„Ob das eine neue Ära wird, muss sich noch zeigen“

Der amerikanische Politikwissenschaftler Parag Khanna über Barack Obama und seine Startphase als US-Präsidenten

Sind die USA mit Obamas Wahl in eine neue Ära eingetreten oder bleibt alles, wie es war?

Weder noch. Es muss noch nachgewiesen werden, ob eine neue Ära anfängt und was das für eine wird. Noch ist nicht klar, inwieweit Obama die Inhalte seines Wahlkampfes so durchsetzen kann, wie das angekündigt wurde. Es gibt immer Kompromisse, die man schließen muss. Es ist aber in jedem Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

Noam Chomsky hat gesagt, die USA haben immer schon dieselbe Art von Außenpolitik gemacht, egal ob die Republikaner oder die Demokraten an der Macht waren, und zwar nach dem Prinzip „Wir zuerst, und dann der Rest“. Hat er damit Recht?

Das schon. Im extremen Fall wird es eben nicht in die andere Richtung gehen: „Weltgesellschaft zuerst und Amerika an zweiter Stelle“. Amerika kann aber wieder zum Aufbau dieser Weltgesellschaft beitragen. Obama hat in den ersten Wochen versucht, acht Jahre Bush-Politik einzudämmen. Jetzt gibt es plötzlich Diplomatie mit Kuba, Nordkorea, Syrien, Iran und so weiter. Das ist schon ein Riesen-Schritt.

Die Schuldenblase in den USA wird mit neuen Schulden bekämpft. Wird das die Vereinigten Staaten auf Dauer beschädigen?

Auf jeden Fall. Es gibt keine Strategie, da herauszukommen. Die Gesamtverschuldung steigt jedes Jahr auf beschleunigter Basis. Und jetzt mit dem Stimulierungsplan immer mehr.

Wie werden sich die Kräfteverhältnisse zwischen China, Russland, Indien, den arabischen Ländern, Europa und den USA entwickeln?

Wir erleben Multipolarität gemischt mit struktureller Unsicherheit, da man nicht weiß, wie stark die jeweiligen Großmächte sind. Es zeichnet sich aber auch ab, dass es sehr viele nicht-staatliche Akteure gibt, also Terroristen, international agierende Unternehmen und so weiter.

Huntington hat gesagt, dass die Basis der Konflikte im 21. Jahrhundert religiös ist. Ist das richtig oder geht es nicht vielmehr um die Konflikte um Wasser und saubere Luft?

Es geht um beides. Huntington hat immer von globalen tektonischen Bewegungen gesprochen. Ich sehe das ganz anders. Politische Einheiten sind nicht durch Regionen zu unterscheiden, sondern durch die imperiale Annäherung. Die Europäische Union umfasst ja fast schon Nordafrika und die Türkei. Also hat man schon ein multikulturelles Reich. China ist auch schon multikulturell aufgebaut und die USA auch. Insofern sind Reiche größer als die Zivilisationen oder die Kulturkreise, wie Huntington sagen würde. Das ist die größte Lücke in seiner These.

Wird Obama die hohen Erwartungen, die an ihn gestellt werden, erfüllen können?

In der Innenpolitik vielleicht schon, weil die Neuorientierung der Gesellschaft auf Sparen, Realwirtschaft, Infrastruktur, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit Substanz hat. In zwanzig Jahren dürften die USA so aussehen wie Frankreich oder Deutschland. Vom Lebensstandard her sind die USA eigentlich ein Zweite-Welt-Land. Außenpolitisch wird er die Erwartungen wahrscheinlich nicht erfüllen können. Die Einzelinteressen in der Welt sind so zerstreut, dass Obama das nicht unter der Hegemonie der USA bündeln kann. Es wird erwartet, dass die USA eine Führungsrolle in der Welt übernehmen. Das halte ich für unmöglich.

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