Nicht rechts, sondern human

Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.

Am Wort „Marsch“ liegt es nicht, dass den Lebensrechtlern, die einmal im Jahr in Berlin zum „Marsch für das Leben“ zusammenkommen, eine rechte Gesinnung unterzuschieben versucht wird. Niemand käme auf die Idee, bei den Friedens- oder Ostermarschierern „rechte Elemente“ orten zu können. Auch die unleugbare Tatsache, dass sich bei einem zahlenmäßig unbedeutenden 1 000-Kreuze-Marsch in München vor Jahren einmal Rechte unter die Marschierer gemischt haben, von denen sich Veranstalter umgehend distanzierten, reicht nicht aus, um den Vorwurf, Lebensrechtler seien „rechts“, aufrechtzuerhalten.

Wer sich die Mühe macht, die Lebensrechtszene zu durchleuchten und zu verstehen, was die Menschen an- und umtreibt, die unter den beiden Vorgängern der jetzigen Vorsitzenden zu einer Massenbewegung heranwuchsen, stellt bald fest, dass er es mit recht unterschiedlichen Biografien und Motivationen zu tun hat. Weite Teile entstammen einer linken Bürgerrechtsbewegung, die früher als andere verstanden hatte, dass die Frau in aller Regel das zweite Opfer einer vorgeburtlichen Kindstötung ist. Diese Menschen betrachten es als ungerecht und inakzeptabel, dass eine Frau, die ungeplant oder gar außerehelich schwanger wurde, vielen Bürgerlichen fortan als „Flittchen“ galt, während man den Vätern gegenüber eine geradezu erstaunliche Nachsicht an den Tag legte. „Echte Männer stehen zu ihrem Kind“ ist ein Slogan, den Lebensrechtler heute durch Berlin tragen und der seine Wurzel in diesem gesellschaftlichen Missstand findet. Andere sind durch eigenen Schaden klug geworden und möchten wieder andere davor bewahren, ihr Schicksal zu teilen. Ein polnisches Paar, das sich vor 7 500 Zuhörern dazu bekannte, ein gemeinsames Kind abgetrieben zu haben und dies bereute, war denn auch so etwas wie der heimliche Star der diesjährigen Kundgebung. Ein weiterer Teil der Lebensrechtler engagiert sich – meist ehrenamtlich – für in Not geratene Schwangere und versucht ihnen das „Ja“ zu ihrem Kind zu ermöglichen. Wer so etwas tut, hat weder Zeit noch Lust, über andere den Stab zu brechen. Auch jene, welche standhaft und bisweilen wortgewaltig die Prinzipien verteidigen, darunter viele Juristen, Theologen und Philosophen, haben längst gelernt, Barmherzigkeit mit jenen walten zu lassen, die diesen nicht genügen. Das mag 1968 und in den Folgejahren noch anders ausgeschaut haben.

Der Vorwurf, Lebensrechtler seien „rechts“, hängt wesentlich damit zusammen, dass jene, die das verfassungsmäßig verbürgte „Recht auf Leben“ ungeborener Kinder nicht anerkennen wollen und stattdessen ein „Frauen- oder Menschenrecht auf Abtreibung“ postulieren, sich selbst als „links“ verorten. Wer ihnen etwas entgegenhält, wird deshalb automatisch als „rechts“ etikettiert. Dabei sind auch Lebensrechtler dafür, dass Frauen und Männer selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden. Nur setzt bei ihnen die Selbstbestimmung deutlich früher ein als bei jenen, die beanspruchen, ein „Recht auf sexuelle Selbstbestimmung“ zu vertreten. Sich selbst zu bestimmen, kann nur beanspruchen, wer alle möglichen Folgen seines Handelns mitbedenkt. Und da es keine Kontrazeptiva gibt, die Paare zu 100 Prozent vor der Zeugung eines Kindes „bewahren“, ist diese immer eine mögliche Folge des Geschlechtsverkehrs. Wer sie unter allen Umständen vermeiden will, hat nur eine Chance, selbstbestimmt zu handeln und muss enthaltsam leben. Gegen die Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen einzutreten, mit denen Paare fehlende Selbstbestimmung nachträglich korrigieren wollen, ist denn auch nicht „rechts“, sondern human.

 
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