verurteilt. Die Zahl der Verurteilungen sank im gleichen Zeitraum um 13 Prozent. Trotz dieser Zahlen haben bisher erst sechs von 28 Mitgliedstaaten die EU-Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels voll in nationales Recht umgesetzt. Die Frist für die Umsetzung ist im vergangenen April abgelaufen. Es sei „schwer vorstellbar, dass in unserer freien und demokratischen EU Zehntausende Menschen ihrer Freiheit beraubt, ausgebeutet und wie Waren zu Profitzwecken gehandelt werden können“, meinte die zuständige EU-Kommissarin Cecilia Malmström bei der Vorstellung des Berichts. „Aber es ist die traurige Wahrheit. Der Menschenhandel gehört zum Alltag und rückt uns näher als wir denken“.

Deutschland hat die EU-Richtlinie noch nicht umgesetzt. Diese sieht Maßnahmen im Bereich des Strafrechts, der Unterstützung der Opfer und ihrer Rechte im Strafverfahren sowie im Bereich Prävention vor. Sie sieht ferner die Einrichtung eines EU-Netzes von nationalen Berichterstattern vor, die Daten sammeln und die Auswirkungen der Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels bewerten. Die Erhebung verlässlicher Daten ist nach wie vor schwierig. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation sind 880 000 Menschen in der EU Opfer von Zwangsarbeit, einschließlich erzwungener sexueller Ausbeutung. 68 Prozent der Opfer sind Frauen, 17 Prozent Männer, 12 Prozent Mädchen und 3 Prozent Jungen. Bei fast zwei Drittel handelt es sich um sexuelle Ausbeutung (62 Prozent). Menschenhandel zum Zweck der Zwangsarbeit (25 Prozent) steht an zweiter Stelle, während andere Formen wie Menschenhandel zum Zweck der Organentnahme oder der Verkauf von Kindern mit 14 Prozent veranschlagt werden. Die Mehrheit der Opfer in der EU stammt aus EU-Mitgliedstaaten (61 Prozent), die meisten davon aus Rumänien und Bulgarien, gefolgt von Opfern aus Afrika (14 Prozent), Asien (6 Prozent) und Lateinamerika (5 Prozent). Die meisten Opfer aus Drittstaaten stammen aus Nigeria und China.

Während in Rom Wissenschaftler aus Europa, Nigeria, Singapur, USA und Südamerika dieser Problematik fachlich beikommen wollen, scheint Deutschland einen „Sonderweg“ zu gehen. Das Prostitutionsgesetz von 2002 habe, so ein Appell von rund hundert Prominenten, aus Deutschland „die europäische Drehscheibe des Menschenhandels gemacht und in ein Einreiseland für Sextouristen gewandelt“. In vollen Bussen würden diese Sextouristen „in deutsche Laufhäuser und Wellnessbordelle gekarrt“, schreibt das Magazin Emma. Die Prominenten, unter ihnen Maria Furtwängler, Reinhold Messner, Senta Berger, Hannes Jaenicke, Heiner Geißler und Margot Käßmann, fordern die Kanzlerin und den neuen Bundestag auf, endlich das Prostitutionsgesetz zu ändern. Es müsse Schluss sein mit der „menschenunwürdigen Ausbeutung der Frauen. Schluss mit der White Slavery, (wie Prostitution international genannt wird) als Beruf wie jeder andere“.

Offensichtlich bedarf es in Deutschland eines Appells bekannter Gesichter, um die Politik auf verbrecherische Entwicklungen aufmerksam zu machen, die die Menschenwürde bedrohen. Man sei, so schreibt der Kanzler der Päpstlichen Akademie, „Papst Franziskus dankbar, dass er eine der dramatischsten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit benannt“ und die Teilnehmer der Tagung damit „betraut“ habe, diese Herausforderung anzunehmen und Lösungen zu suchen.

Themen & Autoren

Kirche