Nahost: Christen sind Verlierer

Libanons Caritas-Präsident warnt: Teile Syriens unter islamistischer Kontrolle – Weltweit Appelle zur Freilassung entführter Metropoliten
Foto: dpa | Welche Dschihadisten am Ende siegen, ist ungewiss. Dass die Christen zu den Verlierern des Kriegs in Syrien zählen, steht fest.
Foto: dpa | Welche Dschihadisten am Ende siegen, ist ungewiss. Dass die Christen zu den Verlierern des Kriegs in Syrien zählen, steht fest.

Würzburg (DT/KNA/poi) Der Präsident der Caritas Libanon, Simon Faddoul, sieht die Christen als „die größten Verlierer und Sündenböcke“ der Entwicklung im Nahen Osten. Besonders in Syrien gerieten Christen unter Druck. Das Vorgehen der Aufständischen dort trage inzwischen Züge eines islamischen „Heiligen Kriegs“, sagte der Caritas-Chef in einer von „Kirche in Not“ am Freitag verbreiteten Stellungnahme. Unter den Rebellen gebe es auch Christen, aber mittlerweile würden „alle Nicht-Muslime vom Freiheitskampf des Volkes ausgeschlossen“. Manche Regionen in Syrien stünden unter der Kontrolle islamistischer Gruppierungen, die von der christlichen Bevölkerung „eine Zwangssteuer für ,Ungläubige‘, eine Art ,Schutzgeld‘“ verlangten, so Faddoul. „Die Christen und alle anderen Nicht-Muslime sind in diesen Regionen heute Bürger zweiter Klasse.“

Zwar sei das Regime von Baschar al-Assad totalitär und müsse geändert werden. „Aber es ist bis jetzt völlig unklar, was danach kommt.“ Man wisse nicht einmal, „wer in Syrien gegen wen und für was kämpft“, sagte der Caritas-Leiter. Diese Unsicherheit halte viele davon ab, die Rebellen zu unterstützen. Faddoul beklagte eine Zerstrittenheit unter den Regimegegnern. Derzeit seien in Syrien über 100 verschiedene Gruppierungen in Kampfhandlungen verwickelt. „All diese Gruppierungen bekämpfen zwar das Regime, aber nicht zusammen. Das heißt, die Kämpfe könnten zu jeder Zeit auch zwischen den Rebellengruppen ausbrechen.“ Besorgt äußerte sich Faddoul über eine mögliche weitere Eskalation durch eine Schlacht um Damaskus. Schon jetzt gebe es 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon mit seinen vier Millionen Einwohnern. Bislang bräuchten Syrer „nicht einmal einen Pass, um in den Libanon zu kommen“. Langsam stoße das Land an seine Grenzen bei der Aufnahme weiterer Flüchtlinge.

Das Engagement des Westens im Nahen und Mittleren Osten beurteilte Faddoul als „widersprüchlich“: „Auf der einen Seite wollen sie Demokratien fördern, aber auf der anderen Seite unterstützen sie Theokratien.“ Solange westliche Mächte nicht wahrhaben wollten, dass die Christen in dieser Situation verlören, werde es keine Fortschritte geben. In Syrien setze sich ein „Dominoeffekt“ fort, der bereits im Irak, in Libyen und in Ägypten stattgefunden habe. Er hoffe, dass die Entwicklung nicht auch noch auf Jordanien und den Persischen Golf übergreife, sagte Faddoul. „Ich glaube, dass irgendjemand da draußen die Landkarte des Nahen Ostens ohne Rücksicht auf Menschenleben und Schicksale neu zeichnet“, sagte der libanesische Caritas-Chef.

Nach Angaben der katholischen Nachrichtenagentur „Asia News“ gibt es Kontakt mit den Entführern der beiden Aleppiner Metropoliten Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi. „Asia News“ berichtete am Donnerstagmittag, Verhandlungen seien im Gang, aber es sei nicht abzusehen, wann die beiden Metropoliten freikommen würden. Die Agentur bestätigte, dass die Metropoliten am Montag auf dem Weg vom türkisch-syrischen Grenzkontrollpunkt am Bab al-Hawa nicht direkt Richtung Aleppo gefahren waren, sondern den Umweg über Mansoura genommen hatten, um über die Freilassung der beiden Priester Michel Kayyal (armenisch-katholisch) und Maher Mahfouz (antiochenisch-orthodox) zu verhandeln. Beide Priester waren am 9. Februar aus einem Linienbus entführt worden, der von Aleppo nach Damaskus fuhr. Wie „Asia News“ berichtet, wird in allen Kirchen Aleppos unabhängig von der Konfession für die Freilassung der Metropoliten gebetet. Der melkitische Erzbischof Jean Clement Jeanbart berichtete, dass in seiner Kathedrale an jedem Nachmittag mehr als 1 000 Gläubige für die beiden Metropoliten beten. Die Menschen seien „verwirrt und erschüttert“ durch die widersprüchlichen Nachrichten der letzten Tage über die angebliche Befreiung der Metropoliten. Leider verließen sich manche westliche Medien auf Informationen aus zweiter Hand, ohne sie nachzuprüfen. Seit Monaten gebe es in Syrien auch eine „Diktatur der falschen Informationen, die Verwirrung stiftet und zu falschen Hoffnungen Anlass gibt“, so Jeanbart. In Syrien gebe es „Männer und Frauen, die ihr Leben riskieren, um die Wahrheit zu sagen und sich weder mit den Rebellen noch den Islamisten oder dem Regime einlassen“. Syrien werde nicht nur „von den Bomben, sondern auch von dem durch die Lügen genährten Hass“ heimgesucht, so der Erzbischof. In dieser Situation habe jeder Christ die Pflicht, der „Straße der Wahrheit“ zu folgen.

Bereits am Mittwoch hat Papst Franziskus eine Freilassung der in Syrien entführten orthodoxen Bischöfe gefordert. Er bete für ihre baldige Rückkehr, sagte der Papst bei der Generalaudienz. Zugleich rief er die Konfliktparteien in Syrien zur Beendigung des Blutvergießens auf. Es müsse eine politische Lösung gefunden werden. Zudem bedürfe es humanitärer Hilfe für die Bevölkerung. Der „Weltrat der Aramäer“ appellierte an Regierungen und Medien, die Anstrengungen zur Befreiung der Metropoliten und zur Identifikation der Entführer fortzuführen und weiter über das Schicksal der Bischöfe und „das der Christen als der verletzlichsten Gruppierung im vom Krieg heimgesuchten Syrien“ zu publizieren.

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill betonte in einem Telegramm an den antiochenisch-orthodoxen Patriarchen Youhanna, dass er alle Anstrengungen unternehme, um die Freilassung der Bischöfe zu erreichen. Er betrachte die Entführung der Metropoliten als „schwerwiegendes Verbrechen“, so Kyrill. Dieses Verbrechen sei gegen geistliche Führungspersönlichkeiten gerichtet, die immer nur „zum Frieden und zur Brüderlichkeit“ aufgerufen hätten. Es sei tragisch, dass ein solches Verbrechen auf syrischem Boden möglich war, wo geistliche Führungspersönlichkeiten immer „mit größtem Respekt“ behandelt worden seien. In einem Brief an den syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatios Zakka I. Iwas stellte Kyrill fest, neuerlich habe es eine „inhumane und zynische Aktion“ von Seiten jener Leute gegeben, die oft als „Kämpfer für Freiheit und Demokratie“ dargestellt würden.

Nach Angaben des mit den beiden Metropoliten befreundeten syrischen Menschenrechtsaktivisten Wail Malas geht die Entführung auf das Konto der Abteilung „Chair-ed-din az Zarkali“ der islamistischen „Al Nusra“-Front. Die Mitglieder dieser Abteilung sollen tschetschenischer Herkunft sein. In einem Interview mit „Voice of Russia“ sagte Malas, die Metropoliten hätten versucht, die „Chair-ed-din az Zarkali“-Leute zu veranlassen, die zwei Priester aus Aleppo freizugeben, die am 9. Februar aus dem Linienautobus Aleppo-Damaskus entführt worden waren. Nach vielen Kontakten sei den Metropoliten versichert worden, dass man die Priester freigeben werde. Als die Bischöfe zum vereinbarten Treffpunkt kamen, seien sie dann ihrerseits gekidnappt worden. Malas fürchtet, dass den Christen in Syrien ein ähnliches Schicksal bevorsteht wie im Irak. Schon jetzt hätten 400 000 Christen Syrien verlassen, weil sie um ihre Sicherheit fürchten. Auch im hauptsächlich von Christen bewohnten Wadi al-Nasara würden fast täglich Drohbriefe ankommen, in denen die Empfänger vor die Alternative „konvertieren, flüchten oder sterben“ gestellt werden.

Kardinal Christoph Schönborn, der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Nicolae Dura, und „Pro Oriente“-Präsident Johann Marte haben am Donnerstag in einer Erklärung die Freilassung der entführten Metropoliten von Aleppo gefordert. Für die Christen müsse das Recht auf volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung verankert und durchgesetzt werden. Wörtlich heißt es in der Erklärung: „In erschütternder Weise ist durch die Entführung der beiden Bischöfe die Tragödie des syrischen Volkes noch deutlicher geworden, das immer mehr zum Spielball widerstreitender politischer und ideologischer Kräfte wird.“ Syrien sei „in seiner Geschichte durch das selbstverständliche Miteinander verschiedener religiöser Gruppen gekennzeichnet“ gewesen. „Dieses kostbare Erbe darf nicht von radikalen Fanatikern zerstört werden. In Syrien ist schon so viel Blut geflossen, zu viele Menschen sind aus ihren Lebensverhältnissen herausgerissen worden, zu viel ist zerstört worden.“

Für die entführten Metropoliten wurde am Donnerstag in der Kapelle des Weltkirchenrats in Genf ein Gottesdienst gehalten. Österreichs Außenminister Michael Spindelegger zeigte sich schockiert über die Entführung: Der Vorfall sei ein „verheerendes Signal für die christlichen Minderheiten im Nahen Osten. Religiös motivierten Gewalttaten muss Einhalt geboten werden und wir werden uns auch in Zukunft mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für Religionsfreiheit und den Schutz religiöser Minderheiten auf der ganzen Welt einsetzen.“

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