Berlin

Norbert Röttgen: Der Denker

Noch immer gilt Norbert Röttgen als "Muttis Klügster". Dabei hat er sich von der Bundeskanzlerin längst emanzipiert. Warum der Rheinländer, der gerne über den Tellerrand hinaus denkt, zum Joker werden könnte.
Norbert Röttgen im Porträt
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Seit seiner Entlassung als Minister in Folge seiner Niederlage als Spitzenkandidat bei den NRW-Landtagswahlen 2012 hat sich Norbert Röttgen neu erfunden.

5. Januar: Norbert Röttgen steht vor dem Grab von Konrad Adenauer. Alljährlich versammelt sich hier die örtliche Parteiprominenz zum Geburtstag des Altkanzlers, um des CDU-Gründervaters zu gedenken. Rhöndorf liegt in Röttgens Wahlkreis. Der 55-Jährige stammt aus christdemokratischem Herzland. Rheinisch, katholisch und tendenziell CDU-Wähler ist man hier heute noch genauso wie zu Adenauers Zeiten. Und so war das auch in der Familie von Norbert Alois Röttgen: Vater. Postbeamter, Mutter: Hausfrau. Sonntags ging man in die Kirche. So eine solide Atmosphäre schafft Sicherheit. Auflehnung gegen das hergebrachte Milieu war für ihn damals keine Option und ist es in gewisser Weise auch heute noch nicht. Und trotzdem zieht sich wie ein Leitmotiv durch Röttgens politisches Leben der Impuls, über den Tellerrand hinaus denken zu wollen. "Muttis Klügster", dieser Spitzname, der Röttgen mit Blick auf seine Beziehung zu Angela Merkel noch immer anhaftet, bei dem bis zu seiner Entlassung als Bundesumweltminister aus ihrem Kabinett im Jahr 2012 aber auch durchaus neidvoller Respekt mitklang, ist jenseits des Spotts ernst zu nehmen.

Eloquent, analytisch begabt, intellektuell neugierig

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Röttgen wuchs in der Kohl-CDU politisch heran und empfand wie viele aus seiner JU-Generation die letzten Jahre der Kohl-Ära als bleierne Zeit. 1994 ist er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden. Röttgen verstand sich dabei nicht als Gegner des Kanzlers, dessen politische Grundsätze teilte er ja. Aber der eloquente, analytisch begabte und intellektuell neugierige Jurist war eben auch der Überzeugung, dass ein bloßes "Weiter so" die falsche Reaktion auf die 1994 gerade noch einmal gewonnene Bundestagswahl war, wenn die Regierung für die CDU auch für die Zeit nach Kohl gesichert werden sollte. Dies erklärt, warum Röttgen bei der sogenannten "Pizza Connection" mitmachte, einem Zirkel junger Abgeordneter von CDU und Grünen, der sich damals regelmäßig traf, um die Berührungsängste zwischen beiden Parteien abzubauen.

Man darf sich Röttgens Motivation für solche Experimente nicht allzu revolutionär vorstellen. Sicherlich spielte auch die Freude eine Rolle, CDU-Altvorderen durch solche Tändeleien mit den grünen Schmuddelkindern den Blutdruck in die Höhe zu treiben. Viel wichtiger erscheint im Rückblick aber das Bestreben, sich einen Freiraum zu erkämpfen, in dem jenseits des Status quo strategisch und programmatisch gedacht werden konnte, wie es eben Röttgens Talent entspricht. Da war es nur konsequent, dass Röttgen nach dem Abgang Kohls in Angela Merkel so etwas wie eine Schutzherrin für diesen Freiraum erkannte, der sich nun plötzlich über den Pizza-Zirkel hinaus auf die ganze Partei erstrecken konnte.

Umweltschutz wurde zu seinem Thema

Und diese Phase erlaubte ihm, sich inhaltliche Sporen zu erwerben: Umweltschutz wurde nun zu seinem Thema. Merkel machte ihn zum Bundesumweltminister. Der Atomausstieg nach der Fukushima-Katastrophe wurde zu seinem Meisterstück an ihrer Seite. Schon vorher hatte Röttgen klargemacht, dass das Bekenntnis zur Kernenergie für ihn keinesfalls zu den unhinterfragbaren Kernbeständen christdemokratischer Politik gehöre. Vielmehr versuchte er seinen Einsatz für die Umwelt ganz in der Tradition der CDU-Diktion als Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung zu verkaufen. Er strich heraus, dass die CDU nicht die Grünen imitieren, sondern grüne Themen aus eigenem Recht für sich beanspruchen solle, eben vom "C" aus.

Eine Argumentationslinie, die er auch heute noch vertritt. So wies Röttgen in dem letzten Duell der CDU-Kandidaten darauf hin, dass aus seiner Sicht Ökologie und Soziale Marktwirtschaft zusammengehören. Maßstab sei dabei der Mensch. So wie die reine Marktwirtschaft um des Menschen Willen um den sozialen Aspekt ergänzt worden sei, müsse nun ihrerseits die Soziale Marktwirtschaft um den ökologischen Aspekt erweitert werden. Ja, mit marktwirtschaftlichem Instrumentarium könnten klimapolitische Ziele sogar am besten erreicht werden. Denn der Markt schaffe den Freiraum für ökologische Innovationen, nicht etwa Verbote   la Greta. "Muttis Klügster", da war er wieder. 

Abnabelungsprozess von Merkel längst abgeschlossen

Freilich ist Röttgens schmerzhafter Abnabelungsprozess von Angela Merkel längst abgeschlossen. Seit seiner Entlassung als Minister in Folge seiner Niederlage als Spitzenkandidat bei den NRW-Landtagswahlen 2012 hat sich Norbert Röttgen neu erfunden: Heute reüssiert er als Außenpolitiker, tourt als USA-Kenner durch die Talkshows, profiliert sich vor allem aber auch in der Menschenrechtspolitik, wenn er das Pekinger Regime anprangert. Gewiss, sein Image als Wahlverlierer haftet dem Rheinländer auch heute noch an. Aber das Stehaufmännchen Röttgen, dem es ohne herausgehobenes Partei- oder Regierungsamt in kurzer Zeit gelungen ist, ein Netzwerk aus unterschiedlichen Parteiflügeln zu knüpfen, nötigt auch Gegnern Respekt ab. Zu den Unterstützern seiner Kandidatur zählt mit der CDU-Bundestagsabgeordneten Elisabeth Motschmann, die dem Stiftungsrat der Stiftung Ja zum Leben, angehört, auch eine ausgewiesene Lebensschützerin. 

Seine größte politische Niederlage, die Entlassung durch Merkel, erweist sich heute als Röttgens Trumpf: Er gehört nicht mehr zum Kreis der engen Merkel-Getreuen, gleichzeitig kann er aber Merkelianer ansprechen. Seine marktwirtschaftliche Ausrichtung wirkt schließlich auch auf Merz-Anhänger attrativ. Norbert Röttgen kann zum Joker in der Wahl werden, Armin Laschet hat er in den Umfragen schon längst klar überholt.

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