Palmsonntag in der Heiligen Stadt

Ansturm christlicher Pilger trotz Absperrungen und Reisebeschränkungen: In Jerusalem haben die Osterfeierlichkeiten begonnen. Von Oliver Maksan
Foto: dpa | Lassen sich auch von zahlreichen Hindernissen nicht davon abhalten, ihren Glauben öffentlich zu bezeugen: Christen bei der Palmprozession in Jerusalem.
Foto: dpa | Lassen sich auch von zahlreichen Hindernissen nicht davon abhalten, ihren Glauben öffentlich zu bezeugen: Christen bei der Palmprozession in Jerusalem.

Keine Ahnung, was sie feiern. Aber es muss etwas Schönes sein, weil sie sich so freuen.“ Umm Muhammad, eine alte Muslimin, verfolgte die traditionelle Palmsonntagsprozession am vergangenen Sonntagnachmittag in Jerusalem mit großem Interesse. Ausgelassen singend und mit Palmzweigen in der Hand zogen tausende Christen bei Sonnenschein an ihr vorüber. Schon für das 12. Jahrhundert ist der Umzug bezeugt. Nach dem Verbot durch die osmanischen Herren im 16. Jahrhundert wurde der Brauch 1933 wiederbelebt. Seither ist die freudige Prozession zur wichtigsten christlichen Manifestation im Jerusalemer Jahreskreis geworden. Einheimische Christen und Pilger aus aller Welt legen dann für Stunden den Verkehr um die Altstadt lahm, während sie sich gemächlich zu Tausenden von Betfage, dem Ort, wo der Herr den Esel bestiegen haben soll, die engen Straßen des Ölbergs hinab in die Jerusalemer Altstadt schlängeln. „Für uns Jerusalemer Christen ist das sehr wichtig, damit man sieht, dass es uns auch noch gibt“, sagt George, ein orthodoxer Christ aus dem christlichen Viertel Alt-Jerusalems. Gerade 12 000 Christen leben in der drei Religionen heiligen Stadt unter über 800 000 Juden und Muslimen. Dennoch – oder gerade deshalb – hauen nach der Prozession die Musikkapellen der christlichen Pfadfinder laut auf die Pauke. Volksfeststimmung am Neuen Tor in die Jerusalemer Altstadt. Die Straßenbahn muss eben warten.

Auch aus Ägypten sind Christen für die Feier der Karwoche nach Jerusalem gepilgert. Der ägyptischen und israelischen Presse zufolge sollen sich tausende orthodoxe und katholische Christen auf den Weg ins Nachbarland gemacht haben. Die koptisch-orthodoxe Kirche sieht das nicht gern. Sie hat ihr Verbot von Pilgerfahrten koptischer Gläubiger bekräftigt. Patriarch Tawadros II. erklärte am Samstag erneut, dass er an der von seinem Vorgänger Schenuda III. verfügten Praxis festhalten will. Dieser hatte angesichts der Eroberung Ost-Jerusalems und der dort gelegenen heiligen Stätten durch Israel 1967 ein Reiseverbot für seine Gläubigen erlassen. Kopten würden erst nach der „Befreiung“ der Stadt gemeinsam mit den Muslimen wieder nach Jerusalem pilgern dürfen. Daran hat auch der in den siebziger Jahren geschlossene Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten nichts geändert. Jedes Jahr setzen sich aber koptische Gläubige über dieses Verbot hinweg. Ihnen drohen jedoch kirchliche Strafen, wenn sie nach Ägypten zurückkehren, sagte jetzt Bischof Royce Morkos, ein Sprecher der koptisch-orthodoxen Kirche.

Für palästinensische Christen aus den besetzten Gebieten ist die Teilnahme an den Jerusalemer Osterfeiern ebenfalls hindernisreich, wenn auch aus anderen Gründen. Sie müssen die israelischen Besatzungsbehörden um Erlaubnis fragen, wollen sie die Checkpoints an der Mauer nach Israel passieren. „Ich bin aus Jericho gekommen“, sagt der 25-jährige Kassas. „Jerusalem ist ja von uns nicht weit. Aber es ist viel Aufwand nötig, um Ostern in unserer heiligen Stadt feiern zu können.“ Und nicht jeder darf rein. Am Montag waren von rund 16 000 Anträgen palästinensischer Christen für die Einreiserlaubnis nach Israel während der Osterfeiertage etwa 14 000 positiv beantwortet. „An den restlichen arbeiten wir noch. Es sind ja schließlich noch ein paar Tage bis zum christlichen Osterfest“, so ein Sprecher der für die Visa-Vergabe zuständigen israelischen Behörde am Montag gegenüber dieser Zeitung. Die Kirchen stören sich indes gleichermaßen an abgewiesenen Anträgen wie an der Tatsache, dass überhaupt um Erlaubnis gefragt werden muss.

Für besonderen Unmut unter Jerusalems Christen sorgen seit Jahren auch die Sicherheitsbestimmungen der israelischen Behörden während der Zeremonie des Heiligen Feuers in der Grabeskirche. Jeden Karsamstag versammeln sich orthodoxe Christen, um dabei zu sein, wenn sich auf angeblich unerklärliche Weise über der Stelle, wo der Leichnam Jesu lag, ein Feuer entzündet. Bernhard der Mönch hat im 9. Jahrhundert den Ablauf der Zeremonie beschrieben. Sie ist aber viel älter und gehört für die orthodoxen Christen fest zu den Jerusalemer Osterfeiern. Gesteckt voll ist die verwinkelte Grabeskirche, wenn gegen 14 Uhr der griechische Patriarch aus dem Innern der Grabkammer des Herrn das heilige Feuer an die Gläubigen austeilt. Fernsehteams aus der ganzen orthodoxen Welt übertragen direkt. Die israelische Polizei hat ihr Aufgebot an Sicherheitskräften in den vergangene Jahren aber massiv erhöht und den Zugang zur Grabeskirche beschränkt. Teilnehmer werden seit 2006 untersucht, müssen Absperrungen durchlaufen. Jerusalems Kirchenführer, allen voran der griechische und der armenische Patriarch, aber auch der Kustos der Franziskaner haben deshalb im Vorfeld ein Protestschreiben unterzeichnet, in dem die israelischen Maßnahmen als übertrieben zurückgewiesen werden und freier Zugang zur Grabeskirche gefordert wird. Den Gläubigen werde so die Festtagsfreude verdorben. Viele würden angesichts der Sicherheitshürden und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit davon abgeschreckt, sich überhaupt in die Altstadt zu begeben. Bis an den Obersten Gerichtshof Israels ging jetzt eine Eingabe gegen die Polizeimaßnahmen. Dieser hat sich indes am vergangenen Donnerstag für nicht zuständig erklärt. Die Parteien mögen sich einigen. Kustos Pizzaballa bedauerte diese Entscheidung in einer Stellungnahme und sagte, dass es infolgedessen wohl wieder zu Konfusionen und Spannungen wie in den Vorjahren kommen werde. Mit 40 000 Besuchern der Feuer-Zeremonie wird gerechnet.

Überhaupt muss sich Jerusalem auf einen gewaltigen Ansturm einrichten. Seit Montagabend feiern die Juden das Pessach-Fest. Und weil westliche und östliche Christen Ostern in diesem Jahr am selben Tag feiern, wird es in den kommenden Tagen besonders eng in den verwinkelten Gassen der Jerusalemer Altstadt werden. Israels Tourismusministerium rechnet allein mit über 125 000 ausländischen Besuchern während der Feiertage.

Themen & Autoren

Kirche