„Null Toleranz“ gegen den Bösen

So, das war deutlich. Vielleicht fünfzehntausend Priester unter der sengenden Sonne auf dem Petersplatz – und plötzlich schallte aus den schweren Lautsprechern, die die Predigt des Papstes zum Abschluss des Priesterjahrs wiedergaben, immer wieder das gar nicht so päpstliche Wort „bastone“. Mit „Stock“ oder „Prügel“ kann man es übersetzen. Vom Stab des Hirten sprach Benedikt XVI., der in der Gefahr auch zum Stock werden müsse, um den Glauben gegen Verfälscher und Verführer zu schützen. Und der Gebrauch des Stocks, des Prügels, sei ein Dienst der Liebe. Dann, wenn es um ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten gehe. Oder um die Irrlehre, die den Glauben entstelle und auflöse. Ein ziemlich deutlicher Ausdruck für einen Papst, der in der Regel eher fein und zurückhaltend formuliert.

Doch bevor er vom Stock sprach, den man in der Kirche hin und wieder schwingen müsse, hatte Papst Benedikt schon um Vergebung gebeten für die Vergehen, die Kleriker an den „Kleinen“ begangen haben. Ausgerechnet in diesem Jahr der Freude über das Priestertum seien diese Sünden bekannt geworden. Wäre das Priesterjahr dazu da gewesen, so Papst Benedikt, menschliche Leistungen zu rühmen, diese in den vergangenen Monaten bekannt gewordenen Vorgänge hätten es zerstört. Auch das ein deutliches und klares Wort.

Es ist also anders gelaufen als gedacht – das Jahr der Priester der katholischen Kirche unter dem Patronat des Pfarrers von Ars. Es ist fast tragisch: Jean Baptiste Marie Vianney ist ein Heiliger, der in außerordentlichem Ausmaße den Anfechtungen des Teufels ausgesetzt war. Und nun hängt sein Porträt weithin sichtbar an der Fassade des Petersdoms, einem ganzen Jahr sollte er seine Prägung geben – und wieder bricht ein Sturm des Diabolischen los, der die Kirche in Europa bis in ihre Fundamente erschüttert hat. Denn es waren keine Verfolgungen und Angriffe von außen, die am Anfang der Missbrauchsdebatte standen, sondern die Sünde im Inneren der Kirche, wie es Papst Benedikt schon vor Journalisten auf dem Flug nach Portugal Mitte Mai unmissverständlich gesagt hatte: „Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, dass sie neu lernt, Buße zu tun, die Reinigung anzunehmen; dass sie einerseits zu vergeben lernt, aber auch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit sieht; denn Vergebung ersetzt die Gerechtigkeit nicht. Mit einem Wort, wir müssen gerade das Wesentliche neu lernen: die Umkehr, das Gebet, die Buße und die göttlichen Tugenden.“

Das Priesterjahr ist beendet – aber der Blick ist geschärft für eine neue Aufgabe, die sich nun stellt: die der Reinigung und der Umkehr. Hat Papst Benedikt XVI. deswegen in Fatima die bleibende Aktualität des „dritten Geheimnisses“ mit seinem dreifachen Ruf nach Buße bekräftigt? In seiner Predigt zum Abschluss des Priesterjahrs jedenfalls sprach er gestern nicht von strukturellen Schwächen innerhalb der Kirche oder gar vom Zölibat und einer Unterdrückung des Sexuellen als Ursache des Kindesmissbrauchs. Nein, er sprach von der Macht des Bösen: „Es war zu erwarten, dass dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird“, sagte er zu Beginn seiner Predigt. Der böse Feind, der Versucher, der Teufel, von dem man in der Kirche kaum noch gesprochen hatte – mit dem Pfarrer von Ars ist nicht nur das Vorbild einer vorbehaltlosen Hingabe zurückgekehrt, sondern auch das Wissen um die beständig lauernde Gefahr der Verführung durch das oder besser den Bösen.

Als im Zuge der Missbrauchsskandale in den Vereinigten Staaten der damalige Präfekt Kardinal Joseph Ratzinger die Kompetenz für Vergehen dieser Art der Zuständigkeit der Glaubenskongregation unterstellte und eine Linie der „Null-Toleranz“ einforderte, war das nicht weltlich oder im Sinne der staatlichen Gesetzgebung gedacht. Null Toleranz – das betrifft die Verführung durch den „diabolos“, den „bösen Feind“. Und Umkehr und Buße muss auch bedeuten, dass die Zeiten der „Das-darf-man-nicht-so-eng-sehen-Pastoral“ abgelöst werden durch eine Sorge um die Seelen, die Sünde wieder Sünde und Versuchung zum Bösen wieder Versuchung zum Bösen nennt. Eine Sorge, die den Stab des Hirten bisweilen auch in einen Stock oder Prügel verwandelt, der auf „unwürdiges Verhalten“ niedersaust. Diese Art von „Null Toleranz“ ist den weltlichen Medien nicht verständlich zu machen. Die sind zufrieden, wenn sich die Verantwortlichen der Kirche an „Richtlinien“ halten und mit den staatlichen Behörden zusammenarbeiten. Aber der Abschluss des Priesterjahrs mit Papst Benedikt weist weit darüber hinaus: Es gibt den beständigen Kampf des Drachens gegen die Frau, des Bösen gegen das Gute. Und als die Theologen und Religionspädagogen und die Starprediger davon nichts mehr hören und wissen wollten, genau da hat es die Kirche so richtig böse erwischt. Es gibt in der säkularen Presse Redaktionen, in denen ist der katholische Klerus nur noch der letzte Dreck. Die Kirche sei in der Gosse gelandet, wie Kardinal Joachim Meisner sagte, und da gehöre sie einfach nicht hin. Die vergangenen Monate waren für die katholische Kirche dramatisch. Die fällige Buße heißt zunächst, die Welt wieder realistisch zu sehen, was auch heißt, die Augen vor dem Teufel nicht mehr zu verschließen.

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