Nahost: Wir Christen sterben mit

Gaza-Konflikt eskaliert – Sabbah wirft Staatengemeinschaft Heuchelei vor – Patriarch Twal: Nach friedlicher Lösung suchen
Foto: dpa | Die gegenseitigen Angriffe zwischen israelischen Armee und Hamas gingen am Freitag unvermindert weiter. Die Kriegsgefahr steigt.
Foto: dpa | Die gegenseitigen Angriffe zwischen israelischen Armee und Hamas gingen am Freitag unvermindert weiter. Die Kriegsgefahr steigt.

Jerusalem (DT/OM/dpa/KNA) Angesichts der derzeitigen gewaltsamen Eskalation im Gazastreifen hat der emeritierte Lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, der internationalen Staatengemeinschaft Heuchelei vorgeworfen. Gegenüber der „Tagespost“ sagte Sabbah am Freitag: „Solange die Grundfrage im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht gelöst ist, sind all die Schreie, die immer dann ausgestoßen werden, wenn die Temperatur in Gaza oder andernorts steigt, reine Heuchelei. Eine Heuchelei, der wir überdrüssig sind.“ Als Grundfrage des Konflikts sieht der Patriarch die Frage, wie lange die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete noch dauern werde. „Ist das Gewissen der Staatengemeinschaft stark genug, zu erwachen und zu handeln? Oder wird sie teilnahmslos bleiben angesichts der Tragödie, die das palästinensische und israelische Volk durchleben?“ Man solle aufhören, zu schreien, wenn es zu einer zufälligen Krise wie derzeit im Krieg gegen Gaza oder den Raketen auf Südisrael komme. „Darum geht es nicht. Die Grundfrage ist der Konflikt, der diese zufälligen Krisen hervorbringt.“ Es gebe bereits genug UN-Resolutionen, um den Konflikt zu lösen, aber niemand wage es, sie tatsächlich umzusetzen.

Auf die Frage, wie es den Christen in Gaza derzeit ergehe, sagte Sabbah: „Wir Christen sterben mit denen, die sterben. Wir werden leben, sobald Menschen guten Willens mutig Umstände schaffen, in denen alle Personen, seien es Israelis oder Palästinenser, Christen oder andere, menschenwürdig leben können.“ Die Aufgabe der Staatschefs und aller aufrichtig am Frieden Interessierten sei es, der unmenschlichen und sinnlosen Abriegelung des Gazastreifens, die sowohl Muslime als auch Christen den Tod bringe, ein Ende zu machen. Man müsse die 1,25 Millionen Männer, Frauen und Kinder aus ihrem Freiluftgefängnis befreien und den Konflikt insgesamt lösen. Michel Sabbah führte die römisch-katholische Kirche im Heiligen Land als erster Palästinenser im Amt des Lateinischen Patriarchen zwischen 1987 und 2008. Zum Lateinischen Patriarchat gehört auch der Gazastreifen, in dem es eine katholische Pfarrei in Gaza-Stadt gibt. Insgesamt leben derzeit etwa 1200 Christen in Gaza, vor allem Katholiken und Orthodoxe. Ihre Zahl hat seit der Machtübernahme der islamistischen Hamas im Gaza-Streifen 2007 stark abgenommen. Manche Schätzungen gehen von einer Halbierung aus. Die durch die israelische Abriegelung des Gebiets hervorgerufene Krise wie die zunehmende Islamisierung gelten als Ursachen dafür.

Bereits am Donnerstag hatte sich der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, besorgt über die militärische Eskalation im Gaza-Konflikt gezeigt. Das Oberhaupt der lateinischen Katholiken im Heiligen Land rief dazu auf, nach einer friedlichen Lösung zu suchen. Dazu sei internationale Hilfe nötig. Auf Anfrage der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA erklärte das Patriarchat, der Kontakt zur katholischen Pfarrei von Gaza-Stadt sei seit Donnerstagfrüh unterbrochen. Über Opfer unter den Katholiken Gazas sei nichts bekannt.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi sicherte den Palästinensern im Gazastreifen die Unterstützung seines Landes zu. „Kairo wird Gaza nicht alleinlassen“, kommentierte Mursi am Freitag die Eskalation zwischen den Palästinensern und Israel. An die Adresse Israels sagte er nach Angaben der staatlichen Medien: „Was in Gaza im Moment geschieht, ist aus unserer Sicht eindeutig ein Angriff auf die Menschlichkeit. Ich warne und ich wiederhole meine Warnung an die Angreifer, dass es ihnen nicht gelingen wird, die Bewohner von Gaza niederzuringen.“

In der ägyptischen Hauptstadt Kairo demonstrierten Tausende gegen die israelischen Luftschläge. In der südlichen Stadt Luxor gingen Angehörige islamistischer und nationalistischer Parteien auf die Straße. Sie riefen Slogans gegen Israel, die „untätigen arabischen Führer“ und den Westen, der ihrer Ansicht nach mit verantwortlich ist für die aktuelle Eskalation.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton machte die radikalislamische Hamas für die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten verantwortlich. „Die Raketenangriffe der Hamas und anderer Gruppen im Gazastreifen, mit denen die derzeitige Krise begann, sind für keine Regierung hinnehmbar und müssen aufhören“, hieß es am Freitag in Brüssel in einer Erklärung Ashtons. „Israel hat das Recht, seine Bevölkerung vor dieser Art von Angriffen zu schützen. Ich fordere Israel auf, sicherzustellen, dass seine Antwort verhältnismäßig ist“, erklärte Ashton. Sie sei „zutiefst besorgt über die eskalierende Gewalt in Israel und dem Gazastreifen und bedauere den Tod von Zivilisten“. Ashton betonte, es müsse endlich ein Weg zur Beendigung des Nahostkonflikts gefunden werden, „damit Millionen von Menschen endlich in Frieden und Sicherheit leben können“.

Die im Gazastreifen herrschende Hamas hatte sich zu dem Raketenangriff auf Tel Aviv am Freitag bekannt. Das meldete der Nachrichtendienst der Hamas, Safa. Mindestens ein Geschoss sei in offenem Gelände eingeschlagen, teilte die israelische Polizei mit. In der Mittelmeermetropole wurde Luftalarm ausgelöst und im Zentrum war deutlich eine schwere Explosion zu hören. Opfer gab es nach Angaben der Behörden nicht. Anschließend fuhren Lautsprecherwagen der Armee durch die Stadt und gaben Entwarnung. Die Menschen könnten die Schutzräume wieder verlassen. Bereits am Vortag war Tel Aviv mit einer Rakete beschossen worden. Es war das erste Mal seit dem ersten Golfkrieg 1991. Bei israelischen Luftangriffen im Gazastreifen sind am Freitag zwei weitere Menschen getötet worden. Bei beiden handele es sich um Hamas-Mitglieder, die bei zwei Luftangriffen im Süden des Gebiets am Mittelmeer in Chan Junis und im Norden ums Leben gekommen seien, teilte das Gesundheitsministerium mit (Siehe Seite 3).

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