„Nach den lebendigen Steinen schauen“

... bittet die palästinensische Tourismus-Ministerin die christlichen Pilger im Heiligen Land
Foto: Johannes Zang | Khouloud Daibes Abu Dayyeh ist Ministerin für Tourismus und Altertümer.
Foto: Johannes Zang | Khouloud Daibes Abu Dayyeh ist Ministerin für Tourismus und Altertümer.

Khouloud Daibes Abu Dayyeh (46) ist palästinensische Ministerin für Tourismus und Altertümer. Die parteilose Politikerin hat an der Universität Hannover Architektur studiert. Seit März 2007 ist die Mutter von drei Kindern im Amt. Johannes Zang hat die einzige Christin in der derzeitigen palästinensischen Regierung zu Weihnachten in Bethlehem, der israelischen Sperrmauer und zur politischen Lage befragt.

Vor zehn Jahren tobte die zweite Intifada in Bethlehem – wie ist die Lage heute?

Bethlehem ist heute offen und zugänglich für Touristen und Besucher, auch wenn Bethlehem mit einer Mauer umgeben ist. Nach dem Rekord in Bethlehem im vergangenen Jahr mit etwa zwei Millionen Besuchern herrschte schon ein wenig Sorge, dass dies bloß ein einmaliger Erfolg sein könnte. Unsere Untersuchung bis einschließlich 1. Dezember legt den Schluss nahe, dass wir dabei sind, die Zahl von 2010 sogar noch zu übertreffen.

Sie haben die Sperrmauer angesprochen: Der evangelische Pfarrer Mitri Raheb hat errechnet, dass durch den Zickzackverlauf der Mauer allein im Bezirk Bethlehem Grundstücke im Wert von 27 Milliarden US-Dollar verlorengingen ...

Bethlehem ist stark von der Siedlungspolitik und der Landenteignung betroffen. Gerade in dieser Zeit, wo in Cremisan (Weinkellerei der Salesianer, A.d.R.) und Walajeh (palästinensisches Dorf bei Cremisan, A.d.R.) der Prozess der Enteignung läuft, werden viele Familien dadurch ihr Land, ihre Arbeit oder ihr Einkommen verlieren. Darunter sind auch viele christliche Familien. Bethlehem ist isoliert. Man kann sich nicht gänzlich frei bewegen, worunter auch viele Wirtschaftsbetriebe leiden oder zerstört wurden. Die meisten Textilfabriken haben geschlossen, das war im Raum Bethlehem einmal eine wichtige Industrie.

Spürt man trotz Siedlungsbaus, Landenteignung und bürokratischer Maßnahmen wie etwa in Form von verweigerter Familienzusammenführung Weihnachtsstimmung in Bethlehem?

Ja schon. Dieses Weihnachten soll besonders werden. Letztes Jahr haben wir unsere Besucher zu Weihnachten gebeten: Pray for the Freedom of Palestine – Betet für die Freiheit Palästinas. Auch dieses Jahr wollen wir eine Botschaft der Hoffnung aussenden. Und das, obwohl wir noch keinen Staat haben und unsere Bemühungen bei den Vereinten Nationen noch nicht dazu geführt haben, dass wir die Vollmitgliedschaft bekommen haben.

Die Mitgliedschaft in der UNESCO hat Palästina teuer bezahlen müssen: Die USA, Kanada und Israel haben ihre Beitragszahlungen an die UNESCO eingestellt; Zölle und Steuern im Wert von etwa 100 Millionen US-Dollar, die Israel als Besatzungsmacht für die Palästinenser erhebt, wurden vorübergehend einbehalten und sollen jetzt weitergeleitet werden...

Das sind unsere Gelder, die Israel nur sammelt, weil wir sie unser Land besetzen. Wir werden dafür kollektiv bestraft für die Vollmitgliedschaft in der UNESCO. Das ist eine Kulturorganisation. Dies ist eine kollektive Strafe, die wir nicht akzeptieren können und uns in eine schwierige finanzielle Situation bringt. Diesen Monat können wir vielleicht die Gehälter nicht bezahlen.

Was sollte ihrer Ansicht nach die europäische Politik tun?

Keine Zeit mehr verlieren, wenn wirklich die Zwei-Staaten-Lösung noch möglich sein sollte. Denn mit jedem Tag, den wir verlieren, wird diese Lösung mehr und mehr unmöglich. Das palästinensische Volk verdient ein besseres Leben. Es verdient wie alle Völker, in Würde zu leben in einem eigenen Staat. Nur dann wird die Sicherheit für Israel garantiert. Man kann nicht von einem besetzten Volk erwarten, die Sicherheit der Besatzer zu garantieren.

Das Schicksal der palästinensischen Christen ist vielen Glaubensbrüdern nicht bewusst. Sind Sie als Christin von den Christen in Europa und Amerika enttäuscht?

Ich versuche, das anders zu beschreiben. Die Christen, die in Palästina, aber auch in der Region leben, sind die ersten Christen. Es gibt sie in Bethlehem seit der Geburt Christi. Wir sind manchmal traurig, dass kaum jemand um unsere Existenz weiß. Viele sind dann überrascht und darüber, dass es auch palästinensische Christen gibt. Gerade Pilgern, die zu uns kommen, sagen wir dann, dass sie sich nicht nur für religiösen Plätze und Steine, die wir sehr lieben, ehren und schützen, interessieren sollen. Durch unsere Existenz sind diese religiösen Stätten und Kirchen nicht Museen geworden, sie sind lebendige Kirchen. Wir wollen, dass die Pilger nach den lebendigen Steinen schauen, dass sie mit Menschen zusammenkommen, und wissen, was es bedeutet, für mehrere Jahrzehnte unter Besatzung zu leben.

Tun sich die palästinensischen Christen, die seit 1967 unter israelischer Besatzung leben, schwer, an den neugeborenen Friedensfürsten Jesus zu glauben?

Im Gegenteil. Als Christen ist für uns Weihnachten ein Zeichen der Hoffnung. Dass wir die Geburt Jesu gerade hier in Bethlehem feiern, am Ort des Geschehens, gibt uns Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Insofern schöpfen wir daraus neue Energie. Die palästinensischen Christen sind ein integraler Bestandteil der Gesellschaft. Die Präsenz der Christen ist wichtig. Auch wenn die Zahl der Christen klein ist, sind wir auf allen politischen Ebenen, im Parlament, in der Regierung und auf lokaler Ebene in Stadtverwaltungen vertreten.

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Da ich öffentlich tätig bin, hoffe ich, dass wir nächstes Jahr bessere Voraussetzungen haben, um auszuhalten und hierzubleiben; dass man die Hoffnung und die Energie nicht verliert, an ein besseres Leben zu glauben. In der Politik tätig zu sein, ist schwierig, aber im palästinensischen Kontext ist es ermüdend. Ich will die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für meine Kinder, für alle Kinder in dieser Region nicht verlieren. Ich will nicht aufgeben. Es ist mein Wunsch, dass durch Weihnachten die Kräfte erneuert werden. Für mich persönlich, aber auch für alle, die an Frieden glauben und für den Frieden hart weiterarbeiten wollen. Ich lade Sie ein, jederzeit unser wunderschönes Land zu besuchen und die Warmherzigkeit unseres Volkes zu erleben und zu genießen. Von Bethlehem aus wünschen wir all unseren Freunden fröhliche Weihnachten.

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